Herr Ballof, Sie sind seit 11. Mai neuer Kreishandwerksmeister (ehrenamtlich) und vertreten damit zehn Innungen im Schwarzwald-Baar-Kreis und fast 400 Mitgliedsbetriebe. Wie steht das Handwerk in der Region da?

Martin Ballof: Wir spüren einerseits den Facharbeitermangel, andererseits haben alle volle Auftragsbücher. Das führt dazu, dass die Kunden einige Zeit warten müssen. In einigen Gewerken wurde die Meisterpflicht abgeschafft. Unser Ziel ist es, dies teilweise umzukehren. Angestrebt wird das von uns, weil wir hier wieder qualitätsorientierter am Markt agieren wollen. Es gibt viele Betriebe, die alles machen und alles können. Das kann nicht sein. Wenn ich sehe, was ich als Meister im Tiefbau können muss, dann ist es mit einem Qualitätsanspruch nicht vertretbar, auch noch Elektro und Sanitär anzubieten. Der Meister im Handwerk muss wieder den alten Stellenwert bekommen, auch um dem Kunden Verlässlichkeit bieten zu können. Es ist ja nicht unerheblich für einen Auftraggeber, wenn er Garantieansprüche anmelden will und sein günstiger Anbieter plötzlich nicht mehr existiert und nicht greifbar ist.

Herr Wagner, Sie sind seit 1. Juni Geschäftsführer der Kreishandwerker-schaft mit Bürositz an der Sebastian-Kneipp-Straße. Wie sieht die Aufgabenverteilung aus, was machen Sie, was macht der Kreishandwerksmeister?

Rainer Wagner: Die Kreishandwerkerschaft übernimmt die Geschäftsführung der Innungen, steuert also das operative Geschäft von Finanzbuchhaltung bis Jahresabschluss, Rechnungsstellungen und auch die Außenkommunikation. Vor allem der Kreishandwerksmeister aber auch der Geschäftsführer vertritt die Organisation im Außenverhältnis.

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Die Kunden der Handwerker bekommen es ja mit, wenn zuhause die Heizung streikt oder der Wasserhahn leckt. Handwerker haben längst nicht mehr so viel Zeit wie früher – was ist da passiert, Herr Ballof?

Martin Ballof: In der Hauptsache ist es darin begründet, dass viele Leute ihr Geld investieren, anstatt aufs Sparbuch zu legen, wo es keine Zinsen mehr gibt. Das ist Punkt eins. Punkt zwei ist, dass wir zu wenige Fachkräfte aber auch zu wenige Hilfskräfte haben. Die jungen Leute tendieren eher nach der Schule zur Industrie. Bei uns muss man anpacken, teilweise auch draußen sein wenn es regnet und schneit. Dann ist ein Achtstundentag in der Firma nicht so anstrengend wie etwa auf dem Bau. Bei uns muss man auch mal mehr als acht Stunden arbeiten.

Rainer Wagner: Ein großer Teil wechselt vom Handwerk in die Industrie. Dann fischen die Kommunen uns auch ausgebildete Kräfte ab in die Bauhöfe. Wieder andere packen auf ihre Ausbildung im Handwerk ein Studium und bilden sich weiter – was grundsätzlich erst mal sehr positiv ist. Für uns heißt das, wir müssen eigentlich noch mehr ausbilden, finden aber nicht genügend geeignete Kräfte.

Ist Migration ein Teil der Lösung dieser Probleme?

Martin Ballof: Ich habe seit drei Jahren einen Mitarbeiter aus Gambia. Zudem habe ich einen Kollegen aus Afghanistan und einen aus Eritrea. Das Problem bei der Beschäftigung solcher Menschen geht im Detail los: Oft haben diese Menschen keine Papiere bzw. einen ungeklärten Aufenthaltsstatus. Vom allgemeinen Behördenwahnsinn mal ganz abgesehen. Mein Gambier ist zuverlässig, macht seine Arbeit, ist nie krank. Viele dieser Menschen haben Angst, abgeschoben zu werden. Sie arbeiten hier und unterstützen damit ihre Familien zuhause. Es ist positiv, dass diese Menschen hier arbeiten. Die körperliche Arbeit stecken sie gut weg, sie wollen Geld verdienen. Ich habe aber auch niemand, der die Arbeit sonst macht. Der Mitarbeiter aus Afghanistan beginnt jetzt bei mir seine Ausbildung als Straßenbauer. Ich froh, dass er da ist. Der Eritreer will erst mal nur arbeiten und seine Deutschkenntnisse verbessern. Das ist aber auch gut. Wir sprechen übrigens nur deutsch untereinander.

Ist diese Konstellation insgesamt mit ein wesentlicher Grund dafür, dass alles am Bau von Jahr zu Jahr im zweistelligen Prozentualbereich teurer wird?

Rainer Wagner: Nein. Die Gründe sind vielseitiger. In der Regel sind es Planänderungen, behördliche Auflagen wie z.B. Brandschutz aber auch Tarifabschlüsse und die teilweise massiv steigenden Rohstoff-/Rohmaterialpreise.

Herr Ballof, wir sitzen am frühen Abend zusammen für dieses Gespräch, Sie kommen eben von der Baustelle. Sie sind seit 1978 Tiefbauer. Wie erleben Sie eigentlich die Klimaveränderung und was bedeutet das für die Zukunft der Berufe wie Dachdecker oder Gärtner?

Martin Ballof: Ja – ich erlebe den Klimawechsel: Die Winter sind anders als früher. Im Frühjahr regnet es oft zu viel, im Sommer ist es mittlerweile zu heiß, das ist schlecht z.B. für Beton und Asphalt. Viele Materialien sind bei großer Hitze nicht verbaubar. Versiegelungen auf Dächern oder Terrassen-Imprägnierungen darf man bei großer Hitze überhaupt nicht ausführen. Das ist oft auch ein Problem bei der Garantie. Und die Bedingungen sind schlecht für den menschlichen Kreislauf – das ist schon oft doppelt anstrengend. An Ihrem Beispiel Dachdecker bedeutet das, dass er bei Regen, Frost und (teilweise) Hitze aufgrund der Unfallgefahren nicht auf das Dach kann und für den Gärtner, dass er die Außenanlagen nicht zu dieser Zeit pflegen oder errichten kann.

Rainer Wagner: Für die Betriebe ist das natürlich fast nicht mehr zu planen, sie haben somit keine Planungssicherheit mehr. Der Auftrag muss aber wie immer rasch erledigt sein, der Kunde und der nächste wartet ja schon auf die Fertigstellung. Immer häufiger natürlich auch nach dem Prinzip; Just in time.

Lassen Sie uns auf die Städte schauen. Im Oberzentrum gibt es eine Debatte um die Sonderberechtigungen für Handwerker, etwa beim Parken oder beim Befahren gesperrter Bereiche. Was fordern Sie hier?

Rainer Wagner: Ja – aus unserer Sicht muss der Kunde natürlich weiterhin anfahrbar sein. Denken Sie nur an Anlieferungen von schweren Materialien oder Werkzeug. Es gibt hier Spielregeln mit Interpretationsspielraum. Das muss aber so gestaltet sein, dass unter anderem Handwerker, Sozial- und Paketdienste ihre Dienstleistung erbringen können. Es ist aber klar, dass auch wir dafür Verständnis haben, dass nachts eine Fußgängerzone nicht dauerbefahren sein kann. Lässt sich eine Firma von einem Logistiker Ware bringen, dann muss es möglich sein, dass dies in einem bestimmten Zeitfenster abläuft. Das Problem ist, die vielen Sonderfälle sorgen oft für Verkehr am ganzen Tag im abgesperrten Bereich.

Die Kommunalpolitik hat ja die Verwaltung beauftragt, ein Konzept zur Reduzierung des Verkehrs in der Fußgängerzone zu erarbeiten. Wie kann das denn gelingen?

Rainer Wagner: Das Spektrum ist hier weit offen und reicht – in der aktuellen Vorschlagsphase – von der Komplettsperrung bis hin zu deutlich reduzierten Zeitfenstern für Anlieferungen. Es muss ein praktikabler Kompromiss her, mit dem alle gut leben können – das ist meine Überzeugung.

Digitalisierung ist die große Herausforderung der Gegenwart. Was heißt das denn fürs Handwerk in der Region?

Rainer Wagner: Im Kaufmännischen kommen natürlich jetzt immer mehr IT-Anwendungen und Computerprogramme. Ein Frisör sollte – aus Sicht der Finanzverwaltung – am besten einen Online-Terminkalender gekoppelt mit einem volldigitalen Kassensystem haben. Viele fragen sich hier aktuell, ist ein solches Investment wirklich sinnvoll, was bringt mir das? Was bringt es dem Kunden? Bisher geht es doch auch.

Der Handwerker sollte ja alles können und abdecken, aber das ist sehr schwierig, wenn man zusätzlich die Digitalisierung beobachtet. Das Thema ist ja sehr tiefgründig und kostenintensiv. Der Datenschutz, was muss auf der Homepage stehen, was darf dort nicht stehen und vieles mehr.

Martin Ballof: Neue Systeme bringen schon auch Vorteile, etwa beim Zeitmanagement, wer hat genau wie lange wofür gebraucht. Das geht dann gleich ans Büro und die Rechnung kann zügig versandt werden.

Welche Herausforderungen stellt das bei der Ausbildung dar?

Rainer Wagner: Das wird natürlich schon ausgebildet, es entstehen hier auch neue Berufsbilder, wie etwa der Elektroniker Fachrichtung Energie und Gebäudetechnik, der sich mit BUS-Systemen, dem digitalisierten Zuhause, dem so genannten Smart Home auskennt.

Martin Ballof: Die Ausbildung wird immer umfangreicher. Eine Gesellenprüfung heute ist teilweise so umfangreich wie eine Meisterprüfung vor dreißig Jahren. Das ist sehr anspruchsvoll geworden, dahinter stecken die technischen Anforderungen oder auch neue Arbeitsmethoden.

Rainer Wagner: Beim Schreiner wird das deutlich. Die computergesteuerte CNC-Werkzeugmaschine gab es früher halt nicht, solche Geräte sind aber hoch komplex, etliche Schreiner haben so etwas auch gar nicht.

Bei der Kundschaft ist es so, dass immer mehr Senioren Auftraggeber sind.

Martin Ballof: Ja, das ist so. Das Handwerk hat deshalb das Konzept 60+ geschaffen. Es geht darum, dass ein Ansprechpartner da ist als Mittelsmann. Er kümmert sich um die Umsetzung, gemeinsam mit weiteren, speziell ausgebildeten Betrieben. Wir hatten das hier in der Region schon einmal, dieses Angebot wollen wir nun forcieren. Hier bestehen auf Kundenseite oft sehr konkrete Vorstellungen, etwa für einen seniorengerechten Badezimmerumbau. Wir wollen speziell hierfür auch eine eigene Seite im Internet platzieren und eine entsprechende Broschüre auflegen.

Fragen: Norbert Trippl