Wendelin Ginter zuckt mit den Schultern. "Was soll man da machen?", fragt der 92-Jährige. Er ist an einem Montagabend Ende August dreist bestohlen worden. Ausgerechnet auf dem Weg vom Feuerwehrhaus nach Hause. Diese Strecke ist Wendelin Ginter, der seit Jahrzehnten Mitglied der Feuerwehr in Heiligenbronn ist, schon zahllose Male zuvor gegangen.

Unbemerkt den Geldbeutel aus der Tasche gezogen

An diesem Abend aber sprach ihn eine unbekannte Frau auf Englisch an, streichelte ihm über den Rücken und zog ihm unbemerkt den Geldbeutel aus der Tasche. "Ich dachte, die Frau braucht Hilfe", sagt er. Anschließend blieb für ihn nur der Ärger über den Diebstahl. 70 Euro, seine Karte für den Nahverkehr und die Krankenversicherungskarte waren in dem Geldbeutel. "Dreiste Trickdiebin unterwegs", meldet daraufhin die Polizei und fahndet nach Zeugen.

Die Geschichte des Diebstahls machte die Runde, oft wurde Wendelin Ginter in seinem Heimatort Heiligenbronn darauf angesprochen. Von dem Vorfall hat auch ein Ehepaar aus Königsfeld erfahren. Sie lasen im SÜDKURIER einen Artikel darüber und beschlossen, zu handeln. Sie hatten Mitleid mit dem älteren Herrn, der so kaltherzig bestohlen wurde.

Paket mit 100 Euro an die Redaktion geschickt

Sie schickten ein Paket an die Redaktion des SÜDKURIER. Darin enthalten ein Geldbeutel mit einem 100-Euro-Schein, der den 92-Jährigen trösten sollte, wie das Ehepaar, das anonym bleiben will, schrieb. Ihre Hoffnung: Die Redaktion kann den Mann, der in dem Zeitungsbericht nicht namentlich genannt wurde, ausfindig machen. Das ist in diesem Ausnahmefall, unter mithilfe der Polizei, gelungen.

Die Beamten sind erneut zu Wendelin Ginter gefahren, um ihm die Telefonnummer des SÜDKURIER zu übergeben. Den Namen durfte die Polizei aus Datenschutzgründen nicht direkt an unsere Zeitung weitergeben. "Ich war nicht zu Hause, aber die Polizisten haben mich gefunden, weil sie meinen Rollator vor der Schwarzwaldstube gesehen haben", sagt Ginter. Die Schwarzwaldstube, ein Traditionsgasthaus, mittlerweile unter anderem Namen und mit chinesischer Küche, ist das Stammlokal des Heiligenbronners geblieben. "Ich gehe da jeden Abend hin, esse eine Pekingsuppe und trinke einen Tee."

Mit der Telefonnummer in der Tasche konnte Wendelin Ginter die SÜDKURIER-Redaktion anrufen und die Übergabe des Präsents vereinbaren. Die Freude bei dem Beschenkten ist groß. "Es gibt schon noch gute Leute", sagt er und fügt an: "Mit so etwas hätte ich nie gerechnet, das ist eine Riesenfreude." Besser, so der 92-Jährige, könne man es ja gar nicht haben. Auch die Karten, die im Geldbeutel waren, hat er mittlerweile wieder – auch, wenn das mit viel Aufwand verbunden war. Bei dem anonymen Ehepaar möchte er sich herzlich bedanken.

92-Jähriger führte ein bewegtes Leben

Die Aufregung um den Diebstahl ist mittlerweile gewichen. Das hat Wendelin Ginter, bis auf die Umstände, gut weggesteckt. Der 92-Jährige führte ein bewegtes Leben. Geboren wurde er 1926 in Heiligenbronn. Er wohnt noch heute in seinem Elternhaus. Seine acht Geschwister und seine Ehefrau Klara sind bereits verstorben. Zehn Monate fehlten, um mit ihr 2012 die Diamentene Hochzeit zu feiern. Im Alter von 17 Jahren wurde er im Zweiten Weltkrieg 1943 in Ostpreußen verwundet.

Nach der Behandlung in einem Lazarett in Königsfeld geriet er auf dem Weg zurück nach Ostpreußen in amerikanische Gefangenschaft. Aus dieser wurde er nach drei Monaten wieder entlassen. Glück gehabt, findet Wendelin Ginter. "Man muss Gott danken, dass das so ausgegangen ist. Viele sind gar nicht mehr wiedergekommen."

Nach Kriegsende arbeitete er als Pferdeknecht im Kloster Heiligenbronn. Während seiner zweijährigen Arbeit auf einem großen Gut in Baindt in der Nähe von Ravensburg lernte er Klara Henle kennen und lieben und heiratete sie 1953. Das Paar zog nach Heiligenbronn. Die Ehe blieb kinderlos. Nach siebenjähriger Arbeit beim Baugeschäft Dieterle in Schramberg wechselte Ginter zur Majolika als Packer und ging 1983 in Rente. Zwischenzeitlich war Ginter über zehn Jahre Pfarrgemeinderat.

Den aufregenden Diebstahl möchte Wendelin Ginter so schnell wie möglich ganz vergessen. Das gelingt gut – erst am Wochenende war drei Tage lang Fest auf dem Zwetschgenmarkt der Feuerwehr, bei dem auch er mit angepackt habe. Anpacken, das passt zum 92-Jährigen, der mit ein bisschen Hilfe im Haushalt alleine wohnt und viel unternimmt. Die Touren mit seinem Rollator wird er weiterhin und so lange wie möglich machen. "Ich bin kein Stubenhocker. Ich bin viel unterwegs, auch wenn manche neidisch sind, dass ich das noch machen kann", sagt er.