Schramberg – Die Region ist jetzt um eine Attraktion reicher. Im Industriestädtchen ist seit Mitte Juni eine außergewöhnliche Sammlung Schwarzwald-Uhren zusammen mit der Geschichte der Uhrenfabrik Junghans und deren Zulieferern zu sehen. Und all dies in einem ganz besonderen Bauwerk: dem Terrassenbau von Philipp Jakob Manz. Auf neun Etagen fertigten Uhrmacher jahrzehntelang viele Millionen Wecker, Groß- und Armbanduhren – und das bei bestem Tageslicht.

Mehrere glückliche Umstände ließen das Junghans Terrassenbau Museum – so der offizielle Name – entstehen. Der wichtigste wohl: Als die Uhrenfabrik Junghans nach langem Siechtum 2008 in Insolvenz ging, kaufte der Schramberger Unternehmer Hans-Jochem Steim mit seinem Sohn Hannes das Unternehmen auf und rettete nicht nur etwa 120 Arbeitsplätze, sondern auch eine Traditionsmarke.

Die Geschichte der Stadt Schramberg ist untrennbar mit Junghans verbunden. Etwa 100 Jahre hat die Familie das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt geprägt. Doch mit dem Niedergang der Uhrenindustrie sank auch die Bedeutung der Firma Junghans.

Viele Jahre stand der Junghans-Bau leer

Den Terrassenbau, vor genau 100 Jahren im Jahr 1918 fertiggestellt, stand seit den 90er Jahren weitgehend leer. Es gab verschiedene Ideen, wie das denkmalgeschützte Gebäude genutzt werden könnte: ein feines Restaurant, eine Diskothek. Steim selbst hatte die Vorstellung, eine wissenschaftliche Einrichtung dort unterzubringen. Es scheiterte am Geld, an Brandschutzauflagen, am Denkmalschutz.

2012 kaufte die Familie Steim von einem Münchner Investor zwei Gebäude, in denen Junghans-Uhren gefertigt werden – und dann gleich den Terrassenbau noch mit. Ihm sei klar gewesen, „dass sich die Gebäudesubstanz weiter verschlechtern würde, wenn man hier nichts unternimmt“.

Aber was? 2014 erfährt Steim, dass in Vechta bei Bremen der Malermeister Heinrich Engelmann seine Sammlung mit Schwarzwald-Uhren verkaufen möchte. Steim findet, der Terrassenbau wäre ideal, um die Sammlung zu zeigen. Die beiden werden sich rasch einig, und „etwa 300 Exponate treten ihren Weg in den Schwarzwald an“, wie er berichtet.

Uhrensammler Heinz Engelmann (links) mit einigen der Exponate, die er für das neue Museum der Schramberger Unternehmerfamilie Steim übereignet hat. <sup></sup>Bild: Martin Himmelheber
Uhrensammler Heinz Engelmann (links) mit einigen der Exponate, die er für das neue Museum der Schramberger Unternehmerfamilie Steim übereignet hat. Bild: Martin Himmelheber

Steim beauftragt Uwe Brückner aus Stuttgart und Arkas Förstner aus Schramberg, ein Museumskonzept zu entwerfen. In langen Verhandlungen mit den Denkmalschützern entsteht ein Plan, wie Denkmalschutz, Barrierefreiheit, Museumszweck und Brandschutz in Einklang gebracht werden können. Es gibt aus verschiedenen Töpfen etwa 900 000 Euro Zuschuss: „Mehr als ein Tropfen auf den heißen Steim“, wie Steim witzelt.

"Ein Leuchtturm der Schramberger Museumslandschaft"

Entstanden ist keine verstaubte Sammlung von Zeitmessern, sondern eine Zeitreise durch die Geschichte der Uhrenfertigung im Schwarzwald vom 18. Jahrhundert bis heute. Ein Kernstück im oberen Teil ist die Sammlung von Heinz Engelmann. Beim Eröffnungs-Rundgang steigt er über eine Absperrung und dreht den Zeiger an einer Schwarzwald-Uhr: „Das bleiben immer meine Kinder“, erklärt der fast 80-Jährige, „aber hier sind sie gut aufgehoben.“

Daneben zeigt das Museum die Geschichte der Familie und der Firma Junghans. Zu sehen ist die Entwicklung der Uhrenfabrikation: von mechanischen über elektrische Uhren, Quarz-Uhren bis zur Funk-Solar-Uhr.

Darüber hinaus erleben die Besucher eine Zeitreise durch 150 Jahre Schramberger Industriegeschichte, denn auch die Zulieferindustrie ist zu sehen, aus der neben Kern-Liebers auch Firmen wie der Leiterplattenhersteller Schweizer Electronic, Carl Haas oder Trumpf-Laser entstanden sind.

In Mitmachbereichen, an Hörstationen und auf Bildschirmen können die Besucher mehr über die Exponate erfahren. Sie erleben, wie Uhren hergestellt wurden, sehen, wie Quarze für Uhren geschnitten werden und welche Energien Federn speichern können. Entstanden sei „ein Leuchtturm in der Schramberger Museumslandschaft“, ist Steim überzeugt. Dass am Ende in Terrasse 2 „wie bei Ikea“ die Besucher durch den Junghans-Werksverkauf ins Freie gelangen, wer wollte es dem Geschäftsmann verübeln?