Buchautor Hamed Abdel-Samad ist im Theater am Ring in VS-Villingen bei Wolfgang Niess zu Gast. Dass es keine normale Buchbesprechung wie üblich wird, bekommt man gleich am Eingang körperlich zu spüren. Ein Sicherheitsmann tastet Kleidung und Rucksack ab.

Seit 2013 unter Polizeischutz

Der 47-jährige Abdel-Samad gilt als profilierter Islamkritiker. Weil er das mit einiger Wortgewalt tut, steht er seit 2013 unter Polizeischutz. Sein neuestes Buch provoziert ebenfalls: „Integration – Protokoll des Scheiterns“. Wolfgang Niesss nimmt den Titel als erste Frage auf. Ist die Integration wirklich gescheitert? Doch Hamed Abdel-Samad ist nicht nur Provokateur. Dementsprechend fällt die Antwort differenziert aus. Wer sich für Deutschland entscheide, der könne sich integrieren. Und das hätten auch viele der Migranten getan. Aber wer zwischen dem Land und sich eine Mauer aus Religion bau, der könne hier nie ankommen.

"Märchenstunde der gelungenen Integration"

Abdel-Samad wirft den Verantwortlichen vor, eine Märchenstunde der gelungenen Integration zu zelebrieren. Und die Medien spielten das Spiel mit. Doch, so fragt Abdel-Samad, was ist der Auftrag der Presse? „Wahrheitsfindung oder Verhinderung der AfD? Man muss sich entscheiden“, so seine Worte.

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Ob er denn prädestiniert sei, den Islam zu kritisieren, wo er doch selbst ein Muslim ist und aus Ägypten stammt, will Wolfgang Niess von Abdel-Samad wissen. Zumindest könne er erahnen, wohin ein junger Muslim tendiert, worin die Ursachen für seine Zweifel liegen. Denn das könne er sehr gut nachvollziehen. Mit 23 Jahren kam Hamed Abdel-Samad 1995 aus Ägypten nach Deutschland. Verwirrend war für ihn, was er vorfand. Zwischen Goethe und Göring, Marx und Mercedes, Harald Schmidt und Helmut Schmidt, Loriot und Stefan Raab, Roberto Blanco und Heino oszillierte Deutschland für ihn. Was, so stellte sich Abdel-Samad damals die Frage, war also die Identität dieses Landes. Und wo seine eigene?

Eine Frage der Freiheit

Dazu kam, dass er als Sohn eines streng gläubigen Imams in dem Glauben aufgezogen worden war, dass der Islam moralisch dem Westen überlegen sei. „Ich wollte zwar frei sein, aber nicht zu viel. Doch Freiheit kann man nicht aufteilen. Das musste ich lernen“, so Abdel-Samad. Im Laufe der Jahre wurde er nach sorgfältiger wissenschaftlicher Analyse des Korans ein Kritiker des Islams. Doch manche Kreise werfen ihm heute vor, ein Islamhasser zu sein. Abdel Samad muss über diese Einschätzung lachen. „Wenn ich in Tunesien Vorträge halte, gelte ich als Aufklärer“, verdeutlicht er.

Hass und Liebe, Respekt und Verachtung

Der Koran, so konkretisiert er jedoch seine Kritik, beinhalte gemischte Botschaften. Hass und Liebe, Respekt und Verachtung, strebe eine Herrschaft des Islam an. Mit dieser Unklarheit verwirre er junge Muslime, die damit keine gefestigten Persönlichkeiten ausbilden können, ist Abdel-Samad überzeugt. „Was ich kritisiere, ist die politisch-juristische Seite von Religion, nicht ihre Spiritualität“. Und das betreffe nicht nur den Islam, sondern alle Religionen, macht Abdel-Samad deutlich.

Nachhilfe-Unterricht für die Rechten

Dabei nimmt er Muslime durchaus in Schutz. „Die Rechten liegen falsch, wenn es um Muslime geht. Der Moslem, der ein Koran auf zwei Beinen ist, den gibt es nicht im großen Maße. Ich kenne so viele, die demokratisch sind und leben wie alle“, so Abdel-Samad. Den politischen Islam müsse man bekämpfen, den Islam, der sich auf einem freiheitsfeindlichen Koran stützt. Die normalen Muslime jedoch müsse man gewinnen im Kampf gegen misslungene Integration.

"Politik macht einen Kardinalfehler"

Allerdings habe eine gesellschaftliche Kultur des Schweigens dazu geführt, dass über die Jahre arabisch-türkische Parallelgesellschaften wachsen konnten. „Es werden schöne Sätze gesprochen und die Politik macht den Kardinalfehler, den politischen Islam wie Ditib zu fördern – und Kirchenvertreter geben aus falscher Nächstenliebe dem Muslimbruder die Hand“, bringt er es auf den Punkt.

"Wertekanon ist wichtig"

Abdel-Samad zeigt sich dabei als überzeugter Europäer: „Ein gemeinsamer europäischer Wertekanon ist wichtig. Demokratie muss verteidigt werden, gegen jede Form der Unfreiheit“, gibt der Autor zu Protokoll.