Im Stall von Familie Schwörer in VS-Pfaffenweiler herrscht eine ungewohnte Leere. Nur vereinzelt stehen ein paar Milchkühe im Stall. Die etwa zwei Dutzend Tiere verlieren sich in dem großen Raum. Die Kühe kauen Heu, dösen und schauen neugierig auf, wenn sich Besucher nähern. Eigentlich sollten hier gut 60 Milchkühe und Rinder stehen und ein glückliches Leben führen. Doch die Tiere sind nicht etwa auf der Weide.

Das könnte Sie auch interessieren

Großteil der Tiere vergiftet

In den vergangenen sechs Wochen sind insgesamt 54 Kühe und Rinder an Botulismus gestorben. Familie Schwörer trifft dabei keine Schuld. Die Tiere wurden von einem Bakterium vergiftet, das ein starkes Nervengift produziert. Der Erreger Clostridium botullinum ist zum Beispiel im Erdreich weit verbreitet. Allerdings ist er größtenteils ungefährlich, weil das Gift nur unter bestimmten Voraussetzungen gebildet wird. Am wahrscheinlichsten sei, so Michael Schwörer, dass ein Tierkadaver, etwa eine Feldmaus, mit dem Heu ins Silo gekommen sein könnte. „Unser Mähwerk ist sechs Meter breit. Das ist noch ein kleineres Modell. Und trotzdem sieht man nicht alles, was mit dem Heu ins Silo kommt“, erklärt Michael Schwörer. Schützen könne man sich als Landwirt kaum. Woher genau das Gift letztlich stammt, bleibt unklar.

Botulismus ist in der Landwirtschaft immer wieder ein Problem. Es hat wohl vor allem mit den Futtersilos zu tun. Wenn ein Tierkadaver dort hineingerät, verwest er unter anaeroben, also sauerstofffreien Bedingungen. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass das betreffende Bakterium das Gift produziert und die Silage damit kontaminiert.

Markus und Susanne Schwörer mit Sohn Michael und Freundin Daniela Specker. Eine unglaubliche Welle an Solidarität wurde den Landwirten zuteil, als ihr Schicksal an die Öffentlichkeit kommt. Dank der zahlreichen Spenden aus der Region ist ihre Existenz gesichert.
Markus und Susanne Schwörer zusammen mit Sohn Michael und Freundin Daniela Specker. Die Landwirte mussten den Verlust fast aller ihrer Rinder miterleben. Der Tod von 54 Kühen und Rindern bedroht die Existenz des Betriebes. | Bild: Rodgers, Kevin

Angefangen hat alles vor sechs Wochen. „Als wir morgens in den Stall kamen, lag eine Kuh am Boden und war so schwach, dass sie nicht mehr aufstehen konnte“, erklärt Susanne Schwörer. Zunächst dachten sie an keine lebensbedrohliche Krankheit. Von den Symptomen her hätte es auch das gut behandelbare Milchfieber, also Kalziummangel, sein können. „Dann fielen aber nach und nach immer mehr Kühe um“, so Susanne Schwörer. Der herbeigerufene Tierarzt versuchte noch, den Kühen zu helfen, letztlich ohne Erfolg. „Die Tiere wurden so schnell schwach, dass der Tierarzt nicht einmal eine Vene für Kochsalzinfusionen gefunden hat“, erinnert sich Michael Schwörer. Die erkrankten Kühe wurden schnell schwächer, Stoffwechsel und Kreislauf kollabierten. Tritt dies bei Rindern ein, erlahmen sie von den Hinterbeinen her, sodass sie nicht mehr aufstehen können. „Bei manchen ging es nur einen halben Tag, bis sie gestorben sind. Und manche mussten wir von ihrem Leid am Ende erlösen.“

Wirtschaftliche Grundlage bedroht

Für die Landwirte ist die Situation belastend. „Das sind keine Maschinen, sondern Tiere, zu denen man auch eine relativ enge Bindung pflegt. Natürlich schmerzt einen der Anblick dann sehr“, erzählt Michael Schwörer. Hinzu kommt der finanzielle Verlust für den Betrieb, den Markus Schwörer mit mindestens 72 000 Euro angibt. In dieser Summe sind die Ausfälle bei der Milchproduktion, Auktionsgebühren und Steuern noch gar nicht eingerechnet. Markus Schwörer schätzt, dass es ein Jahr dauert, bis der Hof zum Regelbetrieb zurückkehren wird. Nicht zu beziffern ist die Arbeit, die in die Zucht der Rinder geflossen ist. Der Verlust ist so massiv, dass der Familie die wirtschaftliche Grundlage entzogen wurde.

Daniela Specker mit den jungen Kälbchen, die von der Seuche verschont wurden.
Daniela Specker mit den jungen Kälbchen, die von der Seuche verschont wurden. | Bild: Rodgers, Kevin

Versicherung zahlt keinen Cent

Für den Verlust der Tiere tritt die Versicherung nicht ein. „Wir haben zwar immer kräftig in die Tierseuchenkasse Baden-Württemberg eingezahlt. Allerdings wird Botulismus seit einigen Jahren nicht mehr als Seuche angesehen“, erklärt Susanne Schwörer. Deshalb zahle die Tierseuchenkasse nicht.

Dass nicht gezahlt wird, dafür hat Bruno Körner, der Verwaltungsleiter der Tierseuchenkasse eine Erklärung. Er hat Verständnis für die Situation von Familie Schwörer, kann jedoch auch nicht helfen. "Seit 2014 gibt es eine neue EU-Verordnung, aus der der Botulismus herausgestrichen wurde. Die EU sieht Zahlungen an Landwirte deshalb als unzulässige Wettbewerbsverzerrung an", so Körner. Allerdings verweist er auch auf einen weiteren Weg für Hilfen. "Für Beihilfen, für die kein durch die EU freigegebener Zahlungsgrund vorliegt, besteht die Möglichkeit, im Rahmen des Förderprogramms "De-minimis" Leistungen auszubringen", so Körner. Über De-minimis dürfe ein Betrieb über einen Zeitraum von drei Jahren ein Betrieb Beihilfen bis zu einer Gesamtsumme von 15 000 Euro erhalten.

Darüber, wie genau das Phänomen Botulismus einzuordnen ist, herrscht auch bei den Behörden Unklarheit. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschat verweist darauf, dass ein wissenschaftlicher Nachweis bislang noch nicht erbracht sei. Forschungen auf diesem Gebiet laufen. "Bislang dient der Begriff jedoch lediglich als Hypothese zur Erklärung unspezifischer Krankheitserscheinungen", heißt es aus dem Berliner Ministerium. Erste Veröffentlichungen beschreiben laut Ministerium eine chronische Erkrankung unbekannten Ursprungs, die zunächst bei Hochleistungsrindern, später auch bei Kälbern aufgetreten sei. Bislang sei jedoch der ursächliche Zusammenhang zwischen den unspezifischen Symptomen und dem Bakterium Clostridium botullinum trotz intensiver Forschung nicht wissenschaftlich gesichert. Aus diesem Grund werde eher von einem Geschehen mit unspezifischen Krankheitserscheinungen denn von "chronischem Botulismus“ gesprochen.

Unterdessen erfährt die Familie Solidarität von vielen Seiten. So haben befreundete Landwirte der Familie ein junges Kälbchen geschenkt. Mittlerweile gibt es auch ein Spendenkonto, mit dem die in Not geratene Familie unterstützt werden kann. Initiiert wurde die Spendenaktion von der hiesigen Landtagsabgeordneten Martina Braun. Die Politikerin der Grünen ist im Hauptberuf selbst Landwirtin und möchte ihren Kollegen helfen, nach dem Massensterben im Stall wieder Fuß zu fassen. "Dafür sind wir natürlich unheimlich dankbar und es tut gut, zu sehen, dass man nicht im Stich gelassen wird", sagt Daniela Specker.

Bild: Rodgers, Kevin

 

Das könnte Sie auch interessieren