Fast zehntausend Kilometer Luftlinie und der Atlantische Ozean trennen Erdmannsweiler, Teilort der Gemeinde Königsfeld und Heimatort von Familie Polkowski, von der Stadt Oaxaca de Juarez. Diese liegt im Bundesstaat Oaxaca in Mexiko – einem der gefährlichsten Länder der Welt. Mit fast 260 000 Einwohnern ist die dortige Hauptstadt rund 300-mal so groß wie Erdmannsweiler. Trotzdem oder gerade deswegen wird die 19-Jährige Sandra Polkowski ab dem 18. August dort für ein Jahr leben und arbeiten.

„Aber bei uns ist es doch schön“, bekommt sie von den Gästen des Gasthauses Sonne in Erdmannsweiler zu hören. Hier hat sie die vergangenen zwei Jahre neben der Schule gekellnert und inzwischen weiß jeder im Ort, dass sie nach Mexiko gehen wird. „Vor allem ältere Leute können das nicht immer nachvollziehen", sagt die junge Frau in Jeans, T-Shirt und grüner Sweatshirt-Jacke. Dass es in ihrer Heimat schön ist, bezweifle sie auch nicht. Trotzdem möchte sie andere Kulturen kennenlernen, reisen, Erfahrungen sammeln.

Den Entschluss ins Ausland zu gehen, hat die 19-Jährige in der zwölften Klasse getroffen. Ein Jahr vor ihrem Abitur am Wirtschaftsgymnasium der Kaufmännischen Schulen 1 in Villingen hat sie die Lust aufs Ausland gepackt. Erneut – denn sie war schon nach der neunten Klasse mit einem Austauschprogramm für zehn Monate in der brasilianischen Stadt Varghina. Dort habe es ihr sehr gut gefallen, sagt sie. "Lateinamerika interessiert mich einfach", erzählt sie mit leuchtenden Augen. "Ich wollte neben Brasilien gerne noch ein anderes Land auf diesem Teil der Erde kennenlernen".

Ihre Eltern seien zuerst wenig begeistert gewesen. "Meine Mutter wäre es lieber gewesen, wenn ich erstmal studiert hätte", sagt Polkowski. Dazu kommen die weit verbreitete Kriminalität, die angespannte Sicherheitslage und die häufigen Demonstrationen, die in Mexiko zum Alltag gehören. Auch Polkowski ist bewusst, dass sie sich in Mexiko nicht mehr so frei bewegen kann wie in Deutschland. In ernstem Tonfall sagt sie, dass es schwieriger sein wird, alleine unterwegs zu sein. Angst habe sie aber nicht. Die hohe Kriminalität kenne sie aus Brasilien und "passieren kann überall etwas." In einem Land wie Mexiko sei sie aufmerksamer als anderswo. Das habe auch ihre Eltern überzeugt.

Sandra Polkowski im Innenhof der Kaufmännischen Schulen 1 in Villingen. Vom Wirtschaftsgymnasium geht es für die 19-Jährige nach Oaxaca de Juarzez, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Oaxaca. Über zehntausend Kilometer von Zuhause entfernt, wird sie dort für die Menschenrechtsorganisation Codigo DH arbeiten.
Sandra Polkowski im Innenhof der Kaufmännischen Schulen 1 in Villingen. Vom Wirtschaftsgymnasium geht es für die 19-Jährige nach Oaxaca de Juarzez, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Oaxaca. Über zehntausend Kilometer von Zuhause entfernt, wird sie dort für die Menschenrechtsorganisation Codigo DH arbeiten. Bild: Julia Horn | Bild: Julia Horn

Die junge Frau aus Erdmannsweiler ist nicht die einzige Freiwillige aus Deutschland, die für ein Jahr in Mexiko leben und arbeiten wird. Zwanzig junge Menschen entsendet das Welthaus Bielefeld in das nordamerikanische Land, gefördert vom entwicklungspolitischen Freiwilligendienst Weltwärts. Diese verteilen sich auf mehrere Bundesstaaten. Mit Polkowski sind weitere sechs Teilnehmer in Oaxaca, alle sind an verschiedenen Projekten beteiligt. „Ich arbeite für die Menschenrechtsorganisation Codigo DH“, erzählt die junge Frau. Ausgeschrieben heißt das Comité de Defensa Integral de Derechos Humanos, also Komitee zur Integralen Verteidigung der Menschenrechte. Codigo DH kämpft mit einer jurisitischen und einer psychologischen Abteilung gegen Menschenrechtsverletzungen und für Menschen, die eine solche erfahren mussten.

„Ich werde Aufgaben im Bereich Kommunikation übernehmen und bin zum Beispiel für Beiträge in sozialen Netzwerken verantwortlich", sagt Polkowski. Dafür habe sie sich bewusst entschieden. Soziale Projekte mit Menschen seien einfach nicht so ihr Ding. Im politischen Bereich zu arbeiten dafür umso mehr. "Ich möchte etwas lernen über die Auslöser von Menschenrechtsverletzungen und verstehen, wie Konflikte entstehen", sagt die 19-Jährige und streicht sich die hellbraunen Locken zurück.

"Am meisten freue ich mich aber, die mexikanische Kultur intensiv kennenzulernen". Auch ihr Spanisch, das sie drei Jahre in der Schule hatte, wolle sie verbessern. Ihre Augen leuchten und man sieht ihr die Vorfreude an. In Mexiko wird Polkowski in einem Zimmer mit Bad wohnen, das sich im Haus einer mexikanischen Familie befindet. "Das finde ich gut, dann habe ich gleich Kontakt zu Mexikaner", sagt die junge Frau. Ihr Zimmer liege nur hundert Meter weit weg von dem Büro ihrer Organisation. Dort wird sie fünf Tage die Woche für acht Stunden am Tag arbeiten. Das Wochenende kann sie sich frei einteilen. "Ich möchte gerne auch den Rest des Landes sehen." Spätestens wenn ihre Mutter sie in Oaxaca de Juarez besucht, wird dieser Wunsch in Erfüllung gehen – gemeinsam wollen die beiden in ganz Mexiko herumreisen.

Dass sie ihre Mutter und den Rest ihrer Familie bis dahin vermissen wird, ist ihr klar. "Das Heimweh kommt in Wellen", erzählt sie. Jedenfalls sei es so in Brasilien gewesen. Besonders schlimm sei es an Weihnachten oder Silvester. Dann versuche sie, sich vor Ort abzulenken. Einen Freund habe sie "zum Glück" nicht, sagt sie und lacht. Auf die Frage, was sie noch aus Deutschland vermissen wird, muss sie nicht lange überlegen: "Deutsches Brot."

Zur Person

Sandra Polkowski ist 19 Jahre alt und lebt mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder in Königsfeld/Erdmannsweiler. Sie besuchte die Gymnasium in Königsfeld und St. Georgen, nach der neunten Klasse folgte ein zehnmonatiger Aufenthalt in der brasilianischen Stadt Varghina. Ihre Erlebnisse schilderte sie in einem Blog, den Leser aus der ganzen Welt besuchten. Nach der Zeit in Brasilien folgten drei Jahre am Wirtschaftsgymnasium in Villingen und das erfolreich bestandene Abitur in diesem Jahr. Neben der Schule arbeitete sie im Gasthaus Sonne in Erdmannsweiler und beteiligte sich aus politischem Interesse an Planspielen wie Spun (Schüler-Planspiel-United-Nations). Über das Leben und Arbeiten im mexikanischen Oaxaca de Juarez wird Sandra Polkowski im SÜDKURIER in den kommenden Monaten regelmäßig berichten. (juh)