Kaum ein globales Thema hat die Menschen mehr zu kontroversen Diskussionen animiert, als die Flut von Flüchtlingen, die ihre Heimat verlassen haben. Auch Löffingen blieb von derartigen Debatten nicht verschont, vor allem polarisierte das vom Landratsamt gebaute Flüchtlingsheim an der Seppenhofer Straße. Auf der einen Seite steht in der Baarstadt der Flüchtlingshelferkreis mit Maria und Werner Waßmer auf der anderen Seite gab es vor einigen Monaten die Protestunterschriften gegen das Flüchtlingsheim.

Verständnis für die Flüchtlinge zu haben, zu verstehen warum sie sich auf die schwierige Flucht gemacht haben, warum es für sie keine Alternative gab – all diese Antworten konnten die zahlreichen Zuhörer beim Tag der Begegnung erfahren, als das syrische Ehepaar Fanari, das in Donaueschingen lebt und arbeitet, seine Flucht schilderte und auch aufzeigte, wie Integration in die deutsche Gesellschaft funktionieren kann. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist aber neben einer entsprechenden beruflichen Qualifikation, die deutsche Sprache zu beherrschen und sie sich schnell anzueignen, wie im Rahmen des Löffinger Zeitzeugengesprächs deutlich wurde.

Wie sehr dieses Thema die Menschen berührt, zeigte sich in der übervollen Kaplanei. Obwohl alle verfügbaren Stühle geholt wurden, mussten viele Interessierte stehen. Im Anschluss hatte die Löffinger Flüchtlingsbeauftragte Alexandra Kobzew zum persönlichen Austauch bei Tee und Gebäck – viele syrische Familien hatten hierfür gesorgt – eingeladen.

Der 37-jährige Alaeddin Fanari hat sich 2014 auf die Flucht von Syrien nach Deutschland gemacht, um später, wenn er in Deutschland Fuß gefasst hat, seine Ehefau Mais Nasheed und seine zwei Kinder nachzuholen. „Nur hier ankommen, warten und nichts tun, dies gilt für uns nicht“, erklärte der Elektroingenieur, der seit mittlerweile zwei Jahren bei der Aasener Firma AP&S International GmbH arbeitet in gutem Deutsch. Für das Ehepaar gab es zur Flucht keine Alternative, doch sie warten auf den Frieden in ihrer Heimat Syrien.

Bis dahin möchten sie vor allem für Ihre beiden Kinder ein friedliches Zuhause, in dem die Kinder eine gute Schulausbildung genießen können.

Ihre Heimat zu verlassen, das Syrien, das ihnen eine gute Ausbildung und Sicherheit bis 2011 gab, war keine leichte Entscheidung und war wohl überlegt. Im August 2014 machte sich Alaeddin Fanari vom zerstörten Aleppo auf den Weg Richtung Deutschland. Er verließ seine Ehefrau, eine studierte Elektronikerin und seinen damals fünfjährigen Sohn und die die knapp einjährige Tochter. „Nach 118 Tagen auf der Flucht, voller Angst, Hunger, Durst und Demütigungen kam ich in Karlsruhe an“, sagt Fanari. Von Schleppern ausgenommen, sie verlangten laut Fanari insgesamt 13 000 Dollar, war er viele Kilometer nachts zu Fuß unterwegs, wurde immer wieder von Grenzsoldaten entdeckt und zurückgeschickt, in überfüllte Unterkünfte gesteckt und fuhr schließlich in einem total überfüllten Boot übers Mittelmeer. Die Zuhörer konnten nur erahnen, was der Syrer auf den insgesamt 4262 Kilometern Fluchtstrecke durchgemacht hat.

Zuhause in Aleppo blieb seine Ehefrau mit den beiden Kindern, deren Situation immer schwieriger wurde. „Bomben fielen ständig und zerstörten alles, es gab kein Wasser, keine Lebensmittel und wir wussten nicht, ob es ein Morgen gibt“, beschreibt Mais Nasheed die Situation. Immer wieder Hoffnung schöpfen, bald nach Deutschland zu kommen und immer wieder die Enttäuschung, wenn es doch nicht klappte. Am 7. Dezember 2015 war es soweit. Sie verabschiedete sich von ihren Eltern, die kurz danach starben und konnte endlich mit ihren Kindern Richtung Westen. In der Türkei nach 482 Tagen Albtraum gabe es das schon nicht mehr geglaubte Wiedersehen mit ihrem Ehemann. Am 30. Januar 2016 kamen sie dann um 13.45 Uhr in Stuttgart an: „Im friedlichen neuen Zuhause Deutschland“, erklärt Mais Nasheed dankbar.

„Zeitzeugen haben bisher immer aus der Vergangenheit erzählt, heute sind ihrer Schilderungen direkt aus dem Jetzt“, informierte Dieter Köpfler, der Organisator und Initiator dieser Zeitzeugenreihe.

Es waren Bürgermeister Tobias Link und seine Ehefrau Sabina, welche das syrische Ehepaar Fanari animierten, über ihre ganz persönlichen Beweggründe zur Flucht, die schwierige Situation und Demütigungen auf der Flucht bis hin zum Ankommen in Deutschland den Bürgern in Löffingen aufzuzeigen.

Zeitzeugengespräche

Bürgermeisterstellvertreter Dieter Köpfler hatte die Idee, am Tag der Begegnung Zeitzeugen ihre Erlebnisse der Öffentlichkeit vorstellen zu lassen, um einen öffentlichen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. 2012 heiß es „Wie's dämols gsi isch", dabei erzählten die drei Löffinger Irma Adrion, Willy Burger und Oskar Selb von ihrer Jugend im Dritten Reich, vom Kriegsende und dem Neubeginn. Ein Jahr später waren es Karl Sibold aus Löffingen und Fritz Koßbiel aus Bachheim, welche ihre Kindheitserinnerungen an die Zeit, als auf Löffinger Bomben fielen, schilderten. Von der Vergangenheit ging es bei der Zeitzeugen-Reihe nun in die Gegenwart. (pb)