Das Thema Kinderlandverschickung im 2. Weltkrieg interessiert den Dortmunder Pädagogen Helge Brause brennend. Sein Vater Horst kam auf im Jahr 1943 nach Reiselfingen und auch seine heute 88-jährige Tante Ruth war für längere Zeit während des Kriegs im Schwarzwald.

Zwar kam das Thema der Kinderlandverschickung in der Familie Brause immer mal wieder auf, und auch zwei Besuche führten den Vater mit seinem Sohn Helge nach Reiselfingen, aber eben nur sporadisch und nicht intensiv – wie heute der Sohn bedauert. Als der Vater starb, kam Helge ein Zeugnis in die Hand, welches im Sommer-Halbjahr 1943 klar belegt, dass Horst Brause die Reiselfinger Schule besuchte. Unterschrieben wurde das Zeugnis stellvertretend als Vater von Leo Kaltbrunn. Darin hat die Lehrerin vermerkt, dass der elfjährige Horst am 16.Juli 1943 nach Reiselfingen kam. Interessanterweise gab es nur die Noten Betragen (gut), Fleiß und Aufmerksamkeit (befriedigend).

Das Zeugnis von 1943 zeigt es: 1943 besuchte der elfjährige Horst Brause die Schule in Reiselfingen.
Das Zeugnis von 1943 zeigt es: 1943 besuchte der elfjährige Horst Brause die Schule in Reiselfingen. | Bild: Gerold Bächle

Man kann sich gut vorstellen, dass die Kinder – aus ihrem Elternhaus „entrissen“ – in der Fremde nicht gerade glücklich waren. Nicht nur die neue Umgebung, auch die Sprache (vom Hochdeutsch ins Alemannische) wird wohl den Kindern große Sorgen bereitet haben, vermutet Helge Brause. Die Idee hinter dieser Kinderlandverschickung war, die Kinder vor den Bombenangriffen der Alliierten zu schützen. So wurden ganze Schulklassen mit Zügen aus dem Rheinland und dessen Großstädten in sicherere Regionen wie den Schwarzwald verschickt. So auch die Brause-Kinder, die in der Bergbauregion Dortmund-Eving lebten.

Die heute 88-jährige Tante Ruth, die Cousine von Vater Horst, war wohl im Löffinger Ösch untergebracht. Der Vater wohnte bei Leo Kaltenbrunn in Reiselfingen im Steigweg 3 zusammen mit den zwei Kaltenbrunn-Kinder. Einer davon war das Musikgenie Paul, der die Schwarzwälder Musikszene mitgeprägt hat. Wie lange der Vater in Reiselfingen war, ist nicht bekannt, auf jeden Fall ist das Zeugnis vom 1. September 2044 von der Keplerschule wieder vom leiblichen Vater Hans Brause in Dortmund unterschrieben.

Helge Brause mit dem Zeugnis seines Vaters aus dem Jahr 1943.
Helge Brause mit dem Zeugnis seines Vaters aus dem Jahr 1943. | Bild: Gerold Bächle

Hatte die NSDAP die Kinder 1943 in den sicheren Schwarzwald verschickt, so erlebte der Vater kurz nach seiner Rückkehr nach Dortmund das Grauen des Bombenhagels. „Dortmund wurde in Schutt und Asche gelegte“, so Helge Brause. 1947 lernte der Vater Dreher mit Abschluss im Jahr 1950. Mit dem ersten Geld kaufte er sich ein Motorrad. Zusammen mit einem Kollegen, der wohl auch aus dem Schwarzwald oder gar aus Reiselfingen stammte, fuhren sie gemeinsam zu Leo Kaltenbrunn. Nach der Hochzeit 1955 stand erst einmal die Familie im Vordergrund, doch im Jahre 1962 ging der Sommerurlaub wieder nach Reiselfingen.

Noch gut erinnert sich Helge Brause daran. Zusammen mit den Eltern, Onkel, Tante und Cousine ging es auf große Fahrt. Vom Gasthaus Krone aus ging es erstmals nach Bad Boll. „Ein Erlebnis, das mich nie mehr los ließ“, so der Lehrer, der auch bei seinem jüngsten Aufenthalt diesen geschichtsträchtigen Ort besuchte. 1972 kam er erneut zurück und lernte hier den Freiburger Arzt Werner Schütz kennen. Zusammen mit seiner Ehefrau Sigrid war Helge Braun beim Begräbnis von Paul Kaltenbrunn. Noch heute erinnert er sich an die Gespräche mit der Familie. Kontakte hatte der Realschullehrer auch mit Karl Vogt aus Reiselfingen und Alex Bölle aus Göschweiler geknüpft.

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