Zusatzangebote werden abgesagt, Klassen zusammengelegt, Unterricht fällt aus – die Lehrerversorgung an vielen Schulen in Baden-Württemberg ist angespannt. Da sind auch Grundschulen im Schwarzwald-Baar Kreis keine Ausnahme. Wegen der Knappheit wechseln einige Lehrer von Teilzeit in Vollzeit. Zudem werden pensionierte Lehrer in den Dienst zurückgerufen und Krankheitsvertretungen sind Mangelware. Kein Direktor blickt entspannt aufs kommende Schuljahr. Warum kriegen die zuständigen Ämter das Problem nicht in den Griff? Das Donaueschinger Schulamt argumentiert: Die Nachwehen der Studienumstellung macht allen zu schaffen.

Jane Heinichen.
Jane Heinichen. | Bild: unbekannt

An der Goldenbühlschule in Villingen kennt man die Probleme. „Im vergangenen Schuljahr gab viele Lehrer-Ausfälle“, zieht die scheidende Rektorin Jane Heinichen Bilanz. Häufig mussten Kollegen aus benachbarten Schulen wegen Krankheit oder Schwangerschaften aushelfen. „Wir haben dauerhaft mit einer gewissen Unsicherheit zu kämpfen“, sagt sie. Mittlerweile habe sich die Situation beruhigt.

Kreative Lösungen werden gesucht

Das Kultusministerium geht davon aus, dass im kommenden Schuljahr 500 Grundschullehrer fehlen werden. Den 1600 frei werdenden Stellen stehen dann nur 1100 Lehrer mit Lehrbefähigung für die Grundschule gegenüber. Aus diesem Grund will das Ministerium Gymnasiallehrer für die Klassen 1 bis 4 begeistern. Eine spätere Einstellungszusage im gymnasialen Lehramt soll Anreiz schaffen, zunächst an einer Grundschule zu arbeiten.

Wie es im kommenden Jahr an den 160 Grundschulen mit rund 24 500 Schülern im Schwarzwald-Baar Kreis aussehen wird, darüber hält sich das zuständige Schulamt in Donaueschingen bedeckt. „Wir können für das neue Schuljahr noch keine fundierten Aussagen treffen, weil die planungsrelevanten Daten noch nicht vorliegen“, teilt Sabine Rösner vom Schulamt auf Anfrage mit. „Was wir sagen können: Auch im nächsten Jahr werden wir mit dem Lehrermangel zu kämpfen haben. Es gibt einfach zu wenige“, erklärt sie.

Derzeit stecke das Schulamt mitten in der Bewerbungsphase für Nachwuchslehrer. Sie könnten die angespannte Situation entlasten. 100 Stellen seien für den Landkreis ausgeschrieben. „Wir hoffen, dass wir die freien Plätze füllen können und damit im nächsten Jahr etwas mehr Ruhe haben“, sagt sie.

Sabine Rösner.
Sabine Rösner. | Bild: unbekannt

Die Ursache für den Lehrermangel verortet Rösner nicht im unpopulären, pädagogischen Berufsfeld allgemein. „Ich glaube, viele wollen heute noch Lehrer werden“, sagt sie. Es gebe jedoch immer mehr Kinder, die an den Schulen unterrichtet werden müssen. Zudem habe sich die Ausbildung zum Grundschullehrer verändert. „Heute gibt es das Studium mit Primar- und Sekundarstufe. Dadurch zieht sich das Studium in die Länge.“ Nächstes Jahr werde es noch einmal eng. Im Jahr darauf sollte die Umstellung des Studiums laut Rösner dann an den Schulen nicht mehr zu spüren sein.

„Dank des hervorragenden Einsatzes von Schulleitungen und Lehrkräften konnte der Pflichtunterricht in der Regel an den meisten Schulen im Schwarzwald-Baar-Kreis erteilt werden“, sagt Rösner. Pensionäre, Rückkehrerinnen aus der Elternzeit und Krankheitsvertreter seien überall im Einsatz gewesen. „Auch von Teilzeiterhöhungen und Abordnungen machen wir Gebrauch. Das ist aber kein neues Phänomen. Das machen wir schon seit Jahren so“, sagte sie.

Lehrermangel soll schlimmer werden

Auch an der Neckarschule in VS-Schwenningen hatten die Lehrer alle Hände voll zu tun, um Krankheitsausfälle zu kompensieren. Einige Pensionäre mussten den Dienst wieder aufnehmen, damit so wenig Unterricht wie möglich ausfallen musste. „Ohne die hätten wir das nicht gestemmt“, gibt Rektorin Fänke Hertel zu. Sie geht davon aus, dass der Lehrermangel im kommenden Schuljahr noch schlimmer wird: „Die Flut der Pensionäre hält an und gleichzeitig kommen immer mehr Schüler zu uns.“ Eine teuflische Mischung, die die Schulen nur mit vereinten Kräften stemmen können.

Ähnlich sieht das auch Erika Götz. Die Rektorin der Südstadtschule konnte noch vor einigen Jahren Sprachförderungskurse für Flüchtlinge anbieten. Das ist unter den heutigen Umständen nicht mehr möglich. Laut Götz liegt der Mangel an Nachwuchs nicht nur daran, dass junge Menschen lieber in Großstädte ziehen oder das Studium länger dauere, sondern daran, dass Lehrer zu schlecht bezahlt würden: „Es ist schlichtweg unattraktiv, Grundschullehrer zu werden. Gymnasiallehrer verdienen deutlich mehr. Anreize fehlen“, sagt sie empört.

Früher zu viel, heute zu wenig

Nicht ganz so dramatisch sieht es ihr Nachfolger Elmar Dressel. Er wird ab kommenden Jahr die Schulleitung übernehmen und blickt zwar skeptisch, aber nicht motoivationslos in die Zukunft: „Ich bin mir sicher, dass wir den Pflichtunterricht erteilen werden. Ein Problem wird aber sein, dass wir kein Kontingent mehr haben um zu jonglieren“, sagt er. Jonglieren? Damit meint Dressel Kapazitäten, die greifen, wenn ein Lehrer ausfällt. „Als ich an die Schule kam, gab es noch zu viele Lehrer. Einige hatten Probleme, überhaupt einen Job zu finden. Heute hat sich das ins Gegenteil verkehrt“, sagt er.

 

"AGs und Förderstunden kennen viele Schulen nur noch vom Hörensagen"

Michael Gomolzig, stellvertretender Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, kritisiert den Lehrermangel und fordert eine gerechtere Besoldung von Grundschullehrern.

Herr Gomolzig, welche Note geben Sie der aktuellen Lehrerversorgung in Baden-Württemberg und wie schätzen Sie die Situation ein?

Hier muss man – wie in der Schule auch – differenzieren. Dringender Bedarf herrscht sowohl in den Grundschulen als auch in den SBBZ, vormals Sonderschulen. Insgesamt ist die gesamte Versorgung der Schulen „auf Kante genäht”. Das heißt konkret: wenn alle Lehrer zur Schule kommen, ist der Pflichtbereich meist gesichert. Den Ergänzungsbereich, AGs und Förderstunden, kennen viele Schulen nur noch vom Hörensagen. Die meisten Schulen haben keine oder nur ganz wenige Krankheitsvertretungsstunden. Wenn Lehrer ausfallen, muss Unterricht ausfallen. Da das bei der verlässlichen Grundschule schlecht geht, müssen Klassen zusammengelegt oder von einer Lehrkraft gleichzeitig betreut werden. Statistisch fällt dann kein Unterricht aus, die Qualität leidet jedoch. Oder Lehrer in Teilzeit müssen Überstunden ableisten, obwohl sie bewusst ein niedrigeres Deputat gewählt haben.

Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen hierfür?

Politiker haben davor gewarnt, aufs Lehramt zu studieren. Obendrein hatte die vorige grün-rote Landesregierung angekündigt, 11 600 Lehrerstellen zu streichen, obwohl die Aufgaben in den Schulen zunahmen – Ganztagsschulen, Inklusion, Flüchtlinge, Individualisierung des Lernens. Wer fängt da ein Lehrerstudium an, wenn er damit rechnen muss, nach dem Referendariat bei Aldi Regale auffüllen zu müssen. Wer heute auf Lehramt studiert, kommt frühestens nach sieben Jahren „auf den Stellen-Markt”. Der VBE hat daher eine Verstetigung der Lehrereinstellung und eine langfristige Bedarfsprognose gefordert.

Wie sollte auf den Lehrermangel reagiert werden?

Es sollte keinesfalls dazu führen, dass die Qualität von Unterricht abnimmt, weil nur noch Hilfskräfte zur Verfügung stehen und kein Fachpersonal mehr eingestellt werden kann. Obwohl Grundschullehrer fehlen, haben Pädagogische Hochschulen weiterhin Zugangsbeschränkungen (Numerus clausus). Das darf nicht so bleiben.

Ein aktueller Vorschlag besagt, Gymnasiallehrer, die nach erfolgter Ausbildung an einer Grundschule unterrichten, mit einer Einstellungszusage zu locken – was halten Sie von der Idee?

Gymnasiallehrer empfinden das nach meinem Kenntnisstand als “Abschulung” oder Degradierung, sie verdienen auch deutlich weniger und haben an der Grundschule ein höheres Deputat. Sie haben bewusst Fächer studiert, um mit älteren Schülern fachlich auf hohem Niveau zu arbeiten, und wollen sich deshalb nicht auf den Anfangsunterricht, der ganz anders abläuft, einlassen. Mit Einstellung von Gymnasiallehrern, die fachlich hervorragend qualifiziert sind, kommen Pädagogen an die Grundschule, die mit den Problemen des Anfangsunterrichts nicht vertraut sind.

Die Löcher werden derzeit unter anderem durch Pensionäre und Überstunden geflickt. Was halten Sie von diesen Lösungen?

Pensionäre bringen einen reichen Erfahrungsschatz mit und sind fachlich und menschlich für die Schulen ein Gewinn. Gleichzeitig haben die ihren Ruhestand verdient und sollten nicht über Gebühr belastet werden, zumal das Unterrichten wegen schwieriger gewordenen Schülern immer anstrengender wird. Wichtiger wäre es, Grundschullehrkräfte nicht schlechter als andere Lehrer zu besolden, damit das Amt attraktiver gemacht wird. Ein Grundschullehrer hat auch noch ein höheres Deputat als ein Gymnasiallehrer und dabei eine viel heterogenere Klasse mit ganz anderen pädagogischen Herausforderungen als an einem Gymnasium.

Fragen: Dana Coordes