Bei der Delegiertenversammlung der IG Metall Villingen-Schwenningen in der Neckarhalle zeichnete sich ab, dass die Beschäftigten vieler Betriebe in der Region sorgenvoll in die Zukunft schauen. Wie der zweite Bevollmächtigte Rolf Kleiser bei seiner Begrüßung der 42 Delegierten und Ersatzdelegierten betonte, setze sich fort, was sich seit Jahresanfang abzeichnet: „Wir gehen mittlerweile von einer Konjunkturdelle in Richtung Krise oder sogar Rezession.“ Auch müsse sich die IG Metall die Frage stellen, wie man mit der Bewegung „Fridays For Future“ umgeht, die mittlerweile weltweit für mehr Klimaschutz kämpft.

Online-Abstimmung

Thomas Bleile, erster Bevollmächtigter der IG Metall, wollte die aktuelle Lage durch eine Online-Abstimmung der Delegierten in der Halle erfahren. Allerdings hatten nur ungefähr die Hälfte der Delegierten ein Smartphone dabei, um an der Abstimmung teilzunehmen. Von diesen 22 Teilnehmern aus Betrieben in der ganzen Region gehen 70 Prozent davon aus, dass die Auftragslage weiter zurückgeht, für 73 Prozent ist aber Kurzarbeit noch kein Thema. 29 Prozent meinen, bis Jahresende werde Kurzarbeit in ihrem Betrieb eingeführt, 19 Prozent rechnen mit einer Stabilisierung der Lage.

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Boomphase geht zu Ende

Das sind durchaus interessante Zahlen“, bedankte sich Thomas Bleile für diese direkte Einschätzung der IG-Metall-Mitglieder. Diese Aussagen decken sich mit den Ergebnissen aus verschiedenen Befragungen, die Bleile präsentierte. Seit zehn Jahren befinde sich die Branche in einer Boomphase, da aber normalerweise ein Konjunkturzyklus sieben Jahre dauere, „warten wir eigentlich seit drei Jahren auf den Abschwung“.

Frühindikator

Bleile sieht vor allem im Maschinenbau einen Frühindikator für die wirtschaftliche Lage. „Und hier registrieren die Firmen seit Jahresanfang zurückgehende Aufträge.“ Klar sei auf jeden Fall: „Es ist keine Verbesserung in Sicht.“ Wie Thomas Bleile erklärt, befürchte die IG Metall, dass einige Unternehmen die momentane schlechte Lage nutzen, um Personal „loszuwerden“, mit denen die Firmen nicht in die Transformation zur Elektromobilität gehen können.

Mitarbeiter fit machen

„Diese Firmen müssen unsere ganze Härte zu spüren bekommen“, so Bleile und forderte die Unternehmen auf, die Mitarbeiter zu qualifizieren und sie fit zu machen für die neuen Herausforderungen. Die ganzen Maßnahmen des Klimapaketes der Bundesregierung helfen nur den Automobilherstellern direkt. „Aber wo bleiben wir als Beschäftigte?“, fragte Bleile kritisch.

Blick zu Mahle

Wie schlecht und unsicher die Lage beispielsweise bei der Firma Mahle in Rottweil ist, berichtete Thomas Bless, freigestellter Betriebsrat beim viertgrößten deutschen Automobilzulieferer. In Stuttgart werden 380 Stellen abgebaut, in Rottweil sind 50 Mitarbeiter in ein anderes Werk versetzt worden. „Die Leistungsverdichtung bei uns im Betrieb wird immer stärker, externe Berater geben sich die Klinke in die Hand.“ Eine Beschäftigungssicherung gelte nur bis Jahresende.

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Kommt Kurzarbeit?

„Die Klimadebatte, der Dieselskandal und die E-Mobilität wirken sich negativ auf Mahle aus“, so Bless, der für das Werk in Rottweil keine rosige Zukunft sieht. Seit September würden die Arbeitszeitkonten der Mitarbeiter um 50 Prozent reduziert, „dann geht es den Kollegen ans Geld“. Ab Januar müsse man dann über Kurzarbeit reden. Bless merkte an, dass die IG Metall die Bewegung „Fridays For Future“ nicht unterstützen solle.

Sorgen auch bei Dorma Kaba

Flora Martinez von der Firma Dorma Kaba Schwenningen äußerte ihr Bedauern darüber, was bei Mahle passiert. „Aber das wird auch bei Dorma Kaba so kommen“, prophezeite Martinez, die zwei Möglichkeiten sieht: „Entweder nehmen wir das so hin oder wir kämpfen.“ Dorma Kaba sorgt im nächsten Jahr bei der IG Metall für einen deutlichen Mitgliederschwund, da 120 Mitglieder aus Schwenningen jetzt in Dreieich tätig sind. „Die müssen wir nach Hessen abgeben“, so Thomas Bleile und betonte, dass man vermehrte Anstrengungen unternehmen müsse, diesen Mitgliederschwund aufzufangen.

Mitgliederzahlen

Nur rund zehn Prozent der regionalen Unternehmen der Metall- und Elek­tronikbranche sind tarifgebunden. Das habe damit zu tun, dass die Wirtschaft hier vor allem von kleinen und mittelständischen Betrieben, oft Familienunternehmen, geprägt sei. Für die IG Metall sei es schwieriger, in kleine Unternehmen reinzukommen als in große. Diese Besonderheit der Region spiegle sich auch in den Mitgliederzahlen der IG Metall: Insgesamt seien in der Region rund 85.000 Menschen in der Metall- und Elektroindustrie tätig, die Gewerkschaft zähle im Geschäftsstellenbereich aktuell aber nur rund 8147 Mitglieder. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Minus von 56 Mitgliedern.