Schwarzwald-Baar – Marcel Klinge hat schon einige Erfahrung mit Bundestagswahlkämpfen gesammelt: Er tritt zum dritten Mal nach 2009 als FDP-Kandidat im Wahlkreis Schwarzwald-Baar an. Doch es gibt einen Unterschied zu den vorangegangenen Wahlkämpfen: Dieses Mal rechnet sich Klinge sehr gute Chancen auf ein Mandat aus.

  • Wer er ist: Marcel Klinge ist vor 36 Jahren in Apolda in Thüringen auf die Welt gekommen, aber aufgewachsen ist er in Villingen-Schwenningen. „Ich fühle mich hier total wohl, das ist meine Heimat, ich lebe hier sehr gerne“, betont er. Bis heute hält er der Doppelstadt die Treue und hat hier auch seinen Hauptwohnsitz, obwohl sich aus beruflichen Gründen sicher auch andere Optionen angeboten hätten.

Zum Beispiel, als er nach dem Abitur an der Villinger Albert-Schweitzer-Schule zum Studium der Politikwissenschaften und Soziologie nach Berlin zog, wor er 2012 mit einer Doktorarbeit zum Thema „Islam und Integrationspolitik“ an der Humboldt-Universität promoviert wurde.

Oder zum Beispiel 2015: Damals wurde die FDP in Bremen nach einer mehrjährigen Pause wieder in den dortigen Landtag, die Bürgerschaft, gewählt. Und Marcel Klinge wurde als Geschäftsführer der neuen liberalen Fraktion eingestellt: Er baute unter anderem das neue Mitarbeiterteam mit auf und kümmert sich bis heute für die FDP-Bürgerschaftsfraktion um Finanzen, Personalfragen, Pressearbeit und die Organisation der parlamentarischen Abläufe.

Zu dieser Aufgabe kam er über seinen guten Kontakt zu Lencke Steiner, eine Unternehmerin und damalige Spitzenkandidatin der Bremer FDP. Klinge arbeitete zu dieser Zeit noch als Pressesprecher für den Interessenverband Die Familienunternehmer, in dessen Unterorganisation Die Jungen Unternehmer sich Lencke Steiner engagierte. Nach dem Wahlerfolg 2015 „hat sie mich mitgenommen“, erzählt Klinge. Und dann hieß es, bei Null anzufangen und die Fraktionsarbeit ins Laufen zu bringen: „Es war ein Sprung ins kalte Wasser“, so Klinge, aber einer, den er keinesfalls bereut. „Ich habe sehr viel gelernt und außerdem herrscht bei uns ein tolles Teamwork.“

Und so pendelt Marcel Klinge nach wie vor zwischen Bremen und Villingen-Schwenningen, wo er auch noch ein Gemeinderatsmandat für die FDP ausübt. Vor allem leben seine Mutter, die inzwischen in Rente ist, und sein elfjähriger Neffe hier. Sie hatten jetzt mitten im Wahlkampf einen Umzug in eine größere, gemeinsame Wohnung in der Villinger Südstadt zu organisieren. Denn Klinge hat Ende 2016 die Betreuung und Erziehung seines Neffen übernommen und kümmert sich nun zusammen mit seiner Mutter um ihn, nachdem eine von Klinges Schwestern, die Mutter des Jungen, aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr voll für ihr Kind sorgen kann. Ihm sei klar gewesen, dass das eine Verpflichtung auf Dauer ist, sagt Klinge – doch die Alternative wäre gewesen, den Neffen in eine Pflegefamilie zu geben, und das wollten er und seine Mutter nicht. Klar ist für ihn aber auch: „Mein Respekt vor Alleinerziehenden ist noch größer geworden.“

  • Was ihn antreibt: Marcel Klinge ist den Liberalen schon lange treu – und sie ihm. Inzwischen zum dritten Mal hat der FDP-Kreisverband den Villingen-Schwenninger als Bundestagskandidaten aufs Schild gehoben. Die beiden ersten, vergeblichen Anläufe in den Bundestag fielen sehr unterschiedlich aus: 2009 holte er 13,4 Prozent Erststimmen, die FDP erhielt 20,8 Prozent Zweitstimmen. 2013 gab es dagegen nur 2,5 Prozent Erststimmen für ihn und 5,9 Prozent Zweitstimmen im Wahlkreis Schwarzwald-Baar für die Liberalen, die damals freilich bundesweit abstürzten und den Bundestag verlassen mussten.

Doch Klinge ist Freier Demokrat aus fester Überzeugung, seit er 2001 der FDP beitrat. „Wir sind die einzige Partei, die dem Individuum ohne Einschränkung vertraut“, sagt er: „Ich will auch nicht bevormundet werden, was ich esse, ob ich rauche oder wann ich arbeite.“ Der Staat solle nur eingreifen, „wo es notwendig ist.“ Die FDP sei auch eine optimistische Partei mit dem Anspruch, die Zukunft aktiv zu gestalten.

Optimismus hatten die Liberalen in zuletzt sicher auch nötig. „Das verlangt auch Stehvermögen, da muss man auch dranbleiben und sich durchbeißen“, sagt er mit Blick darauf, dass die FDP vor vier Jahren erst einmal in eine Krise stürzte, aber auch, dass ihm selbst hie und da parteiintern auch der Wind mal etwas ins Gesicht blies.

Doch seit 2013 ging es für ihn wie für die Liberalen wieder bergauf. Marcel Klinge wurde 2014 in den Gemeinderat von Villingen-Schwenningen gewählt und seit 2014 steht er an der Spitze des FDP-Bezirksverbandes Südbaden. Zudem ist er Mitglied im Landes- und Bundesvorstand der FDP.

Vor allem aber kann Klinge bei seinem dritten Anlauf in den Bundestag auf Platz sechs der FDP-Landesliste kandidieren. „Wenn die FDP im Bund die Fünf-Prozent-Hürde schafft, habe ich einen Sitz im Bundestag“, hat er sich ausgerechnet. Das wiederum sei von hohem Wert für den Wahlkreis, der dann mit mehr als immer nur mit einem Abgeordneten in Berlin vertreten wäre und so mehr Beachtung für seine Anliegen fände.

  • Was er anstrebt: „Wir stehen ein für weltbeste Bildung, für den Ausbau der Grundlagen für die Digitalisierung, und auch dafür, dass sich Leistung auch lohnen muss“, fasst Klinge seine Hauptanliegen zusammen.

Wenn der Bund etwa seine Telekom-Aktien verkaufen würde, kämen schätzungweise vier Milliarden Euro für den Ausbau von Breitbandnetzen fürs schnelle Internet zusammen. „Wir wollen ein eigenes Digitalisierungsministerium“, betont der Kandidat. Auch die Mobilfunklöcher im Schwarzwald müssten verschwinden. „Es ist sicher untypisch für einen Liberalen, darin eine staatliche Aufgabe zu sehen“, räumt Klinge ein, „aber hier geht es um eine grundlegende Infratstruktur wie Schienen und Straßen.“ Und die Telekom sei leider „einer der größten Bremser“ in diesem Bereich.

Zudem müsse der Bildungsbereich stärker gefördert werden – durch mehr Geld für die Länder und Kommunen, um die Schulgebäude und den Lehrerberuf attraktiver zu machen.

  • Wie er die Lage einschätzt: Die Chancen für einen liberalen Erfolg und damit für seinen Einzug in den Bundestag stünden gut, ist Klinge sicherNach dem Absturz sei die FDP bescheidener geworden: „Wir wollen schon regieren, aber nicht um jeden Preis, sondern nur, wenn wir Koalitionspartner finden, mit denen wir viel von unseren Inhalten umsetzen können.“ Die Partei habe ihre Fixierung auf die Themen Steuern und Finanzen von 2013 beendet und weitere Themen wie Bildung, Digitalisierung, Sicherheit und Bürgernähe in den Fokus genommen. Und: „Wir haben unser Personal fast komplett erneuert“ – das eben nicht nur aus dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner bestehe, sondern aus vielen kompetenten Liberalen.

Den Wahlkampf „finanzieren wir aus Spenden und aus eigener Tasche“, sagt Klinge, ohne ein konkretes Budget zu nennen. Er sammle schon seit 2016 Spenden für diesen Zweck, dazu kämen die Zeit und das ehrenamtliche Engagement von ihm und seinen Mitstreitern.

Bewerber-Check

Wer sind die Bundestagskandidaten von CDU, SPD, Grünen, FDP, AfD und Linke im Wahlkreis Schwarzwald-Baar? Woher kommen sie, wofür stehen sie, was sind ihre Ziele? Der SÜDKURIER stellt die Bewerber vor in der Serie Kandidaten im Porträt: Thorsten Frei (CDU), Jens Löw (SPD), Volker Goerz (Grüne), Marcel Klinge (FDP), Joachim Senger (AfD) und Patrick Bausch (Die Linke).