Was war der entscheidende Moment für die Gründung der Grünen?

Kaiser: Vor der Gründung der Grünen gab es schon eine Menge Gruppen, die sich engagiert haben und viele die beigetreten sind, waren dort aktiv. Parallel entstand der von Professor Günther Reichelt gegründete BUND Schwarzwald-Baar-Heuberg. Der Strang, der in Richtung Grüne führte war dann die Anti-Atomkraft- und die Pro-Friedens-Bewegung und ein Stück weit noch, dass Umweltfragen durch den Club of Rome in den 70er-Jahren viel stärker ins Bewusstsein gerückt wurden. Zentrale Punkte waren das Waldsterben und die Atomkraft. Die stehen heute in anderer Form wieder im Fokus.

Braun: Das waren damals ja nicht nur ein paar Spinner, sondern es war die breite Bevölkerung. Das sind Themen, die die breite Bevölkerung bewegen, also muss man das entsprechend ernst nehmen. Atomkraft hat sich als eine alle Schichten durchziehende Geschichte gezeigt.

Welche damaligen Ziele wurden bis heute erreicht?

Kaiser: Vieles wurde erreicht. Durch die Tatsache, dass 1980 die ersten in den Gemeinderat gekommen sind, war die Notwendigkeit gegeben, sich mit uns auseinanderzusetzen. Vorher wurden wir als außerparlamentarische Opposition zwar wahr-, aber nicht ernst genommen. Dann kam ein langer, langer Weg mit Versuchen der Ausgrenzung. Es gab liberale und offene wie Bürgermeister Gerhard Hagmann aus Bad Dürrheim, mit dem konnte man. Aber mit anderen und im Kreistag, das war extrem schwierig. Man wurde oft als Spinner bezeichnet und sogar regelrecht niedergebrüllt.

Pfaehler: Schlimmer ist, wenn du ignoriert wirst. Es war am Anfang ein sehr hartes Brot. Zu Beginn wurden alle unserer Anträge niedergebügelt, etwa die auf Mülltrennung, Müllvermeidung und die Müllfibel.

Wie kam dieser Antrag zustande?

Pfaehler: Weil damals im Landkreis Rottweil und Tuttlingen eine gemeinsame Müllverbrennungsanlage geplant war. Was dabei raus kam war, dass es die Müllfibel gibt. Wir haben damals ein bundesweites Reglement gefordert.

Braun: Müllvermeidung ist sowieso ein heißes Thema, dass man noch viel intensiver angehen müsste.

Kaiser: Unsere Ziele wurden in Teilen erreicht, aber es kamen auch neue dazu, durch ungebremstes Wachstum der Industrialisierung und Wohlstand. Das alte Waldsterben konnte gestoppt werden und die Grünen haben wesentlich am FCKW-Verbot mitge
wirkt.

Baur: Zu den grünen Themen gehört aber auch die Frauenpolitik. In der letzten Legislaturperiode waren es vier Frauen und ein Mann, jetzt sind sechs Frauen und zwei Männer. Das rührt daher, weil den Grünen die Frauen immer wichtig waren. Allmählich kommen die, die uns ausgelacht haben, auch auf den Trichter. Da haben wir ganz viel erreicht.

Wo sieht man in VS Ergebnisse grüner Politik?

Baur: Zum Beispiel die Blühstreifen, die ganzen mit Wildblumen bepflanzten Verkehrsinseln, das Umweltzentrum. der Erhalt der Südstadtschule, flächendeckend Tempo 30 in Bad Dürrheim, an den Radwegen sind wir dran. Und wir hoffen, dass die Baumschutzverordnung wieder ins leben gerufen wird.

Was entstand noch durch grüne Beharrlichkeit?

Baur: Nun, wir haben auch als kleine Fraktion immer viel mitgestaltet, uns gewehrt, uns mit eingesetzt und in die Wege geleitet.

Kaiser: Der Umweltbeauftragte kam durch unsere Initiative mit zustande, der Jugendpfleger in Bad Dürrheim und in VS liefen ähnliche Initiativen.

Braun: Knackpunkt ist halt, dass man als kleine Fraktion immer auf Mehrheiten angewiesen ist. Ideen sind da, aber Mehrheiten zu schmieden ist schwierig.

Kaiser: Aber wir haben auch dafür gesorgt, dass Themen auf die Tagesordnung gesetzt werden, die sonst dort nicht drauf gewesen wären. Themen, die vorher nie debattiert wurden, hat man die jetzt aufgenommen.

Pfaehler: Als ich im Kreistag angefangen habe, wurden wir am Anfang nicht gehört. Wir waren sechs Leute. Wir rechnen uns als Erfolg an, dass das ostentative Bildzeitung lesen aufgehört hat und die Leute zugehört haben.

Was waren sie damals für ein Schlag Mensch, was hat Sie zum Beitritt bei den Grünen bewogen?

Pfaehler: Das war, weil ich für den BUND gearbeitet und gemerkt habe, da passiert ja nichts, da muss man an einem größeren Rad drehen. Und als sich die Grünen gegründet haben, war das genau mein Ding.

Kaiser: Dinge aufdecken, die unter den Teppich gekehrt wurden. Dann kam die Friedensbewegung dazu. Das war motivierend.

Braun: Ich war der Meinung so wie sich Landwirtschaft entwickelt hat in den 80er/90ern, das kann nicht so weitergehen. Über diese Schiene war klar, die einzige Partei, die da in Frage kommt sind die Grünen, weil die den Tierschutz auf der Agenda hatte. Unser Wohl hängt auch davon ab, welche Rahmenbedingungen die Politik schafft. Die Grünen bedienen als einzige Partei diese Themen.

Grieshaber: Wir haben als Abiturienten die Menschenkette in klein auf dem Schulhof gemacht. 1986 kam Tschernobyl dazu. Da gab es dann einen Zuwachs an Mitgliedern, auch nach Fukushima. Das waren Ereignisse.

Was kann eine grüne Politik im Kreis und in den Kommunen bewegen?

Braun: Der ÖPNV ist ein Thema das Grüne besetzt haben und der Müll. Zum Beispiel, dass Altpapier gesammelt wird, was jetzt Geld bringt. Das ist auf die Grünenfraktion zurückzuführen.

Kaiser: Verkehrsberuhigung, andere Akzente mit Geschwindigkeit setzen, Individualmobilität im ländlichen Raum.

Baur: Den Verkehr mehr raus aus der Stadt. Ich persönlich hätte gern Park und Ride vor der Stadt und Shuttlebusse. Bessere Radwege wollen wir noch und den massiven Ausbau des ÖPNV mit annehmbaren Preisen.

Wie feiert eine politische Organisation ihren 40. Geburtstag?

Kaiser: Auf Landesebene haben wir beim Jubiläumsparteitag in Sindelfingen eine Talkrunde mit Journalisten veranstaltet und weitere Schritte diskutiert. Es geht darum, nicht nur zurückblicken, sondern nach vorne. Am 15. November fand in Bad Dürrheim unsere interne Feier statt.

Wie wollen die Grünen es schaffen, dass der Kreis stark wird, wie soll man junge Leute dazu bringen zu bleiben?

Braun: Die Work-Life-Balance ins Spiel bringen. Das ist unser Pfund. Wir haben hier eine tolle Landschaft, Naherholungsgebiete vor der Haustüre.
Man muss die Vorteile unserer Umgebung und was das Leben hier lebenswert macht, mehr positiv nach außen tra-
gen.

Kaiser: Sich viel stärker als Zukunftsregion präsentieren. Da ist Luft nach oben.

Fragen: Norbert Trippl