Fast überall ruht der Theaterbetrieb, nicht aber beim Zimmertheater in Rottweil. Auf der Freilichtbühne im Bockshof in der Rottweiler Altstadt gibt es wieder Kultur. „Die Leute freuen sich alle wie verrückt, dass endlich wieder was stattfindet“, berichtet Intendantin Bettina Schültke. Heute Abend geht es los.

Eines der wenigen derzeit aktiven Theater im Land

Nur hat es sich offenbar noch nicht so recht rumgesprochen, dass das so ist. Denn das Zimmertheater ist eines der wenigen im Ländle, das spielt. Und eines von wenigen, das die Landesförderung „Kultur Sommer 2020“ bekommt. „Das deckt die Kosten“, so Bettina Schültke, die sich darüber freut, dass ihr Theater aus 120 Bewerbungen herausgesucht wurde. Und auch sehr darüber, dass es gelungen ist, in so kurzer Zeit ein solches Programm auf die Beine zu stellen: Am 15. Juni gab die Landesregierung das OK für Aufführungen, am 26. Juni hatte „Das kunstseidene Mädchen“ Premiere. Eine Meisterleistung.

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Keine Chance für Cyrano de Begerac

Eigentlich war geplant, dass das Rottweiler Zimmertheater in diesem Sommer den Cyrano de Bergerac auf die Freilichtbühne im Bockshof bringt: Ein opulentes Stück mit vielen Schauspielern, die Proben hatten bereits begonnen. Und dann kam Corona.

Corona stoppt das Stück

„Wir haben das Stück gestoppt, wir bräuchten dafür 200 bis 250 Besucher am Abend, damit es sich rentiert“, sagt Intendantin Bettina Schültke. Also nahmen sie und ihr Mann Peter Staatsmann, mit dem sie sich den Job teilt, drei Stücke auf, in denen es sich nur um Frauen dreht.

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Zweimal ein Solo

Zwei davon sind Solo-Stücke: „Malala“, die Geschichte von der jungen Pakistanerin Malala Yousafzai, die sich gegen die Mullahs stellt, von den Taliban fast umgebracht wird und trotzdem weiter gegen die Unterdrückung der Frauen kämpft. Und „Das kunstseidene Mädchen“, das in den Dreißigerjahren in Berlin spielt und von der 18-jährigen Doris erzählt, die von einem Leben wie im Film träumt und statt im Glanz Berlins in der Obdachlosigkeit landet.

Verneigung vor Leistung der Schauspielerinnen

Eine echte Herausforderung für die Schauspielerinnen Valentina Sadiku (Malala) und Nora Kühnlein (Doris), die die ganzen anderthalb Stunden alleine meistern, spielen, tanzen, singen. „Das sind mörderische Soli“, verneigt sich Bettina Schültke vor den Schauspielerinnen.

Gepfefferte Dialoge

Dazu gibt es „Fünf Frauen im Netz“, entwickelt aus einem Stück, das vor Corona nur zweimal zur Aufführung kam und das Peter Staatsmann geschrieben hat – eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Biographien und mit gepfefferten Dialogen.

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„Wir stechen gerne ins Wespennest“

„Das ist schon ein Abenteuer“, sagt Staatsmann, Männer interessierten sich schließlich nicht so sehr für die sexuelle Befreiung von Frauen. Diese dafür umso mehr: „Wir hatten Besucherinnen aus dem Schwarzwald, die haben ihre Freundinnen mitgeschleppt, weil sie sich selbst in dem Stück wiedererkannt haben“, freut sich Bettina Schültke. „Wir stechen gerne ins Wespennest“, sagt ihr Mann:

AfD-Politiker ärgerte sich

Immerhin war das kleine Rottweiler Theater im vergangenen Jahr zweimal Gegenstand einer kulturpolitischen Debatte im Landtag, wofür die AfD gesorgt hatte: Staatsmanns Stück „Wenn der Kahn nach links kippt, setze ich mich nach rechts“ passte deren Abgeordneten Emil Sänze nicht. Dieser wollte erreichen, dass für diese kritische Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus keine Landesfördergelder mehr fließen, blieb allerdings erfolglos.

Die tolle Aussicht gibt es obendrein

In der diesjährigen weiblichen Polit-Revue gibt es keine Pausen: Das ist Corona-Voraussetzung, damit sich keine Staus auf dem Weg zum Klo bilden. Die Leute sitzen im romantischen mittelalterlichen Bockshof unter alten Bäumen auf ordentlich auseinander stehenden Stühlen, die die Intendanten selbst auf kleinen hölzernen Plattformen aufstellen. Und sie haben den Blick auf den schönen Pulverturm, dahinter leuchtet der Aufzugs-Testturm. 80 Sitzplätze, die auf hundert ausgeweitet werden können, wenn der Run auf Kultur in Corona-Zeiten größer werden sollte.

„Fünf Frauen im Netz“ hat heute um 20 Uhr im Bockshof (hinter dem Dominikanermuseum) Premiere, die weiteren Termine und Tickets unter www.zimmertheater-rottweil.de.

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