Beinahe hätte man am Donnerstag den Eindruck gewonnen, in einen lebhaften Schulausflug geraten zu sein. Fast alle Bürgermeister des Schwarzwald-Baar-Kreises hatten sich zusammen mit Landrat Sven Hinterseh und Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer am frühen Nachmittag vor dem Landratsamt in Villingen versammelt, um Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu seinem offiziellen Landkreisbesuch willkommen zu heißen. Ausgerüstet mit Liedblättern empfingen die Stadtoberhäupter den Landesvater, der das Land seit 2011 regiert – seit knapp zwei Jahren mit einer grün-schwarzen Koalition.

  • Kommunalpolitisches Gespräch: Kretschmann ließ keine Zeit verstreichen und bat die Kommunalpolitiker zu einem offenen Austausch ins Landratsamt. Zur Sprache kamen unter anderem Probleme beim Breitbandausbau, Wohnraumknappheit, Kitas und der stockende Ausbau der Gäubahn. Kretschmann machte deutlich, dass der Ausbau der Bahnstrecke absolute Priorität habe: "Gäubahn klingt zwar nach Provinz und hinter den sieben Bergen, aber hier werden mit Stuttgart und Zürich zwei Wirtschaftszentren miteinander verbunden." Es sei ein Jammer, dass die Bahn noch immer nicht vollständig elektrifiziert sei. Beim Breitbandausbau ging Kretschmann auf die Forderung des Schonacher Bürgermeisters Jörg Frey ein, der sich mehr Dynamik, schnellere Verfahren und mehr Geld für den Breitbandausbau wünschte. Am Geld sei der Glasfaserausbau bisher nie gescheitert, versicherte der Ministerpräsident. Dass jeder Schwarzwaldhof bis 2025 an das schnelle Internet angebunden ist, bezeichnete Kretschmann angesichts der vielen Funklöcher, die selbst in Stuttgart noch vorhanden seien, als ambitioniertes Ziel. Generell stellte der Ministerpräsident dem Landkreis ein gutes Zeugnis aus: "Der Kreis steht gut da. Es herrscht praktisch Vollbeschäftigung und es gibt eine hohe Lebensqualität. Wir haben hier ländlichen Raum, aber keine Provinz."
  • Naturschutzgebiet Plattenmoos: Die zweite Station des Tages führte Kretschmann ins Naturschutzgebiet Plattenmoos nahe Pfaffenweiler, das Teil des Naturschutzgroßprojektes Baar ist. Das 56 Hektar große Schutzgebiet beherbergt ein Hochmoor, Wiesen und lichte Wälder, die seltenen und teils streng geschützten Tieren und Pflanzen eine Heimat geben. Das Plattenmoos ist eines von 17 Fördergebieten zwischen Hegau, Randen und Mittlerem Schwarzwald. Das Landratsamt trägt das Projekt, das vom Land Baden-Württemberg finanziell gefördert wird.
  • Hochschule Furtwangen: Dass der Schwarzwald-Baar-Kreis nicht nur eine schöne Landschaft vorweisen kann, sondern auch die Heimat von innovativer Spitzentechnologie ist, demonstrierten am Nachmittag die Studenten der Hochschule Furtwangen. Zunächst zeigten die Studierenden um Professor Christoph Uhrhan ihr Können im Bereich der Mess- und Automatisierungstechnik anhand des "wohl teuersten Spitzers der Welt." Gemeint war ein Roboter, der einen Bleistift präzise anspitzen und anschließend auf einer Halterung auf dem Schreibtisch ablegen kann. Am nächsten Arbeitsplatz wartete eine Motorsäge auf ihre Reparatur durch den Ministerpräsidenten. Damit die Wartung der Säge einfacher wird, haben die beiden Studenten Felix Kaesemann und Kevin Koristka eine Augmented-Reality-Software entwickelt, die Live-Bilder mit Arbeitsanweisungen auf dem Bildschirm verbindet.
  • Landespolitik: Dass die große Politik nie fern ist, wurde am Rande der Visite offensichtlich. Angesichts des Fluglärms durch den Züricher Flughafen sprach sich Kretschmann in einer Pressekonferenz für einen Staatsvertrag zwischen Deutschland und der Schweiz aus, der die Interessen beider Staaten adressieren könne. Hierfür sei jedoch der Bund zuständig. Unmissverständlich äußerte Kretschmann sich zu den Vorfällen in der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Ellwangen, die am frühen Donnerstagmorgen mit hunderten Polizisten und Spezialkräften durchsucht wurde. Der Übergriff von Asylbewerbern gegen Polizisten sei nicht hinnehmbar und müsse Folgen haben: "Jeder Mensch muss sich in unserem Rechtsstaat an das Gesetz halten. Wir dulden keine rechtsfreien Räume. Wer unsere Gesetze nicht einhält, der hat unser Gastrecht verwirkt."
Prüfen der Lage vor Ort: Thomas Bring (Dritter von links), Projektleiter beim Landratsamt, erklärt Winfried Kretschmann die Besonderheiten des Naturschutzprojektes im Plattenmoos bei Pfaffenweiler. Das soll wieder vernässt werden, damit neuer Torf entstehen kann.
Prüfen der Lage vor Ort: Thomas Bring (Dritter von links), Projektleiter beim Landratsamt, erklärt Winfried Kretschmann die Besonderheiten des Naturschutzprojektes im Plattenmoos bei Pfaffenweiler. Das soll wieder vernässt werden, damit neuer Torf entstehen kann. Bilder: Hans-Jürgen Götz (1), Kevin Rodgers (2) | Bild: Hans-Juergen Goetz


Zum Bürgerempfang am Abend in der Neuen Tonhalle sind rund 400 Menschen gekommen. Joachim Fritzsche wollte von Ministerpräsident Kretschmann wissen, ob es nicht günstigere Bahntickets für Familien geben könnte. Bild: Hans-Jürgen Götz
Zum Bürgerempfang am Abend in der Neuen Tonhalle sind rund 400 Menschen gekommen. Joachim Fritzsche wollte von Ministerpräsident Kretschmann wissen, ob es nicht günstigere Bahntickets für Familien geben könnte. Bild: Hans-Jürgen Götz

Zur Person

Winfried Kretschmann ist am 17. Mai 1948 in Spaichingen geboren, hat nach Abitur und Grundwehrdienst Biologie, Chemie und Ethik an der Universität Hohenheim studiert. Kretschmann zählt zu den Gründern der Grünen in Baden-Württemberg. Seit 2011 ist er der neunte Ministerpräsident im Südwesten. 2016 wurde er wiedergewählt und regiert seitdem mit der CDU als Juniorpartner. Außerdem war er als Nachfolger für Bundespräsident Gauck im Gespräch. In zwei Wochen feiert Kretschmann seinen 70. Geburtstag.

 

Dieser Roboter kann Bleistifte anspitzen. Kretschmann zeigte sich beeindruckt von den Fähigkeiten der Hochschule auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz.
Dieser Roboter kann Bleistifte anspitzen. Kretschmann zeigte sich beeindruckt von den Fähigkeiten der Hochschule auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. | Bild: Kevin Rodgers

Kretschmann beim Bürgerempfang: Ein Ministerpräsident steht Rede und Antwort

Der erste Bürger Baden-Württembergs kam am Donnerstagabend zu spät. Sechs Minuten länger als geplant, stand das Empfangskomitee an der Tür zur Neuen Tonhalle in Villingen. Landtagsabgeordnete Martina Braun hielt den Blumenstrauß schon nicht mehr ganz gerade und der drei Kilogramm schwere Schäppel, der traditionelle Kopfschmuck der Schwarzwaldtracht, musste von der spalierstehenden Trägerin mehrmals gerade gerückt werden. Im Saal hatten bereits alle Platz genommen.

Um kurz nach 19 Uhr nimmt dann auch der Ministerpräsident auf der Bühne Platz und blickt auf rund 400 seiner, wie der Moderator des Abends, Henry Greif, es in der kurzen Begrüßung nennt, Mitbürger.

Einer dieser Mitbürger ist Klaus Nierlingen. 68 Jahre alt, mit seinem Bruder aus Niedereschach gekommen. Eine besondere Frage hat er nicht. Er ist wegen der Unterhaltung da. "Kretschmann ist immer ein Garant für interessante Sprüche." Eine Reihe weiter hinten sitzen Ferdinand Ritzmann und Joachim Eichkorn, beide aus Brigachtal, beide da, um sich "überraschen zu lassen". Kretschmann, sagen sie, sei ihnen sympathisch. Darum sind sie hier. Fragen wollen auch sie nichts.

Das machen am Abend andere. Mitglieder des Kreis- und Gemeinderats, aber auch normale Bürger. Eine dreiviertel Stunde ist für die Fragerunde anberaumt, am Ende wird es eine Viertelstunde mehr gewesen sein. Die Themen sind vielseitig, die Antworten die eines Politikers: Die beruflichen Schulen verlieren ihre Bedeutung ("Nein, das kann ich nicht bestätigen. Die beruflichen Schulen sind uns wert und teuer"), Gesundheitsgefährdung durch Windkraftanlagen ("Es ist die bessere Alternative zu fossilen Energien"), Pflegekräftemangel ("Das ist Sache des Bundes"), der Zuschlag Rottweils für das Gefängnis ("Das ist nicht meine Schuld"), zu wenig Frauen in der Politik ("Warum fragen Sie das ausgerechnet mich? Die Grüne-Fraktion ist so gut wie quotiert").

Einzig Joachim Fritzsche gelingt es am Abend, dem Ministerpräsidenten eine einigermaßen stichhaltige Antwort zu entlocken. Auf die Frage danach, warum es keine günstigen Bahn-Tickets für Familien in Baden-Württemberg gebe – im Vergleich zu beispielsweise Hessen – sagt Kretschmann: "Das werden wir schrittweise verbessern. Das ist derzeit in der Mache." Dafür gibt es, wie so oft an diesem Abend, Applaus. (ang)