Rottweil – Die Erwartungen an die touristische Strahlkraft des Aufzugstestturms in Rottweil waren schon lange vor der Eröffnung von Deutschlands höchster Besucherplattform groß. Schon frühzeitig setzte die Stadt für ihr Marketing auf das entstehende neue Wahrzeichen und positionierte sich als "Stadt der Türme".

Inzwischen ist klar: Die 246 Meter hohe Riesenröhre ist eine Attraktion für Rottweil und die Region, soviel steht fest. Die Zahl der Touristen in der Stadt steigt, und mit ihr beispielsweise auch die Nachfrage nach Führungen und nach Übernachtungsmöglichkeiten.

  • Tourismus-Boom: 100 000 Besucher haben die Turm-Verantwortlichen seit der Eröffnung im vergangenen Oktober gezählt, so Jasmin Fischer, die Sprecherin des Testturm-Betreibers Thyssenkrupp Elevators. Sie freut sich außerdem über mehrere Auszeichnungen, die dem Turm noch mehr Aufmerksamkeit als ohnehin schon beschert haben: Der seillose Aufzug Multi, der im Turm getestet wird, hat bereits zwei Preise gewonnen, und auch der Turm selbst wurde mit einem Architekturpreis ausgezeichnet.

Die Auswirkungen für den Tourismus lassen sich auch an weiteren Zahlen ablesen. So boten im Jahr 2014 die damals noch 18 Stadtführer von Rottweil gut 550 Führungen in Rottweil an. Dann kam die Turmbaustelle, die tausende Neugierige anlockte. 2015 waren es schon mehr als 1000 Führungen. Inzwischen sind 36 Stadtführer im Einsatz, die bis Ende April 27 000 Besucher in über 1600 Führungen durch die Innenstadt und zum Turm führten.

Der Gemeinderat von Rottweil hat jetzt zwei zusätzliche Stellen für die Tourist-Information genehmigt. Themen wie Führungen, Souvenirs, Gästebetreuung und das Innenstadtmarketing brauchen mehr Personaleinsatz.

  • Folgeinvestitionen: Während am Turm noch die Membran der Textilfassade geflickt wird – das Eröffnungsfeuerwerk hat hier seinen Spuren hinterlassen -, wird gleich nebenan gebaut: Die Pension Haas stockt ihre Kapazität auf 50 Betten auf und plant ein Café-Bistro. Bislang fehlt es noch an gastronomischen Angeboten rund um den Turm. In der Innenstadt wurde kürzlich das Hotel Lamm wieder eröffnet, 14 Einzel- und Doppelzimmer gibt es hier. Geplant ist zudem ein Hotel im ehemaligen Spital, und seit kurzem denkt man in der Stadtverwaltung über einen Hotelbau bei der Stadthalle nach.

Welche Streuwirkung der Testturm auf die Region hat, zeigen zudem Anfragen von Firmen, beispielsweise in Deißlingen, die ihren Firmensitz gerne näher an den Turm legen wollen.

  • Veranstaltungsort: Gefragt ist der Turm auch für Events wie Firmen- oder Familienfeiern, es gab auch schon Konzerte in der Turmspitze und weitere Veranstaltungen. Die Premiere des Treppenlauf-Wettbewerbs Towerrun im September soll Turmläufer aus einem großen Einzugsbereich in die Stadt locken. Angemeldet haben sich bereits mehrere Größen der Treppenlauf-Szene. Veranstaltet wird er von einer Kölner Agentur, die plant, den Rottweiler Himmelsbohrer zukünftig regelmäßig zu machen.
  • Probleme: Ein Knackpunkt der bisherigen Entwicklung ist, dass sich viele Touristen zwar den Turm anschauen und die höchste Aussichtsplattform Deutschlands besichtigen – aber der Betonriese steht nun einmal außerhalb in einem Gewerbegebiet. Und längst nicht alle Gäste kommen dann auch noch zu einem Besuch in die historische Innenstadt Rottweils. Auch deshalb soll das Innenstadtmarketing nun verstärkt werden.

Zudem hat zwar ein Investor eine Fußgänger-Hängebrücke zwischen Turm und Innenstadt quer über das Neckartal geplant, um eine Verbindung herzustellen, die auch selbst eine Attraktion für die Besucher sein soll. Nach bisheriger Planung soll das Projekt sechs Millionen Euro kosten.

Doch hier hakt es derzeit: Zum Beispiel ist der geplante Einstieg an einer historischen Innenstadt-Ecke noch umstritten – und sowohl Natur- als auch Denkmalschutz haben ein Wörtchen mitzureden. Verzögerungen gab es auch durch Unklarheiten, ob notwendige Grundstücke für den angepeilten Ansatzpunkt der Hängebrücke beim Testturm für das Projekt nun verfügbar sein werden. Anfänglich wurde das Ganze als längste Hängebrücke der Welt beworben, doch von den 950 Metern in früheren Plänen musste man inzwischen abrücken. Nun lautet die Ansage, dass die Hängebrücke immerhin 606 Meter lang werde.

Probleme gibt es mitunter mit dem Besucheraufzug des Testturms. Der fiel schon mehrfach aus. Kürzlich hatte das eine besonders pikante Nebenwirkung: Die Rottweiler Feuerwehr war mit den Kollegen aus dem schweizerischen Brugg auf der Aussichtsplattform – und dann fuhr der Aufzug nicht. Einen Einsatz hätte es in dem Moment nicht geben dürfen.

Am Ende wurden die Mannen dann im separaten Feuerwehraufzug zur Ende zurückgebracht, der eigentlich für Einsätze am Turm vorgesehen ist. Doch letztlich kann man die Evakuierung von Feuerwehrleuten ja auch als Notfall betrachten.

Nicht so recht rund läuft es auch an anderer Stelle. Denn wo die Stadtverwaltung gern noch mehr Touristen in die Stadt locken möchte, stört manchen Rottweiler der Ansturm. Es werde zu viel für die Besucher und zu wenig für die Bewohner getan, so die Kritik. So kämpft ein örtlicher Verein seit Jahren um einen Skaterpark, da die bisherigen Halfpipe-Schanzen für die Rollbrett-Fans marode und ungeeignet sind. Doch hier geht nichts voran.

Und potenzielle Häuslebauer haben teils jahrelang auf die Erschließung des Baugebiets Spitalhöhe gewartet – das Bauamt war aber wegen der Großprojekte in der Stadt überfordert.

Turmwettlauf

Der Rottweiler Testturm wird am 16. September Schauplatz des ersten Thyssenkrupp-Towerrun: Der laut Veranstalter „höchste Treppenhauslauf Westeuropas“ fordert die Läufer mit fast 1400 Stufen über 230 Höhenmeter. Angesprochen sind Hobbyläufer, ambitionierte Athleten und Profi-Treppenläufer gleichermaßen. In drei verschiedenen Disziplinen wird am 16. September ab 10 Uhr gestartet: im Einzelrennen, im Zweier-Teamwettbewerb und in der Zweierstaffel, bei der sich die Aktiven die Wegstrecke teilen können. Zusätzlich werden zahlreiche Feuerwehrleute aus ganz Deutschland an den Start gehen und den Turm hinauflaufen – unter anderem in der Variante mit angelegten Atemschutzgeräten. Anmeldungen sind bis zum 9. September möglich im Internet auf www.thyssenkrupp-towerrun.de.