Jakob ist ein Videofan. Er filmt alles, was ihn bewegt. Im Moment ist das vor allem seine Freundin. Denn der sensible Junge ist mitten in der Pubertät und über beide Ohren in seine Mitschülerin Hannah verliebt. So passiert es, dass Jakob ihr ein Video schickt, das ihn beim Onanieren zeigt. Als die Aufnahme in falsche Hände gerät, kommt es zur Katastrophe. Seine Mitschüler verbreiten den peinlichen Clip im Internet und stellen Jakob in gehässigen Kommentaren bloß. Als selbst Hannah sich von ihm abwendet, versinkt der Junge in Scham und Selbsthass. Dazu kommt die Unsicherheit, wer von seinen Bekannten das Video gesehen haben könnte und wer nicht. In seiner Verzweiflung erinnert sich Jakob an die Pistole, die sein Vater im Schlafzimmer-Safe aufbewahrt ...

Quälerei unter Mitschülern

Diese Handlung des preisgekrönten Films „Homestory“ ist zugespitzt, aber nicht unrealistisch. Auch im Landkreis Schwarzwald-Baar fühlen sich Jugendliche von ihren Mitschülern gequält – so sehr dass sie die eigene Schule verlassen. "Den Tätern ist dabei oft nicht bewusst, dass sie sich damit strafbar machen", sagt Michael Ilg, stellvertretender Leiter des Referats Prävention beim Polizeipräsidium Tuttlingen. Seit zehn Jahren besucht er Schulklassen im Landkreis. "Den Altersschwerpunkt mussten wir in diesen Jahren immer weiter nach vorne verlagern", sagt er. Denn schon in der sechsten Klasse hätte bei allen Schultypen nahezu jeder Schüler schon ein Handy. Die beliebtesten Apps in diesem Alter sind laut Ilg Whatsapp, Snapchat und Instagram. "Facebook spielt bei den Schülern keine große Rolle mehr", berichtet der stellvertretende Referatsleiter. Cybermobbing sei aber auch in den Kreisen Tuttlingen und Schwarzwald-Baar ein Problem.

Phänomen aus der Tierwelt

Ursprünglich beschreibt der Begriff "Mobbing" ein Phänomen aus der Tierwelt, bei dem sich Artgenossen gegen einen Feind zusammenhorten. Franz Hilt, Leiter des Referats Prävention der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe Freiburg, versteht Mobbing als das systematische Schikanieren Schwächerer mit dem Ziel, den eigenen Status in einer Gruppe aufrechtzuerhalten. „Es ist kein Spaßkampf unter Gleichstarken. Das Opfer ist immer unterlegen“, sagt der Präventionstrainer. Dieses gezielte Herabwürdigen trete überall da auf, wo Menschen in Gruppen sein müssen, erklärt Hilt. Es sei deshalb nichts Neues, dass Mobbing gerade an Schulen eine Rolle spielt. Aber: In den vergangenen Jahren hat sich ein zusätzliches Problemfeld aufgetan. Hilt nennt es "das große neue Schlachtfeld" – das Internet.

Fallzahlen steigen

Im Rahmen der Jim-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest hat im vergangenen Jahr jeder Fünfte der befragten zwölf- bis 19-jährigen Schülern angegeben, dass falsche oder beleidigende Dinge über ihn im Internet zu lesen waren. Jungen (21 Prozent) und Mädchen (19 Prozent) sind hier gleichermaßen betroffen. Zahlen, die bald noch höher ausfallen könnten – aus dem einfachen Grund, dass Schüler immer früher Zugriff auf internetfähige Handys haben.

Smartphone öffnet die Schleusen

"Viele Kinder bekommen mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule ein Smartphone", sagt Jens Reinbolz. Er ist seit dem Schuljahr 2015 Schulsozialarbeiter am Gymnasium am Hoptbühl. Für die meisten Kinder sei der Schulwechsel die Zeit, in der sie die ersten Erfahrungen mit sozialen Medien machen. Die Schulklassen gründen laut Reinbolz oftmals Gruppen in WhatsApp, um sich auszutauschen. "Das ist praktisch: Die Schüler können beispielsweise im Krankheitsfall schnell informiert werden, welche Hausaufgaben die Klasse aufbekommen hat", sagt der Schulsozialarbeiter. Doch es gibt auch Schattenseiten: "Diese Gruppen sind nicht offiziell und werden von keinem Lehrer moderiert. Wir erfahren es deshalb nicht, wenn dort die Stimmung mal kippt."

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Laut Reinbolz könne es passieren, dass ein Schüler in der Gruppe systematisch angegangen oder ausgeschlossen wird. Beides kann eine Form des Cybermobbings sein. Ein entscheidender Faktor sei dabei die Anonymität: "Der Täter schreibt eine Nachricht oder schickt ein verletzendes Bild und sieht nicht die direkte Folgen seiner Tat", so Reinbolz. Hinzu käme, dass durch soziale Netzwerke sich solche Dinge schneller und weiter verbreiten können. "Dann ist selbst ein Schulwechsel schwierig, weil Bilder oder Texte auch schon dort verbreitet wurden."

Opfer wollen untertauchen

Die Folgen von Cybermobbing können verheerend sein: "Die Opfer versuchen unterzutauchen, wollen unauffällig sein. Meistens machen sie sich dadurch aber noch angreifbarer", sagt Jens Reinbolz. Dieser Druck könne psychische Krankheiten wie Depressionen auslösen. "Das kann so weit gehen, dass der Schüler sich in therapeutische Behandlung begeben muss", sagt er. Aus diesem Grund will das Gymnasium am Hoptbühl die Schüler schon früh sensibilisieren. "Schon in der fünften Klasse setzen wir uns mit den Kindern drei Tage lang zusammen und beschäftigen uns mit den Folgen und den verschiedenen Rollen", sagt Reinbolz. Neben Täter und Opfer gebe es beispielsweise noch die Dulder und Mittäter.

Cybermobbing kann in seinen Anfängen verhindert werden, weiß Jens Reinbolz. Seine Botschaft ist aber auch: "Ihr könnt euch wehren." Er empfiehlt den Kindern, erwachsene Vertrauenspersonen um Hilfe zu bitten, sobald sie sich drangsaliert fühlen. Außerdem gelte es, Beweise zu sammeln. "Chatverläufe geben genaue Einsicht, wer was geschrieben hat", sagt er. Denn, auch wenn es den meisten Tätern nicht bewusst ist: Beleidigung ist eine Straftat.

 

Max Bammert.
Max Bammert. | Bild: Kipar, Sandro

 

Felicitas Bichweiler.
Felicitas Bichweiler. | Bild: Kipar, Sandro

 

Tina Mann. Bilder: Sandro Kipar
Tina Mann. Bilder: Sandro Kipar | Bild: Kipar, Sandro

 

"Wenn nichts unternommen wird, kann sogar Suizid zum Thema werden"

Max Bammert, Felicitas Bichweiler und Tina Mann gehören zum Weißen Ring, ein gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten. Sie beschäftigen sich auch mit Cybermobbing.

Was ist denn überhaupt Cybermobbing?

Bammert: Es ist ähnlich zum Mobbing, allerdings in gesteigerter Form. Zum Mobbing gehören beleidigen, ausgrenzen, bedrohen oder auch verletzen. Der Raum ist beim Cybermobbing allerdings sehr viel umfassender: Rund um die Uhr können auf Facebook oder Whatsapp Nachrichten geschrieben werden, die unter Umständen für die ganze Welt sichtbar sind.

Mann: Durch das Netz geht es beim Cybermobbing allerdings viel anonymer zu. Ein Foto landet im Internet und verbreitet sich dort rasend schnell. Bis zurückverfolgt werden kann, wer der Urheber ist und wer das Foto veröffentlicht hat, kann es sehr lange dauern.

Bichweiler: Die schnelle Verbreitung ist damit wohl mitunter das Gefährlichste am Cybermobbing.

Was meinen Sie mit gefährlich?

Bichweiler: Für einen Menschen kann das große Wellen auslösen, wenn Leute ihn regelmäßig verspotten. Klar, es gibt auch Leute, bei denen prallt sowas ab. Aber so ein Selbstbewusstsein muss man erst einmal haben.

Bammert: Die Folgen von Mobbing können vielfältig sein. Die Opfer bekommen Angst, in die Schule zu gehen, können sich schlechter konzentrieren und schreiben deshalb schlechtere Noten. Das führt zu Rückzug, das Opfer verliert an Selbstbewusstsein. Wenn nichts unternommen wird, kann die psychische Belastung so groß werden, dass sogar Suizid zum Thema wird. Generell gilt: Je früher jemand eingreift, desto besser.

Was kann da unternommen werden?

Bammert: Wir wollen den Opfern von Mobbing bewusst machen, dass es Hilfe gibt. Das kann bei Lehrern oder Eltern, bei uns oder im Internet sein. In der Regel raten wir, Beweise etwa durch Screenshots zu sichern und im Zweifel damit zur Polizei zu gehen. Den Straftatbestand Mobbing gibt es zwar nicht, aber oft sind in solchen Fällen auch kleinere Tatbestände betroffen.

Bichweiler: Mit Präventionsprojekten an den Grundschulen wollen wir außerdem die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein stärken. Es ist viel geholfen, wenn die Kinder wissen, dass sie auch sagen können: "Nein, mit mir könnt ihr das nicht machen." Wir denken, dass das ein wichtiger Schritt ist.

Wie läuft das ab, wenn jemand bei Ihnen Hilfe sucht?

Bammert: Wenn jemand zu uns kommt, suchen wir zunächst ein Hintergrundgespräch. Wer hat was gemacht? Wo findet Mobbing statt? Wir erfüllen dabei eine Lotsenfunktion und nutzen unser Netzwerk aus Kontakten: Wir empfehlen dann, ob das Opfer zur Polizei gehen oder sogar einen Therapeuten hinzuziehen sollte. Das kommt dann auf den Einzelfall an.

Bichweiler: Von Mensch zu Mensch kann die Vorgehensweise sehr unterschiedlich sein. Manche ziehen den Gang zur Polizei als letzte Möglichkeit in betracht und suchen eher ein klärendes Gespräch.

Gibt es eine Hemmschwelle, bevor ein Opfer Hilfe sucht?

Bichweiler: Natürlich! Viele finden es peinlich und schämen sich. "Warum ich?", ist eine Frage, die sich den meisten Opfern von Mobbing regelmäßig aufdrängt.

Bammert: Außenseiter denken dann, dass ihr Ansehen bei den Mitschülern noch weiter sinkt, wenn sie zu den Lehrern gehen oder die Eltern einschalten.

Warum mobbt jemand?

Mann: Es gibt immer einen Auslöser. Für die Mobber ist es eine Chance, Macht zu demonstrieren. Für manche ist es aber auch ein Spiegel der familiären Verhältnisse. Wenn jemand hört: "Du kannst das nicht, du schaffst das nicht", das geben Kinder dann oft an ihr Umfeld weiter. Der Mobber stellt sich durch seine Taten dann auch noch in den Mittelpunkt und bekommt eine Menge Aufmerksamkeit.

Bammert: Viele Mobber waren auch selbst einmal Opfer. Von den Erwachsenen Tätern waren laut einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing 80 Prozent selbst einmal Opfer. Das ist eine riesige Zahl!

Es gibt also auch erwachsene Mobber?

Bammert: Genau. Das ist kein Phänomen, das sich auf die Schulzeit beschränkt. Auch im Berufsleben kann es zu Mobbing kommen.

Fragen: Sandro Kipar

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