Es war groß angekündigt worden im Januar 2016: Rottweil bekommt die mit 950 Metern längste Hängebrücke der Welt. Doch inzwischen backt man kleinere Brötchen: Auf 606 Meter sind die Planungen geschrumpft. Und außer Probebohrungen an einem potenziellen und zudem umstrittenen Baugrund ist noch nichts geschehen, was irgendwie auf einen Baustart hindeuten würde.

Die zeitliche Verzögerung hat mehrere Gründe. Zunächst war ein Bürgerentscheid nötig, denn nicht alle sind begeistert davon, nach dem Aufzugtestturm eine weitere Touristenattraktion in die älteste Stadt Baden-Württembergs zu bekommen. Die Gegner machten mobil, doch dann sagten doch 71,6 Prozent der Wähler ja zur Neckarline, wie das Projekt getauft wurde. Allerdings lag die Wahlbeteiligung nur bei 48,4 Prozent.

Dann tauchte ein weiteres Problem für die Initiatoren des Projekts auf. Der Investor, Günter Eberhardt, konnte nicht alle dafür nötigen Grundstücke erwerben. Er plante also eine kürzere Variante, in die Brücke nicht direkt am Testturm endet, sondern etwas weiter entfernt. Zwischen Brückenkopf und Turm war ein Erlebnispfad vorgesehen.

Doch dann tauchte im vergangenen Herbst ein weiterer Investor auf, Joachim Glatthaar, ein Waldmössinger Unternehmer, der nach eigenen Angaben eine Zusage für die fehlenden Grundstücke hatte und die Brücke nun selbst in ganzer Länge bauen wollte.

Bei einer Projektpräsentation Anfang 2017 vor dem Bürgerentscheid zur geplanten Rottweiler Riesenbrücke herrscht noch Optimismus: Stephan Walliser (Marketing), Investor Günter Eberhardt und Projektleiter Roland Haag (von links) stellen damals das Marketingkonzept vor und gehen von 100&nbsp;000 Besuchern im Jahr aus. <em>Bild: Monika Marcel</em>
Bei einer Projektpräsentation Anfang 2017 vor dem Bürgerentscheid zur geplanten Rottweiler Riesenbrücke herrscht noch Optimismus: Stephan Walliser (Marketing), Investor Günter Eberhardt und Projektleiter Roland Haag (von links) stellen damals das Marketingkonzept vor und gehen von 100 000 Besuchern im Jahr aus. Bild: Monika Marcel | Bild: Monika Marcel

Die Stadtverwaltung von Rottweil verhandelte mit Glatthaar. Investor Eberhardt erfuhr davon aus der Zeitung, der Gemeinderat auch. Inzwischen ist Eberhardt, der für die Brücke sechs Millionen Euro in die Hand nehmen will, wieder im Boot, der Gemeinderat sprach sich für ihn aus. Wovon wiederum Glatthaar aus der Zeitung errfuhr.

Auch weiterhin scheint es an der Informationspolitik der Stadt zu hapern: Im März begannen am historischen Bockshof, dem geplanten Brückenkopf an der mittelalterlichen Stadt, Probebohrungen. Informiert waren darüber weder Stadtverwaltung noch Anwohner. Die Bohrungen selbst waren zwar vom Rat abgesegnet, den Zeitpunkt kannte aber offenbar niemand im Rathaus. Auch der Ort, an dem gebohrt wurde, um die Standfestigkeit des Bodens für die Brückenpfeiler zu untersuchen, irritierte, denn ein Brückeneinstieg direkt am Bockshof wird von vielen abgelehnt. Hier befand sich einst ein Friedhof, da möchte man ungern Touristenströme haben.

Brückengegner plädieren für einen Einstieg weiter oben, beim Dominikanermuseum. Die Antwort der Planer: Der Untergrund sei ein paar Meter weiter oben sicher nicht anders als dort, wo gebohrt wurde.

Einer der Brückenskeptiker ist der Arzt Jürgen Mehl. Er ist SPD-Stadtrat und im Vorstand des Geschichts- und Altertumsverein, begleitet Neubauvorhaben in der historischen Stadt als Mitglied des Sanierungsbeirats kritisch. „Disneyland- und Europapark-Attraktionen wollen wir in Rottweil eigentlich nicht“, sagt er. Durch einen Einstieg direkt am Bockshof würde ein grünes Örtle mit Blick aufs Neckartal zerstört. Klar könne er als Nicht-Ingenieur nicht beurteilen, ob ein Andocken zwischen den großen Bäumen am Bockshof besser sei als weiter oben am Museum. „Aber wir lassen uns nicht beirren. Wir werden uns weiter für den Einstieg am Dominikanermuseum einsetzen.“ Der Bürgerentscheid habe gezeigt, dass die Mehrheit die Attraktion wolle, aber dann solle sie möglichst wenig Schaden anrichten. „Wir werden es weiterhin kritisch begleiten. Den Auftrag der Bürger haben wir.“