Welches Fest vermittelt die stärksten Heimatgefühle im Jahr? Für den einen ist es der Geburtstag, für den anderen Silvester und wieder andere fühlen sich besonders an der Fastnacht mit ihrer Heimat verbunden. Was aber alle jedes Jahr nach Hause in die Heimat treibt, ist wohl das Weihnachtsfest. Es vermittelt am meisten das Gefühl der Heimat, des heimeligen Beisammenseins mit der Familie und des Heimkommens. „Leute von früher treffen“ ist eine Formulierung, die in diesem Zusammenhang fällt. Man fühlt sich geborgen in der Gemeinschaft, in der man groß geworden ist. Kindheitserinnerungen an das heimelige Gefühl von damals spielen dabei eine große Rolle.

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Auf authentische Kostüme und deren wirkungvollen Einsatz legen die Freizeit-Schauspieler viel Wert. Detailverliebt werden die passenden Requisiten zum Stück ausgesucht.
Auf authentische Kostüme und deren wirkungvollen Einsatz legen die Freizeit-Schauspieler viel Wert. Detailverliebt werden die passenden Requisiten zum Stück ausgesucht. | Bild: Wohlgemuth, Simone

Unter anderem aus diesem Grund sind die regionalen Weihnachtstheater der verschiedenen Vereine jedes Jahr ein Dauerbrenner. Für viele gehören sie zum Heimkommen dazu und vermitteln ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Freunde, Familie und Bekannte treffen sich und erleben gemeinsam ein Stück Heimat. Aber was macht ein Theaterstück, das meist Einblicke in ein völlig fremdes Leben auf der Bühne gewährt, zum Heimattheater?

Achim Bartler tritt als Schamane auf und beweist in Doppelrollen schauspielerisches Geschick.
Achim Bartler tritt als Schamane auf und beweist in Doppelrollen schauspielerisches Geschick. | Bild: Wohlgemuth, Simone

Am Beispiel der Theatergruppe des Gesangvereins Harmonie Brigachtal lässt sich dieses Phänomen gut beschreiben. Die acht bis zehn Laienschauspielern aus Brigachtal und dem Umland treten jedes Jahr am letzten Wochenende vor Weihnachten an zwei aufeinanderfolgenden Abenden in der Kirchdorfer Festhalle auf. Die Stücke, die zur Aufführung kommen, sucht die Theatergruppe stets demokratisch und gemeinsam aus. Drei Stammspieler lesen einige Stücke durch und machen sich Gedanken zu den verschiedenen Charakteren und der passenden Besetzung. In einer gemeinsamen Sitzung wird diskutiert und abgestimmt.

Szene für Szene wird akribisch geprobt.
Szene für Szene wird akribisch geprobt. | Bild: Wohlgemuth, Simone

„Die Rollen sind meist schnell verteilt“, so Regisseur und Souffleur Ralf Köhler: „Meistens habe ich bereits beim Lesen schon denjenigen vor Augen, auf den die Rolle perfekt passt.“ Oft sind Stücke in bayrischem oder schwäbischem Dialekt geschrieben. „Da wir ein Heimattheater sind, werden die meisten Rollen in unserem heimischen Brigachtaler Dialekt gespielt“, so Köhler. Oft werden auch örtliche Besonderheiten hinzugefügt, wie zum Beispiel Namen von regional bekannten Personen und Orten. Da wird die klassische „Kneipe um die Ecke“ kurzerhand in das Brigachtaler Gasthaus „Landhaus am Bahnhof“ umgetauft. Oder eine Figur bekommt Züge des örtlichen Pfarrers oder Bürgermeisters. So entsteht Verbindung zum Ort und sorgt außerdem meist für zusätzliche Lacher. Bekanntes schafft Verbundenheit und einen anderen Zugang zur Handlung.

Hinter den Kulissen wird professionell geschminkt.
Hinter den Kulissen wird professionell geschminkt. | Bild: Wohlgemuth, Simone

„Natürlichkeit auf der Bühne ist mir sehr wichtig“, sagt Regisseur Ralf Köhler: „Deshalb arbeiten wir auch möglichst ohne Perücken.“ Oft kommt der Theatergruppe noch eine Idee, wie die Figur noch besser dargestellt oder überzeichnet werden kann. Schließlich sollen die Rollen authentisch, nah am Spieler und vor allem lustig sein. Von ernsten Stücken hat sich die Theatertruppe des Gesangvereins schon lange verabschiedet.

Die Kirchdorfer Theatergurppe.
Die Kirchdorfer Theatergurppe. | Bild: Wohlgemuth, Simone

Seit Jahrzehnten wird in Kirchdorf bereits Theater gespielt. Früher kamen die durchweg ernsten Stücke im Gasthaus „Adler“ in Kirchdorf zur Aufführung. Später wurde der Aufführungsort aus Platzgründen in die Festhalle in Kirchdorf verlegt. Schließlich schwenkte man nach einem Regiewechsel zum unterhaltsamen Genre über. Nichts verbindet mehr, als zusammen zu lachen. Das Verbindende ist es auch, was das Theater vor Weihnachten so interessant macht für die Zuschauer: Vor dem Jahreswechsel und den Feiertagen noch einmal die Lieben und Bekannten treffen und gemeinsam über ein turbulentes Theaterstück lachen, das von bekannten Gesichtern gemimt wird. Viele der Schauspieler sind außerdem seit Jahren auch in anderen örtlichen Vereinen engagiert und im Ortsgeschehen vernetzt. Die beiden Laiendarsteller Heidi Müller und Michael Maier stehen nächstes Jahr bereits seit 40 Jahren für den Gesangverein Brigachtal auf der Bühne und sind aus der örtlichen Theaterszene nicht mehr wegzudenken.

Eine andere Art des Brigachtaler Heimattheaters stellt die mittelalterliche Theatergruppe "Bundschuh" dar. Diese mimt bei ihren Aufführungen Szenen aus dem Bauernkrieg, der um 1524 gegen die Oberen aus Villingen geführt wurde. Die Gruppe setzt sich aus spielbegeisterten Bürgern aus Brigachtal zusammen, die mittelalterliche Bauern darstellen.
Eine andere Art des Brigachtaler Heimattheaters stellt die mittelalterliche Theatergruppe "Bundschuh" dar. Diese mimt bei ihren Aufführungen Szenen aus dem Bauernkrieg, der um 1524 gegen die Oberen aus Villingen geführt wurde. Die Gruppe setzt sich aus spielbegeisterten Bürgern aus Brigachtal zusammen, die mittelalterliche Bauern darstellen. | Bild: Wohlgemuth, Simone

Das diesjährige Theaterstück heißt „Petri Heil und Waidmanns Dank“ von Bernd Gombold. Aufgeführt wird es am 15. und 16. Dezember in der Festhalle Kirchdorf.

 

"Laientheater fördert das Wir-Gefühl"

Der Theaterpädagoge Wolfgang G. Schmidt ist Gründer und Leiter der Theaterwerkstatt Heidelberg (www.theaterwerkstatt-heidelberg.de), die eine Brücke zwischen theaterbegeisterten Menschen als „Experten des Alltags“ und der professionellen Theaterwelt herstellt.

 

Herr Schmidt, kann man sagen, dass immer mehr Menschen als Laienschauspieler ehrenamtlich auf der Bühne stehen und Theater spielen?

Ja. Das hat aber weniger damit zu tun, dass sich Menschen heute häufiger gern im Rampenlicht sehen. Sie erkennen vielmehr, dass keine andere Methode so sehr Körper, Geist und Seele fordert und fördert wie das Theaterspielen. Sie erkennen, dass die Auseinandersetzung mit sich, mit anderen und zugleich mit dem Thema nirgends so tiefgreifend und authentisch ist wie im Umgang mit Theater. Auf der Bühne ist der Mensch Geschöpf und Schöpfer zugleich. Das ist einzigartig. Theaterspielen ermöglicht Erfahrungen und Erkenntnisse, die den eigenen Horizont erweitern können und zugleich Erfahrungen vom Ich zum Du zum Wir und umgekehrt bringen. Werden derartige Erlebnisse in der Gruppe reflektiert, können diese zum Weltfrieden beitragen. Schiller sagte schon, der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Beim Heimattheater bringen Bürger üblicherweise Themen aus ihrer Vergangenheit auf die Bühne. Ist Heimattheater der passende Ausdruck für die Theaterform in Kirchdorf?

Heimattheater ist kein klar definierter Begriff. Es muss nicht zwangsläufig die Geschichte und Kultur des eigenen Orts aufgegriffen werden. Ein Theater, das das Thema Heimat aufgreift, kann auch persönliche Themen der Bürger im Sinne von biografischem Theater bearbeiten. Oder wenn ein Verein ein Lustspiel in Mundart spielt, ist das ebenfalls Theater mit heimatlichem Bezug.

Glauben Sie, dass die zu beobachtende Theaterlust an der eigenen Geschichte auch eine Reaktion auf globalisierte Zeiten ist?

Heimat ist für jeden etwas anderes. Aber gerade in einer globalisierten Welt ist es wichtig, dass jeder seinen eigenen Heimatbegriff findet. Hierfür halte ich Theater für eines der besten Mittel, denn es macht sichtbar und hält den Spiegel vor und ermöglicht so Reflexion und Verortung.

Stiftet das Spielen in Mundart und, damit verbunden, der Blick auf die Herkunft der Ortsbewohner Gemeinschaft?

Ja, unbedingt. Auf der Theaterbühne werden Geschichte und Herkunft gelebt, sie ist zum Greifen nah, emotional und sinnstiftend. Die Bilder, die der Zuschauer wahrnimmt, können mit anderen geteilt werden und bestenfalls reflektiert werden. Sie sind Material für das Gespräch, sind identitätsstiftend und schaffen vielschichtig Vertrauen im Miteinander.

Fragen: Ursula Freudig