Wer sich fürs Ehrenamt bei der Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee entscheidet, kann sich fast zu jeder denkbaren Zeit einbringen, sagen die hauptberuflichen Koordinatorinnen Bernadette Augustyniak und Christina Fehrenbach. Denn der von der katholischen und evangelischen Kirche sowie den Landkreisen getragene Dienst deckt 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag ab.

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Es geht bei den Anrufern um Menschen, die sich aussprechen wollen, weil sie sich vielfach einsam fühlen, körperliche Beschwerden haben oder depressiv verstimmt sind. Auch bei der Wahl des Kommunikationsmittels haben Helfer mehrere Möglichkeiten. Neben den klassischen Telefonaten spielten Mails und bald auch Chats eine Rolle.

11 467 Anrufe nahmen Helfer der Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee im Jahr 2018 entgegen, im oft sehr intensiven Mailkontakt wurden 138 elektronische Briefe geschrieben. Ein Dienst per Chat ist für Ende des Jahres 2020 im Aufbau. Alle Helfer absolvieren zum Einstieg eine 150 Stunden umfassende Basisausbildung. Ein neuer Intensiv-Kurs für Ehrenamtliche mit dem Dienstagabend als Ausbildungstag beginnt im Frühjahr.

Einfühlsamkeit gehört dazu

Für alle Helfer gelte: „Man muss über den eigenen Tellerrand hinaus schauen können und neugierig sein, wie andere ihr Leben meistern“, sagt Bernadette Augustyniak. Ehrenamtliche sollten in der Lage sein zu sehen, dass es viele verschiedene Lebensmodelle gibt, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. „Ratschläge sind nicht unser Gebiet.“

Christina Fehrenbach ergänzt: Wer sich gut auf Menschen und unplanbare Situationen einstellen könne, sei bei der Telefonseelsorge genau richtig. Die 32 Jahre alte Christina Fehrenbach hat neu angefangen bei der regionalen Telefonseelsorge. Die studierte Theologin und Erziehungswissenschaftlerin will an ihrer neuen Arbeitsstelle seelsorg­erisch und in der Ausbildung arbeiten.

Rund um die Uhr ein offenes Ohr

Als Faustregel für Helfer gelte: Im Monat sollen sie zwölf Stunden im Einsatz sein und im Jahr acht bis zehn Nachtdienste übernehmen, also mindestens zwei Stunden oder längere Blöcke von 23 bis 6 Uhr. Das Angebot, auch mitten in der Nacht anrufen zu können, werde genutzt, sagt Bernadette Augustyniak. Aus 14 Jahren Praxis beim Dienst am Telefon berichtet sie: „Ich kann mich an keine Nacht ohne Anruf erinnern.“ Körperlicher und seelischer Schmerz werde oft besonders intensiv wahrgenommen, wenn andere schlafen.

Der 24-Stunden-Dienst

Beim Dienst am Telefon oder durch andere Kommunikationsmittel gehe es im Kern immer um die wertschätzende Begegnung und den Versuch, den anderen in seiner Lebenssituation zu verstehen. „Das heißt nicht, dass ich alles toll finden muss“, sagt Augustyniak. Aber man könne beispielsweise anerkennen, worum sich einer trotz körperlicher Einschränkungen bemühe. Besonders intensiv gestalte sich oft der Austausch über Mail. Anders als am Telefon korrespondieren dabei immer derselbe Anfragende und derselbe Vertreter der Telefonseelsorge.

Anonym am Telefon und per Email

Der Kontakt kommt anonym über die Bundesseite der Telefonseelsorge zustande. Sender und Empfänger tauschten sich mit selbst gewählten Namen aus. Aus der Praxis berichtet eine Mitarbeiterin: „Der Kontakt per Mail kann sich manchmal über längere Zeit hinziehen. Die Probleme treten nach einigen Mailwechseln oft stärker hervor als in einem Telefongespräch. Veränderungen der Denkweisen der oder des Mailenden können erkennbar werden.“

Basis für jeden Einsatz bei der Telefonseelsorge ist der Grundkurs, der 150 Stunden umfasst. Es geht um die Schulung in empathischer (einfühlsamer) Kommunikation, um das Wahrnehmen der eigenen Gesprächsführung, um die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und die Bewältigung von Lebenskrisen. „Die Ausbildung qualifiziert auch für andere Lebensbereiche“, sagt Bernadette Augustyniak. Die Spezialisierung auf die Mittel der Online-Kommunikation erfolge auf Wunsch nach einiger Praxis am Telefon in weiteren Fortbildungskursen.

Das Auswahlverfahren für den Basiskurs ist aufwendig. Er soll maximal zwölf Teilnehmer haben. Interessenten nehmen für erste Informationen Kontakt zur Telefonseelsorge auf und haben dann die Möglichkeit, an einem Kennenlern-Samstag am 7. März teilzunehmen. „Man muss sich in der Gruppe wohlfühlen“, sagt Bernadette Augustyniak. Denn auch der Austausch unter den Helfern spiele eine Rolle bei der Telefonseelsorge.

50 Ehrenamtliche aus allen Berufszweigen

Das Team der aktuell 50 Ehrenamtlichen ist aus ganz unterschiedlichen Menschen zusammengesetzt. „Das geht vom Eisenbahnschaffner über Ärzte, Ingenieure, Handwerker, Mütter und Studierende“, berichtet Bernadette Augustyniak. Unter den Anrufenden waren nach der Statistik für 2018 mit 61 Prozent Frauen stärker vertreten als Männer. Mehr als 60 Prozent der Anrufenden gaben an, allein zu leben. Sie kamen aus ganz unterschiedlichen Lebensumständen. „Wir haben auch Menschen, die aus der Obdachlosigkeit anrufen“, sagt Bernadette Augustyniak.

Die Geschäftsstelle der Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee ist kürzlich innerhalb von Konstanz umgezogen, und zwar von der Oberen Laube in den Taborweg. Diesen erreicht man vom Stadtteil Wollmatingen kommend über die Wollmatinger Straße. Dort befinden sich Büro und Ausbildungsräume. Wo die hauptamtlichen und ehrenamtlichen Helfer ihr Dienstzimmer haben, in dem sie Anrufe entgegen nehmen, gibt die Telefonseelsorge aus Sicherheitsgründen nicht bekannt.