Gerhard Jordan steht an einer großen Fräsmaschine und fixiert einen Waschtisch, den er gemäß den Wünschen seines Kunden individuell zuschneidet. Im Betrieb des Schreinermeisters in Villingen deutet wenig auf das verklärte Bild einer Schreinerwerkstatt hin. Stattdessen bestimme große, moderne Maschinen das Bild, die per Touchscreen gesteuert werden.

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Viel hat sich in den vergangenen Jahren in den Handwerksbetrieben durch die Digitalisierung verändert. Auch die Spezialisierung von Berufen und die Erweiterung von angebotenen Dienstleistungen hat die Arbeit im Handwerk verändert. Allein: Viele Betriebe kämpfen mit Nachwuchsmangel. Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es viele Handwerker, die trotz sicherer Arbeitsplätze und guten Einkommen kaum mehr Bewerber auf offene Ausbildungsplätze haben. Woran liegt das?

Kritik an den Gesamtschulen

"Ein wesentlicher Punkt liegt in der Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem", schildert Gerhard Jordan seine Sicht der Dinge. Ein guter Hauptschulabschluss sei heute weniger wert und Eltern ließen ihre Kinder lieber länger in der Schule. Diesen Eindruck hat auch Jürgen Kessler, Diplom-Ingenieur und Geschäftsführer eines Heiztechnik-Betriebs in Donaueschingen. "Viele Schulabgänger machen Abitur und studieren, obwohl sie nicht dafür gemacht sind. Darunter leidet das Handwerk, weil uns diese jungen Menschen fehlen."

"Als ich den Betrieb 1986 übernommen habe, haben sich 18 junge Männer auf einen Ausbildungsplatz beworben. Heute sind es mit Glück noch fünf." Gerhard Jordan, Schreinermeister
"Als ich den Betrieb 1986 übernommen habe, haben sich 18 junge Männer auf einen Ausbildungsplatz beworben. Heute sind es mit Glück noch fünf." Gerhard Jordan, Schreinermeister

Hinzu komme der demografische Wandel, die Jahrgänge werden kleiner. "Der Rückgang ist massiv. Als ich den Betrieb 1986 übernommen habe, haben sich 18 junge Männer auf einen Ausbildungsplatz beworben. Heute sind es mit Glück noch fünf", erklärt Gerhard Jordan.

Das Handwerk werde schlechtgeredet

Sowohl er als auch Jürgen Kessler bilden jedes Jahr einen Auszubildenden aus. Beide Handwerksmeister, die auch in den Prüfungsausschüssen ihrer Innungen aktiv sind, kritisieren zudem, dass eine Karriere im Handwerk in den Schulen schlecht geredet werde.

"Arbeit gibt es bei uns immer, die Wirtschaft läuft. Und eine warme Wohnung ist für die Menschen ein Grundbedürfnis." Jürgen Kessler, Diplom-Ingenieur
"Arbeit gibt es bei uns immer, die Wirtschaft läuft. Und eine warme Wohnung ist für die Menschen ein Grundbedürfnis." Jürgen Kessler, Diplom-Ingenieur

"Den jungen Menschen wird vermittelt, dass viele einfache Berufe keine Zukunft haben und dass man schlecht verdient. Aber Arbeit gibt es bei uns immer, die Wirtschaft läuft. Und eine warme Wohnung ist für die Menschen ein Grundbedürfnis", erklärt Jürgen Kessler.

Lieber ins Büro als in die Werkstatt

Was beide Handwerker nur ungern sagen, aber dennoch feststellen: Auch die Bewerber selbst hätten sich zum Schlechteren entwickelt. Vielen fehle das Durchhaltevermögen in den körperlich anspruchsvollen Berufen. Auch logisches Denken oder einfaches Kopfrechnen würde vielen Bewerbern schon Probleme bereiten. Zudem seien die Bewerber weniger eigenständig als früher. "Ich suche eigenständige Azubis, die auch eins und eins zusammenzählen können. Wer mit Mama und Papa zum Bewerbungsgespräch kommt, der hat schon verloren", bringt es Gerhard Jordan auf den Punkt.

"Viele junge Leute wollen heute lieber im Büro eines großen Unternehmens arbeiten", erklärt Jürgen Kessler. Das sei jedoch oft langweiliger. Kessler wirbt mit der Vielfalt seines Handwerksberufes und mit umfangreichen Möglichkeiten zur Weiterbildung bis hin zum Studium. "Ich bin jeden Tag im Kontakt mit Kunden. Jeder Auftrag ist anders. Da muss man auch kreativ sein und Lösungen finden."

Jürgen Kessler bildet tradtionell jedes Jahr einen Azubi aus. Allerdings bewerben sich immer weniger Schulabgänger bei ihm.
Jürgen Kessler bildet tradtionell jedes Jahr einen Azubi aus. Allerdings bewerben sich immer weniger Schulabgänger bei ihm. | Bild: Kevin Rodgers

Mit Flüchtlingen haben die Handwerksmeister gemischte Erfahrungen gemacht. Ein Syrer, der bei Kessler arbeitet, wird im kommenden Jahr einen glänzenden Gesellenabschluss absolvieren. Allerdings kämen auch Flüchtlinge zu Praktika in die Betriebe, die nach ein paar Wochen wieder das Weite suchen. "Das wichtigste ist, dass die Flüchtlinge sehr gut deutsch sprechen, bevor sie bei uns anfangen", erklären beide Handwerker. Ansonsten sei die Kommunikation schwierig.

Die Industrie sticht das Handwerk aus

Schwierig sei auch, dass die Industrie viele Bewerber abziehe. Große Unternehmen werben nicht nur mit aufwändigen Ständen auf Ausbildungsmessen für sich, sondern auch mit höheren Einstiegsgehältern, die nicht nur eine eigene Wohnung, sondern vielleicht auch das erste Auto ermöglichen.

Und wenn das Handwerk bei den Azubi-Gehältern mitzieht? Ein Schreinerlehrling verdient im ersten Lehrjahr laut Ausbildungstarifvertrag 606 Euro im Monat, Azubis zum Anlagenmechaniker bekommen 710, Frisöre jedoch nur 500 Euro im Monat – vor Steuern. Höhere Gehälter seien für die Betriebe nicht machbar. "Ein Azubi kostet den Betrieb 15 000 Euro im Jahr", erklärt Gerhard Jordan. Höhere Gehälter seien da nicht drin.

Beide Handwerker setzen darauf, dass sich auch in Zukunft trotz der kleineren Jahrgänge noch genügend motivierte Azubis finden. Denn die Berufe blieben attraktiv und zukunftsträchtig. "Handwerk ist harte und ehrliche Arbeit, die aber auch belohnt wird."