„Die Bühnen zwischen Triberg und Furtwangen stehen leer, aber bei den Fehrenbachs im Wohnzimmer ist es voll“, bemerkte mit einem Augenzwinkern ein neu angekommener Gast in der Schonacher Wohnung der Familie Fehrenbach, welche großzügig die Türen für eine außergewöhnliche Kulturveranstaltung geöffnet hatte.

Marlies Schneider vom Ökumenischen Bildungswerk Schonach begrüßte das zahlreiche Publikum und erzählte, wie diese Idee Gestalt annahm: Sie wurde zusammen mit Sabine Fehrenbach vor einiger Zeit zu einem privaten Theaterabend eingeladen. Die talentierten und rasanten Schauspieler des „Theater Spielzimmer“, Ilja Baumeier und Michael Barop, haben sie so sehr begeistert, dass sie die Künstler unbedingt auch nach Schonach einladen wollten. Sabine Fehrenbach bot sich als Gastgeberin an. Und die sehr offenen und dankbaren Theaterliebhaber aus der Gegend ließen nicht auf sich warten.

Das Duo „Theater Spielzimmer“ wurde 2016 gegründet. Den an der Schauspielschule im E-Werk Freiburg ausgebildeten jungen Künstlern schwebte es schon während des Studiums vor, echtes Theater in anderen Räumlichkeiten, als den klassischen, vorzuführen. Anfangs hatten sie das nur im Freundeskreis getan. Aber dann reifte das Projekt zu dem, was es heute ist: Die zwei Künstler spielen in der ganzen Region, von Freiburg bis Basel und weit über ihre Grenzen hinaus, ein den privaten Bühnen angepasstes Repertoire.

Als Requisiten benutzen sie Objekte aus dem Haushalt: Türen, Fenster, Vorhänge und Beleuchtung werden in das Theaterstück mit eingebaut. Keine Schminke und keine besondere Bekleidung sind vonnöten. Die Schauspieler benutzen nur die Macht der Worte, ihre Gestik, die Mimik, um in den Köpfen der Zuschauer die Imagination anzuregen und Bilder entstehen zu lassen. Man braucht nicht viel, um viel zu erreichen. Es ist wie bei einem Kinderspiel: Die Einfachheit und Sparsamkeit der Mittel regen die Phantasie an.

Das Stück des Abends, „Gretchen 89 ff.“ von Lutz Hübner ist eine Burleske, welche auf eine sehr humorvollen Weise Einblicke in die Arbeit der Theaterleute erlaubt.

Eine rhetorische Frage steht im Raum: Wie nimmt ein Stück auf der Bühne Gestalt an? Ob es so aussehen werden würde, wie es dem Autoren vor seinem geistigen Auge erschien, oder eher durch die Inszenierung, durch die ungeahnten Möglichkeiten der Regie und der Schauspielkunst verfremdet werden würde? Umgestaltet, aber dadurch bereichert – oder auch eher ruiniert, vielleicht?

Faust von Goethe wird geprobt. Da ist Gretchen, die gerade mal ein paar Sätze sagen sollte, und der Regisseur. In verschiedenen Gestalten: Der peinliche, hypochondrische Regisseur, der über seine privaten Angelegenheiten ständig redet, so dass die Schauspielerin nicht zum Proben kommt. Dann der herrische, freudianische Quälgeist, der die Schauspielerin in die Verzweiflung treibt, weil er es „fleischig und abgründig“ gespielt haben möchte, aber nicht dazu imstande ist, die entsprechenden Regieanweisungen zu geben. Es folgen dann der schmierige Schürzenjäger, der die unerfahrene Schauspielerin anbaggert, und der Regisseur, der den Text permanent abkürzt, bis nur ein lächerlicher, grotesker Rest davon übrig bleibt. Und da sind auch der Hospitant, der Germanistikstudent, und die Anfängerin, die etwas unbegabte junge Schauspielerin. Oder auch der unfaire Regisseur, welcher die Schauspielerin verunsichert und ihr Selbstwertgefühl unterminiert, in dem er in ihre privaten Angelegenheiten einzudringen versucht.

Was die zwei Darsteller aus dem Theaterstück machen, wird zum Hochgenuss für das Publikum. Gekonnt, rasant gespielt und urkomisch. Beide schlüpfen abwechselnd in die zwei Rollen, mal als Regisseur, mal als Schauspielerin. Der zierliche und verschmitzte Jlia Baumeier bindet von Rolle zu Rolle seine Haare in einem strengen Zopf zusammen, oder lässt sie aber über die Schulter verwildert aussehen, was sein Gesicht völlig verwandelt. Er wirkt größer, abschreckend herrisch und unzufrieden als Regisseur, dem man nichts recht machen kann, oder aber zart, klein, verlegen und unbeholfen, wenn nicht gerade tierisch genervt als Gretchen.

Der große, kräftige Michael Barop spielt urkomisch den pedantischen, peinlichen Regisseur, den schmierigen Intendanten, oder er wirft sich ständig auf die Knie in dem Part der wenig erfahrenen und nicht gerade begabten Schauspielerin. Und er erntet das genussvolle Lachen und den Applaus des Publikums.

Am Ende der Vorführung gab es einen verdienten, tosenden Applaus für die beiden jungen Talente.

Informationen im Internet:
http://www.spielzimmer-freiburg.de