Was würde es bedeuten, wenn sich die Wölfe wieder dauerhaft im Schwarzwald und auf der Baar etablieren würden? Diese Frage wäre vor wenigen Jahren noch irrelevant erschienen. Aber die nunmehr zweite Wolfssichtung innerhalb eines Jahres in der Region eröffnet neue Perspektiven. Wer bei Naturschutz und Landwirtschaft nachfragt, erhält dazu gemischte Reaktionen.

Gerhard Bronner
Gerhard Bronner | Bild: Günter Vollmer

Gerhard Bronner, Umweltberater beim Umweltbüro Donaueschingen und Vorsitzender des Landesnaturschutzverbandes (LNV), findet eine Bewertung des aktuellen Falles bei Bad Dürrheim „nicht ganz so einfach“, da das Thema Wolf viele Aspekte habe.
 

„Prinzipiell freut es mich natürlich, wenn eine ausgerottete Tierarte in eine Landschaft zurückkehrt, in die sie von Natur aus gehört“, so Bronner. Wobei mit der zweimaligen Sichtung von Wölfen – vor rund einem Jahr bei Geisingen und nun bei Bad Dürrheim – ja noch längst nicht gesagt sei, dass sich damit nun in der Region eine eigene Wolfspopulation etablieren werde. Es seien beide Male offenbar junge männliche Wölfe gewesen, und diese neigten dazu, alleine auf Wanderung zu gehen. Klar sei aber auch, dass das Auftauchen und eventuelle Ansiedeln von Wölfen etliche Fragen aufwerfe: „Deshalb ist es auch nur eine bedingte Freude.“

Bronner hat dabei vor allem die Nutz- und Kleintierhalter im Blick: „Diese sorgen sich natürlich um ihre Tiere.“ Zudem seien nicht nur die Wölfe, sondern beispielsweise auch Schafe und Ziegen aus Naturschutzsicht wichtig: Die Pflanzenfresser würden vielfach für die Landschaftspflege eingesetzt und leisteten hier einen wichtigen Beitrag.

Wenn also ein Wolf ein Nutztier reiße, müsse der Besitzer für den Verlust finanziell auch entschädigt werden, dafür gebe es schon einen Fonds. Zudem müsse die Gesellschaft die Tierhalter beim Schutz ihrer Tiere vor Wölfen unterstützen. Zum Herdenschutz gebe es besonders stabile und in die Erde einzugrabende Wolfsschutzzäune. Zudem könnten spezielle Herdenschutzhunde dauerhaft bei den Tieren auf den Weiden leben und über sie wachen. Die Anschaffung von Zäunen und Hunde sollte finanziell unterstützt werden.

Klar ist für Bronner aber auch, dass die streng geschützten Wölfe weiterhin für Jäger tabu sein müssen.

 

Bernhard Bolkart.
Bernhard Bolkart. | Bild: Jürgen Dreher

Bernhard Bolkart, Vorsitzender des Kreisverbandes Villingen des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV), hat „massive Befürchtungen“. Er glaubt nicht, dass ein dauerhaftes Miteinander von Wolf, Mensch und Nutztieren in der vergleichsweise kleinstrukturierten Region überhaupt möglich wäre. Man sei im Berufsstand sehr einig, dass die Mittelgebirgsregionen ungeeignet seien – daher sollten sie auch als „No-go-area für Wölfe“, so Bolkart wörtlich, eingestuft werden.

Aktuell gebe es keinen verlässlichen Schutz für Tierherden vor Wölfen. Er kenne keine Zäune, die wolfssicher seien – oder verhindern könnten, dass Rinderherden in Panik ausbrächen, wenn der Wolf komme. Herdenschutzhunde seien ein „teurer Spaß“ und müssten zudem täglich neu angeleitet werden, sonst würden sie selbst den Herdenbesitzer am Ende nicht mehr akzeptieren. Und was sei mit den Wanderern und Mountainbikern, die beim Passieren von Herden vom Schutzhund als Störer betrachtet würden? „Andernorts hat es schon Übergriffe gegeben.“

Für Bolkart ist daher klar: „Wenn der Wolf in der Fläche zurückkommt, ist das das Ende von Weidehaltung und Offenstallhaltung“ – wobei diese Haltungsformen im Falle der Weidehaltung wichtig seien für den Landschaftserhalt. Nicht nur Ziege und Schafe, sondern auch Rinder und Pferde müssten den Wolf fürchten.

Auch mit einer Entschädigung für verlorene Tiere sei das Problem nicht gelöst: Viel gravierender sei die Haftungsfrage für den Tierhalter. Was, wenn eine Herde auf der Flucht vor einem Wolf aus ihrer Weide ausbreche, auf einer Bundesstraße stehen bleibe, es zu Unfällen komme? Diese Überlegung sei keineswegs Theorie. Im August 2016 etwa sei eine Rinderherde – damals aus unbekanntem Grund – aus einem Gehege bei Hornberg-Niederwasser geflohen und auf den Gleisen der Schwarzwaldbahn gelandet.

Ein Zug fuhr in die Herde, zwei Tiere wurden getötet. Die Aufräumarbeiten seien ein sehr aufwändig gewesen, die Bahn habe sicherlich eine entsprechende Rechnung ausgestellt. Der betroffene Landwirt habe heute „keine Tiere mehr“. Probleme könne es schnell geben. Ihm selber sei es passiert, dass ein Hund in seine Rinderherde gerannt sei: „Die Tiere sind komplett durchgegangen, durch einen Zaun durch, und waren noch Monate verstört.“ Insofern wären Wölfe eine zusätzliche Gefahrenquelle.

Einsamer Streuner

Laut Landesumweltministerium ist am Dienstagvormittag östlich von Bad Dürrheim ein Wolf entdeckt worden. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg habe dies anhand eines Fotos von dem Tier bestätigt. Es handele sich wohl um einen jungen Wolfsrüden, der wahrscheinlich schon bei Überlingen und Stockach beobachtet wurde. (jdr)