Kreis Rottweil – Lebenslang ins Gefängnis und zusätzlich die Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld: Mit dieser Forderung waren sich Ankläger und Anwälte am Donnerstag beim Prozess um den Dreifachmord von Villingendorf in ihren Plädoyers einig. Folgt ihnen das Landgericht Rottweil, dann dürfte Drazen D. wegen Mordes an drei Menschen, darunter an seinem sechsjährigen Sohn, verurteilt werden – und wohl keine Chance bekommen, nach 15 Jahren eine Haftprüfung zu beantragen und vorzeitig entlassen zu werden.

Das sagen die Anwälte der Opfer:

Von den Anwälten der Opferfamilien und der Mutter des getöteten Buben kamen schwere Vorwürfe gegen die Behörden: Die Taten hätten möglicherweise verhindert werden können, wenn Polizei und Jugendamt auf die Hilferufe der Mutter gehört hätten. "Ganz Tuttlingen wusste, dass D. sich eine Waffe kaufen wollte", so Wido Fischer, der die Mutter vertritt. Die Drohungen, dass er ein Blutbad anrichten wollte, hätten viele gehört. Seine Mandantin habe deutlich gesagt, dass sie und ihr Sohn in Lebensgefahr seien.

"Komplettversagen der Polizei"

Doch trotz einer Auskunftsperre habe D. beim Sozialamt auf dem Bildschirm ihre neue Adresse lesen können, zeigte sich Fischer überzeugt. Als sie die Polizei gerufen habe, weil jemand den Rollladen an ihrer neuen Wohnung beschädigt hatte, habe der Beamte von einem Hagelschaden geredet. "Dabei waren die fehlenden Teile fein säuberlich auf dem Fenstersims aufgereiht!"

Die einzige Maßnahme der Polizei sei es gewesen, D. anzurufen, "eine absolut unübliche Gefährderansprache!", kritisierte der Anwalt. Eigentlich hätte es Schutzmaßnahmen für seine Mandantin geben müssen, aber nichts sei geschehen. "Ich muss der Polizei Komplettversagen vorwerfen."

"Tiefe Narben auf der Seele"

Seine Mandantin trage tiefe Narben auf der Seele, sie sehen jeden Abend beim Einschlafen ihren Sohn mit vor Furcht zitternden Beinchen auf dem Fenstersims stehen, kurz bevor sein Vater ihn aus nächster Nähe mit drei Schüssen ermordet habe.

Auch die Anwälte der Familien der beiden erwachsenen Opfer kritisierten die Behörden. Es sei ein "absolut sinnloses Verbrechen". Der einzige Sinn sei vielleicht, dass die Behörden in Zukunft solche Situationen ernst nähmen statt tat- und teilnahmslos zu bleiben.

Das sagt der Staatsanwalt:

Oberstaatsanwalt Joachim Dittrich sah keine Schuld bei den Behörden. Es seien einzig zwei Menschen gewesen, die von den Plänen D.s gewusst hätten: seine Nichte, die ihn nach Serbien zum Waffenkauf begleitet hatte, und deren Freund. "Niemand hat davon gewusst, außer diesen beiden Personen, und die haben bis zur Tat den Mund gehalten." Gegen beide läuft ein gesondertes Verfahren.

Niedrige Beweggründe und die Arglosigkeit der chancenlosen Opfer: Darin sah Dittrich bei der Bluttat klare Mordmerkmale. Er könne keinen Affekt in der Tat erkennen, sie sei minutiös geplant gewesen. Wenn D.s Beweggrund Hass auf den neuen Freund seiner Exfreundin gewesen sei, warum habe er dann dessen Cousine, eine ihm völlig unbekannte Frau, erschossen? "Die Schuld dieses Angeklagten wiegt besonders schwer", so der Oberstaatsanwalt.

Das sagen die Verteidiger:

Die beiden Verteidiger des Angeklagten schlossen sich den Forderungen zum Strafmaß an. Ihre Aufgabe sei es gewesen, den Angeklagten so weit zu bringen, dass er beim Prozess mitmache. Sie hätten ihm auch abgeraten, gleich zum Prozessauftakt zu reden. Die Gefahr habe bestanden, dass er das als Bühne nutze, der Mutter seines Sohnes Vorwürfe zu machen. "Das hätte den Opfern noch mehr geschadet", so Anwalt Bernhard Mußgnug. Er und sein Kollegen Fritz Döringer baten das Gericht darum, die psychische Situation ihres Mandanten zu berücksichtigen, er sei llingendorseit zehn Jahren in psychiatrischer Behandlung und müsse ständig Medikamente nehmen.

Das sagt der Angeklagte:

Drazen D. selbst sagte am Ende nur einen Satz: "Ich kann nicht mehr sagen als: Es tut mir leid für die Familien."

Am kommenden Dienstag soll das Urteil gesprochen werden.