Eine Million Elektroautos bis 2020 – dieses Ziel wurde vor zehn Jahren vom damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ausgegeben und seitdem nur halbherzig verfolgt. Mittlerweile ist klar: Diese Marke wird nicht einmal im Ansatz erreicht. Zum 1. Januar 2018 waren laut Statistischem Bundesamt 53 861 Elektroautos zugelassen. Bei einem deutschen Fuhrpark von 46,5 Millionen Fahrzeugen ergibt sich folglich ein verschwindend geringer E-Mobil-Anteil von knapp 0,12 Prozent.

Kaum Elektroautos auf den Straßen

Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es bisher so gut wie keine rein elektrisch betriebenen Autos. Im Landkreis liegt ihr Anteil mit 187 zugelassenen Fahrzeugen derzeit bei 0,1 Prozent. Weitere 562 Automobile sind laut Zulassungsstelle des Landratsamtes als Hybridfahrzeuge registriert. Sie haben folglich einen Verbrennungsmotor, der von einem Elektromotor unterstützt wird. Woran liegt es, dass Elektroautos trotz den Abgasskandalen der Autoindustrie und 4000 Euro staatlicher Förderprämie kaum Käufer finden?

Ladesäulen am Landratsamt in Villingen-Schwenningen. Hier ist das Aufladen während eines Stadtbummels oder während der Arbeit möglich.
Ladesäulen am Landratsamt in Villingen-Schwenningen. Hier ist das Aufladen während eines Stadtbummels oder während der Arbeit möglich. | Bild: Rodgers, Kevin

Mit das häufigste Argument, warum die Elektromobilität nicht in Gang kommt, sind Bedenken gegenüber der Technologie. Hohe Anschaffungskosten, die Haltbarkeit der Batterie, das Aufladen unterwegs oder die Angst, mangels Reichweite auf offener Flur stehenzubleiben.

Trifft hier Vergangenheit auf Zukunft? Zwei Wochen lang hat SÜDKURIER-Volontär Kevin Rodgers seinen in Verruf geratenen Euro5-Diesel mit einem rein elektrisch angetriebenen Nissan Leaf getauscht. Seine Erfahrungen fließen in eine Serie ein, die in den kommenden Wochen erscheint.
Trifft hier Vergangenheit auf Zukunft? Zwei Wochen lang hat SÜDKURIER-Volontär Kevin Rodgers seinen in Verruf geratenen Euro5-Diesel mit einem rein elektrisch angetriebenen Nissan Leaf getauscht. Seine Erfahrungen fließen in eine Serie ein, die in den kommenden Wochen erscheint. | Bild: Rodgers, Kevin

Was ist dran an den Vorbehalten gegenüber den Stromern? Dazu hat SÜDKURIER-Volontär Kevin Rodgers ein Elektroauto zwei Wochen lang auf Herz und Nieren getestet.

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Und er hat mit drei Elektroautofahrern gesprochen, die von ihren Erfahrungen mit der Elektromobilität im ländlichen Raum berichten. Ihr ermunterndes Fazit: E-Auto geht auch auf dem Land!

Uwe Schlenker betankt seinen Tesla Model S mit Solarstrom. 350 Kilometer schafft die Limousine in der Regel.
Uwe Schlenker betankt seinen Tesla Model S mit Solarstrom. 350 Kilometer schafft die Limousine in der Regel. | Bild: Rodgers, Kevin

Mit dem Tesla Model S auf die Autobahn

Uwe Schlenker fährt einen Tesla Model S. Seine Projekte führen den Schwenninger Architekten durch ganz Deutschland. Wie das funktioniert, erläutert der Architekt an einem praktischen Beispiel. "Ich fahre auch weite Strecken, zum Beispiel nach Regensburg. Unterwegs plane ich dann eine längere Pause ein." 500 Kilometer Reichweite verspricht Tesla. In der Praxis seien es eher 350, so Schlenker. Vollgetankt wird die rote Limousine zunächst daheim, und zwar klimaneutral mit selbst hergestelltem Strom, der von Solarzellen auf den Flachdächern von Haus und Garage generiert wird. Die Diskussion um Reichweiten hält Schlenker für realitätsfern. In der Praxis sei eine Reichweite von 300 Kilometern völlig ausreichend, zumal das Auto nachts wieder aufgeladen wird. Auf dem Weg nach Regensburg geht es kurz vor München an die Ladesäule. Obwohl der schwere Wagen wie ein Porsche beschleunigt, nimmt sich Schlenker auf seinen Reisen Zeit. Der lautlose Antrieb schafft eine entspannte Atmosphäre im Auto. Und wenn der Tesla für eine Stunde an die Ladesäule muss, geht Schlenker einen Kaffee trinken.

Christoph Kaufmann tankt seinen e-Golf auf dem Firmenparkplatz von IMS Gear in Donaueschingen auf. So hat er jeden Tag die volle Reichweite zur Verfügung.
Christoph Kaufmann tankt seinen e-Golf auf dem Firmenparkplatz von IMS Gear in Donaueschingen auf. So hat er jeden Tag die volle Reichweite zur Verfügung. | Bild: Rodgers, Kevin

Mit dem VW E-Golf zur Arbeit pendeln

Jeden Tag fährt Christoph Kaufmann mit seinem VW e-Golf von seinem Wohnort Engen zu seinem Arbeitsplatz Donaueschingen. Dass er rein elektrisch unterwegs ist, merkt auf den ersten Blick niemand. Der weiße Golf sieht mit Ausnahme von ein paar blauen Zierleisten und anderen Tagfahrleuchten aus wie jeder andere VW. Weil er in Engen keine Lademöglichkeit hat, lädt Kaufmann sein Auto an einer Ladesäule auf dem Firmenparkplatz auf. 220 Kilometer Reichweite hat sein Golf, im Alltag völlig ausreichend. "Man lädt das Auto während der Arbeit oder über Nacht auf. So startet man immer mit der vollen Reichweite", erklärt Kaufmann, der das Prinzip mit dem Laden eines Smartphones vergleicht. Die Rolle der deutschen Autoindustrie sieht Kaufmann kritisch. Die Branche habe den Trend zur Elektromobilität verschlafen und nur wenig Interesse an der Technologie. Denn: "Die Batterietechnologie muss extern zugekauft werden und die Autos sind praktisch wartungsfrei. Damit können die Hersteller einfach nicht so viel Geld verdienen. Ein Auto, das später nicht zum Service muss, ist für die Industrie unattraktiv."

Mathias Rohrer aus Furtwangen-Neukirch mit seinem Renault Twizy, den er bei Wind und Wetter fährt.
Mathias Rohrer aus Furtwangen-Neukirch mit seinem Renault Twizy, den er bei Wind und Wetter fährt. | Bild: Rodgers, Kevin

Mit dem Twizy durch den Schwarzwald

Streng genommen ist der Renault Twizy von Mathias Rohrer kein vollwertiges Auto. Zugelassen ist das 18 PS starke Gefährt als Leichtfahrzeug. 80 Kilometer schafft der Wagen mit den zwei hintereinander liegenden Sitzplätzen im Idealfall. Genug, damit Rohrer von seinem Wohnort Furtwangen-Neukirch zur Arbeit nach Vöhrenbach und zurück kommt. Fährt er nach VS, muss er dort an die Ladesäule. Rohrer nutzt den Twizy zu jeder Jahreszeit. Im Sommer kann er die Kunststoffscheiben in den Türen herausnehmen und die frische Luft genießen. Im Winter wird es etwas zugiger. Weil der Renault keine Heizung hat, fährt Rohrer in den Wintermonaten mit Handschuhen, Mütze, einer Decke über den Knien und einer Sitzheizung. Dennoch fragt er sich, wie viel Auto der Mensch wirklich braucht. "Elektro-SUVs, wie sie Daimler und Audi präsentieren, sind mit Blick auf die Nachhaltigkeit der falsche Weg", sagt Rohrer. Weil es in Neukirch keine öffentliche Lademöglichkeit gibt, stellt Rohrer eine Steckdose vor seinem Wohnhaus der Allgemeinheit als Ladepunkt zur Verfügung. Genutzt hat das Angebot allerdings noch niemand.

Haben Sie Fragen?

Wie lebt es sich mit einem Elektroauto im ländlichen Raum? Dazu hat SÜDKURIER-Volontär Kevin Rodgers zwei Wochen lang seinen Diesel eingetauscht und war mit einem rein elektrisch angetriebenen Nissan Leaf im gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis und darüberhinaus unterwegs. 1500 Kilometer hat er dabei zurückgelegt, war in Stuttgart, auf dem Feldberg und am Bodensee. Alltagstauglichkeit, Reichweite, Ladeinfrastruktur, Langstrecken, Bergfahrten und Kosten – Diese Fragen werden in einer Serie zur Elektromobilität in den kommenden Wochen beantwortet. Wenn Sie weitere Fragen zum Thema Elektromobilität haben, können Sie diese gerne direkt an den Autor richten. Am besten per E-Mail.

Muss sich den Anforderungen des ländlichen Raumes stellen: Der Nissan Leaf, Baujahr 2018. Das Modell ist weltweit das meistverkaufte Elektroauto.
Muss sich den Anforderungen des ländlichen Raumes stellen: Der Nissan Leaf, Baujahr 2018. Das Modell ist weltweit das meistverkaufte Elektroauto. | Bild: Rodgers, Kevin