Schwarzwald-Baar – Der Diebstahl von Musik ist in der Musikbranche kein Fremdwort. Vor rund 20 Jahren leitete die Erfindung des digitalen MP3-Formats durch das Fraunhofer-Institut einen Wandel ein. Das Aufkommen des Internets tat sein Übriges. Über Download-Plattformen, wie zum Beispiel Napster, wurden unzählige Musikstücke illegal und kostenlos verbreitet. Nur wenige Konsumenten zahlten noch für ihre CDs. Plattenfirmen stürzten in die Krise. Mittlerweile hat sich das Geschäft erholt, es sprudeln vor allem aus den digitalen Vertriebswegen reichlich Erlöse. Raubkopien gibt es aber immer noch. Musikklau findet aber auch auf Künstlerebene statt. Nicht selten machen sich ideenlose Musiker und Bands die Werke und Melodien anderer zu Eigen. Auch das ist Diebstahl und ein Verstoß gegen das Urheberrecht. Die Beweisführung ist nicht immer einfach und viele prominente Plagiatsfälle landeten bereits vor Gericht.

Opfer einer ganz neuen Stufe von Musikdiebstahl wurden jetzt die Musiker der Formation Imperium Dekadenz. "Meadows Of Nostalgia" heißt das Album der Donaueschinger Schwarzmetaller, um welches es in diesem unfassbaren und bis dato vermutlich einzigartigen Fall von Musikdiebstahl geht.

So sieht das Cover des Albums Meadows Of Nostalgia von Imperium Dekadenz aus. <em>Bild: Imperium </em><em>Dekadenz</em><em></em>
So sieht das Cover des Albums Meadows Of Nostalgia von Imperium Dekadenz aus. Bild: Imperium Dekadenz | Bild: Imperium Dekadenz

Erdacht und eingespielt wurde die Musik für das Album von den beiden Bandgründern Pascal Vannier und Christian Jakob. Die Veröffentlichung liegt bereits fünf Jahre zurück. Nun wurden Teile ihres Werkes erneut veröffentlicht, eins zu eins, nicht nachgespielt, unverändert, fast das komplette Album.

„Am 16. Juni haben wir von einem mexikanischen Fan den Hinweis bekommen“, so Jakob und Vannier. Der einzige Unterschied: Die mexikanische Band Ison hatte ihrem Mini-Album und den einzelnen Stücken neue Namen gegeben. Das geklaute Werk hieß nun "The Outsiders", aus dem Lied „Brigobannis“ machte Ison „Die Flotte“, „Der Unweg“ hieß bei den Mexikanern „Reptilian Occultism“. In einer Beschreibung auf der Ison-Facebookseite war zu lesen, dass sie dieses Mini-Album, bestehend aus fünf Liedern, 2016 selbst komponiert und aufgenommen hatten. Bei Youtube kursierten Videos, in denen die Band die Songs von Imperium Dekadenz auch live spielten. „Bei den Konzerten soll das Mini-Album auch verkauft worden sein“, erzählen Jakob und Vannier.

Kurz nach dem ersten Hinweis wandten sich die Donaueschinger Musiker über Facebook an die Öffentlichkeit. Ihre Plattenfirma reagierte mit einer Pressemitteilung auf den Fall. Die Nachricht verbreitete sich rasant. Viele Fans, darunter zahlreiche Mexikaner, bekundeten ihren Unmut und Unverständnis in den sozialen Medien. Die Welle der Entrüstung brandete wohl auch schnell in den Postfächern der Band Ison. „Noch am selben Tag war das meiste bereits gelöscht. Die Leute sind durchgedreht und haben die Jungs richtig hochgenommen“, erinnern sich die beiden Musiker von Imperium Dekadenz.

Screenshot des wütenden Facebook-Eintrags der Band Imperium Dekadenz, in dem Sie den Diebstahl  öffentlich gemacht haben.
Screenshot des wütenden Facebook-Eintrags der Band Imperium Dekadenz, in dem Sie den Diebstahl öffentlich gemacht haben. | Bild: SK / Quelle: Facebook

So schnell die kopierten Inhalte aus dem Internet verschwanden, traf auch eine Email aus Mexiko bei Imperium Dekadenz ein. Darin entschuldigte sich die Band Ison demütig und versuchte den Musikdiebstahl zu erklären. Demnach sei die Band selbst von einem Komponisten getäuscht worden, der ihnen die Titel verkauft habe. Doch auch an dieser Geschichte kamen schnell Zweifel auf. Facebook-Fans von Imperium Dekadenz überprüften die Angaben genau und beförderten Unstimmigkeiten zutage. Mittlerweile existiert die Band Ison überhaupt nicht mehr im Netz. Alle Inhalte und Fanseiten waren zum Zeitpunkt unserer Recherche nicht mehr auffindbar. „Die Drohkulisse seitens der Fans war so enorm, dass sie sich verzogen haben“, sind sich die Schwarzmetaller sicher.

Einen Anwalt wollen die Musiker mit Donaueschinger Wurzeln nicht einschalten. „Das Recht und die Beweislage liegen zu einhundert Prozent auf unserer Seite. Uns geht es nicht um das Geld, sondern um den Verrat. Würden wir vor Gericht ziehen, würde uns das Thema vermutlich über Jahr beschäftigen. Da haben wir wirklich besseres zu tun. Diese Band wurde von ihren Fans zerrissen, insbesondere von den mexikanischen. Diese Band ist erledigt und darum geht es uns“, sagen Jakob und Vannier auf SÜDKURIER-Nachfrage.

Doch es gibt auch eine gute Seite in all dem Wirbel. Weil mehrere Fachmagazine über den Fall berichtet haben und das Thema in der Musik-Szene hohe Wellen schlägt, ist auch die Donaueschinger Band in aller Munde. „Das war super Werbung für uns. Und da die Mexikaner unser Material auserkoren haben, zeigt, dass wir gutes Zeug machen“, zieht Vannier Bilanz. „Wir haben schon lange Fans in Mexiko. Die Fan-Gemeinde dort ist jetzt natürlich gewachsen“, freut sich auch Jakob.

Imperium Dekadenz

Die Black Metal Band Imperium Dekadenz wurde 2004 von Pascal Vannier (38), Künstlername Vespasian, Christian Jakob (39), Künstlername Horaz, gegründet. Beide Musiker haben ihre Wurzeln auf der Baar. Beruflich hat es die beiden mittlerweile nach München und Stuttgart verschlagen. Der gemeinsame Proberaum befindet noch immer in Donaueschingen. Fünf Alben sind seither entstanden, ein sechstes ist in Arbeit. Bei zahlreichen Konzerten in ganz Europa präsentieren sie sich regelmäßig den Fans. Zweimal standen sie schon beim weltgrößten Metal-Festival Wacken auf der Bühne.

Unser Bild zeigt die Band Imperium Dekadenz bei ihrem Auftritt beim Wacken-Festival 2017. <em>Bild: Imperium Dekadenz </em>
Unser Bild zeigt die Band Imperium Dekadenz bei ihrem Auftritt beim Wacken-Festival 2017. Bild: Imperium Dekadenz | Bild: Imperium Dekadenz 

Anfang 2018 war ihre Musik in einem der erfolgreichsten Computerspiele zu hören.

Eine Spielszene aus dem Computerspiel Kingdom Come Deliverance. <em>Foto: Warhorse Studios</em>
Eine Spielszene aus dem Computerspiel Kingdom Come Deliverance. Foto: Warhorse Studios | Bild: Warhorse Studios