Schwarzwald-Baar – Woher bezieht ein bildender Künstler seine Inspiration? Aus dem Kontrast. Zu dieser knappen und bestimmten Einschätzung kann kommen, wer mit Juan Antonio Olivares, Vanessa Safavi und Zin Taylor ins Gespräch findet. Diese drei Künstler kamen im vergangenen Sommer als achte Schaffensgruppe in den Genuss des Stipendiatenprogramms des Kunstprojekts „Fürstenberg Zeitgenössisch“ auf Schloss Heiligenberg, die Ausstellung ihrer Werke in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen in Donaueschingen wurde unter dem Titel „After Eight“ am Dienstag eröffnet.

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Apropos Kontrast: Der Puerto Ricaner Olivares lebt in New York, die Schweizerin Safavi in Berlin, der Kanadier Taylor in Paris. Im Vergleich zu diesen Millionenstädten ist Heiligenberg mit seinen 3000 Einwohnern eine Oase der Ruhe und Beschaulichkeit. Für die drei Künstler ging von diesem Ort allerdings eine starke Faszination aus.

Juan Antonio Olivares sagt, einen so klaren Nachthimmel wie den über dem Bodensee und dem Linzgau habe er noch nicht erlebt, und dass er Meteoriten, die leuchtend in die Erdatmosphäre eindringenden kosmischen Körper, mit eigenen Augen sehen konnte, war für ihn eine völlig unerwartete Anregung. Als Ausdruck dieses Erlebens sind mehrere Zeichnungen mit Silberstift auf schwarzem Papier entstanden, die das astronomische Phänomen der Schwarzen Löcher thematisieren.

Vanessa Safavi hat die „amazing atmosphere“ von Schloss Heiligenberg, das sie in Staunen setzende Gepräge der Örtlichkeiten zu besonders konzentriertem Arbeiten genutzt. Sie hat hier in ihrer buchstäblichen Auszeit von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ungestört einen fesselnden Film mit dem Titel „Velvet“ zu schneiden. Er zeigt Ausschnitte aus der automatisierten Produktion von Latexhandschuhen in einer indischen Fabrik auf eine Art und Weise, die in einem mit der Ästhetik von Bewegungsabläufen wie mit dem emotionalen Unbehagen daran spielt.

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Zin Taylor hat es insbesondere eine natürliche Höhle mit Blick auf Schloss Heiligenberg angetan, die sogenannte Freundschaftshöhle. Zuletzt lebte dort bis 1785 ein Tagelöhner, der bei den Fürsten zu Fürstenberg in Diensten stand. Das Gestein, seine natürliche Umgebung und die Ausblicke von dort boten Taylor reichlich Anlass zum Nachdenken – nicht zuletzt über Formen des Denkens selbst. Er hat dabei ein zeichnerisches Dossier von etwa 50 Blatt entwickelt und als Quintessenz daraus in den F.F. Sammlungen eine sich über drei Wände erstreckende Flächenzeichnung geschaffen. Dieses Werk fällt jedem, der die Ausstellungsräume betritt, sofort ins Auge. Ihre deutsche Bezeichnung: „Gedanken eines Punktes, wie er über eine Fläche schweift (Freundschaftshöhle)“.

Das Erbprinzenpaar Christian und Jeannette zu Fürstenberg konnte bei der Vernissage wie jedes Jahr um die hundert Kunstfreunde begrüßen. Einen ihrer Leitsätze formulierten sie so: „Wir sammeln nicht nur Kunst, sondern auch Freunde.“ Damit ist gemeint, dass sie mit Leidenschaft Kunstobjekte erwerben und zugleich die Begegnung und den lebendigen Gedankenaustausch mit Künstlern suchen.

Dass Künstler Wirkung entfalten können, dabei aber nicht unbedingt auf Anhieb zu verstehen sind, zeigte sich bei einer abschließenden Performance von Kasia Fudakowski mit dem widersprüchlichen Titel „This is not a performance.“ Diese Aktion mit unterschwelligem Humor und der philosophischen Ernsthaftigkeit lässt einen in einem Raum zwischen ausgestrahlter Anziehungskraft und empfundener Ratlosigkeit. Die Gäste haben viel Gesprächsstoff.

Die Förderung der Kunst hat hier mehr als nur eine markante Familien-Tradition

  • Konzept: „Fürstenberg Zeitgenössisch“ ist ein präzise durchdachtes Kunstprojekt. Seine kunstbegeisterten Begründer, Förderer und Begleiter sind das Donaueschinger Erbprinzenpaar Christian und Jeannette zu Fürstenberg. Seit 2011 laden sie jedes Jahr im Sommer für mehrere Wochen drei bildende Künstler auf das zum Familienbesitz gehörende Schloss Heiligenberg ein, das rund 20 Kilometer nördlich des Bodensees liegt. Hier entstehen Kunstwerke, die ein paar Monate später in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen am Karlsplatz in Donaueschingen präsentiert werden. Ausgesuchte Stücke finden den Weg in die Sammlung zeitgenössischer Kunst von Christian und Jeannette zu Fürstenberg, als Dauerausstellung sind etliche unter dem identischen Titel „Fürstenberg Zeitgenössisch“ jeweils von April bis November zu besichtigen.
  • Aktivposten: Als künstlerischer Berater und Ausstellungskurator hat bis zum vergangenen Herbst Moritz Wesseler an den Ausstellungen sowie der Entstehung der Sammlung mitgewirkt. Der 39 Jahre alte Kunsthistoriker, von 2013 bis 2018 Direktor des Kölnischen Kunstvereins und nun seit November 2018 Direktor des renommierten Fridericianum in Kassel, hat auch in Donaueschingen mit verwirklicht, was er aus Überzeugung gerne tut: beachtlichen, besonders jüngeren Akteuren der Gegenwartskunst, die in Deutschland noch weniger bekannt sind, eine Plattform bieten.
  • Umfang: Insgesamt umfasst die noch relativ junge Sammlung „Fürstenberg Zeitgenössisch“ aber doch viele Arbeiten von Künstlern, die einen Namen haben. Von Juliette Blightman zum Beispiel, die sich 2014 im Kunsthaus Bregenz präsentieren konnte; von Kasia Fudakowski, die 2017 einen der begehrten Florentiner Villa-Romana-Preise bekommen hat; von Gareth Moore, der 2012 auf der Documenta 13 von sich reden machte; oder von dem Multitalent Kai Althoff, der es 2016/17 bis ins Museum of Modern Art in New York geschafft hat.

Jeannette zu Fürstenberg spricht gern etwas zurückhaltend von der „behutsam wachsenden Sammlung“. Die Kunstkabinette in den FF-Sammlungen beweisen aber ohne Zweifel Sachverstand, Sammlerleidenschaft und Qualitätsbewusstsein. (gf)