Eine Pressemeldung des Rottweiler Gesundheitsamtes hat auf Facebook ordentlich für Wirbel gesorgt. Der Anstieg der Zahlen bei Syphiliserkrankungen bundesweit um knapp 20 Prozent sei auch in Baden-Württemberg und im Kreis zu beobachten, meldete das Gesundheitsamt. Dieser Anstieg sei aber auch schon in den vorausgegangenen Jahren zu beobachten gewesen.

Auf Facebook hatten einige User die Ursachen sofort erkannt: „Oh, welch Erstaunen und Entsetzen, was die Fachkräfte alles so an Bord haben“, schreibt eine Userin. Ein User wird noch deutlicher: „Die Syphilis war in Deutschland so gut wie ausgestorben. Jetzt frage ich mich, warum gerade in der jetzigen Bevölkerungssituation sich die Syphilis ungebremst ausbreitet.“ Und noch ein User aus Rottweil fürchtet, ebenfalls im Originalton: „Wenn ich jetzt was dazu schreibe, dann heißt es wieder ,Du Nazi'. Nur...Syphilis war fast ausgerottet. Wo das auf einmal wieder herkommt? Tja.“

Kein Zusammenhang zwischen Flüchtlingen und Syphiliserkrankungen

Der Leiter des Gesundheitsamtes Rottweil, Heinz-Joachim Adam sieht auf Anfrage keinen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Zahlen bei Syphiliserkrankungen und den Flüchtlingen. Seine Antwort: „Blödsinn.“ Er wie viele andere Experten und insbesondere das Robert-Koch-Institut in Berlin sehen ein ganzes Ursachenbündel, weshalb inzwischen mehr Menschen sich mit Syphilis als mit HIV infizieren. Mit etwa 90 Prozent trete die Krankheit am weitaus häufigsten bei Homosexuellen auf, so Adam. Das Robert-Koch-Institut (RKI) , ein Bundesinstitut für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten, nannte für 2011 die Zahl 84 Prozent.

Besonders stark steigen die Zahlen dabei seit 2011 in den Großstädten. In Hamburg, Köln oder Berlin kommen derzeit um die 20 bis 30 Fälle auf 100.000 Einwohner vor. Auf das Land Baden-Württemberg bezogen sind es etwa fünf Fälle. „In dieser Größenordnung liegen wir auch im Kreis Rottweil“, so Adam, „wir haben zwischen vier und acht Fällen pro Jahr.“

Doch wie kommt es dazu, dass die Zahlen gerade unter Homosexuellen so stark steigen? „In Deutschland muss heute niemand mehr an Aids erkranken“, sagt Adam. Wer sich mit HIV infiziere, könne dank moderner Medikamente das Virus unterdrücken und die tödliche Krankheit Aids bricht nicht aus. „Das hat sicher zu einem sorgloseren Umgang untereinander geführt“, ist Adam überzeugt. Wie vor HIV können Kondome auch vor Syphilis schützen.

Partywochenenden unter Einfluss stimulierender Drogen wie Crystal seien eine weitere Ursache für den Anstieg, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit, Norbert Brockmeyer. Mit den Drogen sinke das Risikobewusstsein, so die Fachleute.

„Die Syphilis war in Deutschland selten, aber nie ausgestorben“, weiß Adam. Für den Anstieg der Fallzahlen in den vergangenen Jahren nennt Adam einen weiteren Grund: „Wir haben heute ein bessere Meldesystem.“ Neben den etwa 90 Prozent Homosexuellen fangen sich auch Prostituierte und Urlauber die Syphilis ein. Die meisten aber holen sich die Krankheit in Deutschland. Adam weiß das, weil die Ärzte in der offenen Sprechstunde des Gesundheitsamts die Patienten fragen, wo und bei wem sie sich vermutlich angesteckt haben: „In keinem einzigen Fall hat bisher ein Patient gesagt, er habe sich das bei einem Flüchtling geholt.“

Die Krankheit

Syphilis ist eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit. Sie wird hauptsächlich bei sexuellen Handlungen durch Schleimhautkontakt und ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen. Dank Penicillin ist sie im frühen Stadium sehr gut heilbar. Die Zahl der gemeldeten Syphilisfälle in Deutschland und den westlichen Industrieländern war Ende der 70er Jahre rückläufig. Seit den 90-er Jahren nimmt die Zahl der Erkrankungen wieder zu.