Die neue Regierung hat's gemerkt: In den Pflegeheimen der Republik herrscht die blanke Not: Kanzlerin Angela Merkel, nennt die, die (noch) dort arbeiten, "stille Heldinnen", ihr neuer Gesundheitsminister Jens Spahn will Pflegekräften aus dem Ausland schneller zu entsprechenden Papieren verhelfen und verspricht sofort Verbesserungen. Doch sofort ist für die Verantwortlichen vor Ort schon zu spät: Im Spittel-Seniorenzentrum stehen einzelne Betten zwangsweise leer, im Fritz-Fleck-Haus der Arbeiterwohlfahrt (Awo) auf dem Sulgen bleiben bis zu einem halben Dutzend Betten nicht belegt, so Awo-Geschäftsführer Peter Hirsch. Er hat dasselbe Problem wie sein Kollege Albert Röcker im Spittel: "Wir finden keine Mitarbeiter."

In der Pflege sind feste Schlüssel vorgegeben, wie viele Pflegekräfte für wie viele Pflegebedürftige zuständig sein dürfen. Wenn diese Pflegeschlüssel nicht eingehalten werden, drohen den Pflegeheimen Konsequenzen von der Heimaufsicht. "Wir prüfen, bevor wir Leute aufnehmen, ob wir sie auch pflegen können", so Röcker. Im Zweifelsfall lasse er lieber ein oder zwei Betten leer. Hirsch sieht sich durch Regelungen sehr stark eingeschnürt. In seinem Haus auf dem Sulgen wäre die Nachfrage enorm, aber um die fünf Betten könne er nicht belegen. Andernfalls mache er "das Personal kaputt" und würde gesetzeswidrig handeln.

Der Notstand betreffe nicht nur die stationäre, sondern auch die ambulante Pflege. Es sei schlimm, wenn man Familien, die dringend auf Hilfe angewiesen seien, absagen müsse, so Hirsch.

Das Fritz-Fleck-Haus der Arbeiterwohlfahrt auf dem Sulgen. Auch hier können Betten nicht genutzt werden. <em>Bild: Martin Himmelheber</em>
Das Fritz-Fleck-Haus der Arbeiterwohlfahrt auf dem Sulgen. Auch hier können Betten nicht genutzt werden. Bild: Martin Himmelheber

Beide Praktiker sehen die Politik in der Verantwortung. Um mehr junge Leute zu bewegen, einen Pflegeberuf zu ergreifen, brauche es nicht nur mehr Geld, ist Hirsch überzeugt. Es sei gegenwärtig kaum möglich, Pflegekräfte zu bekommen: "Der Mangel ist riesig", bestätigt Röcker, "nicht nur bei den Fachkräften, auch bei den Hilfskräften." Er glaubt, dass von den 38 Milliarden Euro aus der Pflegeversicherung viel Geld an der falschen Stelle landet: Gut eine Milliarde Euro bei der Verwaltung, fast eine halbe Milliarde für die Prüfdienste. Hirsch würde gern die Pflegeschlüssel ändern: Mehr Pflegende je Pflegebedürftige. Was paradox klingt, wenn eh kaum Pflegende zur Verfügung stehen, macht dennoch Sinn: "Mit mehr Personal hätten wir bessere Rahmenbedingungen." Heute gäbe es bei den Dienstplänen oft keine Sicherheit. Wird jemand krank, ist das freie Wochenende futsch. "Die Leute steigen aus. Wir dürfen die Pflegenden nicht verheizen." Mit mehr Personal sänke die Arbeitsbelastung, so Hirsch.

Ihm gehe es um alle Beteiligten, er wünscht sich, dass Pflegebedürftige, Pflegende und Arbeitgeber sich zusammentun. Vor zehn Jahren sei das in Finnland geschehen. Eine Streikdrohung habe dort die Politik aufgerüttelt. "Da kam Leben in die Bude." Und bei uns? Im Koalitionsvertrag verspricht die neue Regierung 8000 neue Pflegestellen. Röcker schnaubt: "Das ist eine halbe Stelle je Pflegeheim in Deutschland. Ein Witz."

Prognose

Der Demografiebeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Thaddäus Kunzmann, fürchtet einen Pflegenotstand. Schon bis 2030 fehlten 40 000 zusätzliche Pflegekräfte im Südwesten, sagte er diese Woche in Stuttgart. Enorm anwachsen werde der Pflegebedarf der geburtenstarken Jahrgänge.