Auf der Anhöhe oberhalb der Zimmerer Donaubrücke befindet sich entlang eines südexponierten Waldrandes und in den angrenzenden, wenig bestockten Waldlichtungen, eine ganze Ameisenkolonie mit linienförmig angeordneten Nestern, insgesamt 32 an der Zahl. Die große Zahl der Ameisenhügel ist verwunderlich, da die Tiere auch vom Artenschwund betroffen sind.

13 000 Ameisenarten

Auf der Erde kennt man insgesamt 13 000 Ameisenarten. Der Diplom-Biologe Lothar Maresch hat jetzt die Art der in der Kolonie auf dem Zimmerer Berg vorkommenden Ameisen bestimmt: „Es handelt sich um die Große Wiesenameise, Lateinisch formica pratensis“, erklärt der Experte. Auch diese Ameisenart steht auf der Roten Liste und hat nach dem Bundesnaturschutzgesetz und der Bundesartenschutzverordnung einen hohen Schutzstatus. „Sie darf weder der Natur entnommen, noch in sonst einer Weise beeinträchtigt werden“, sagt Maresch. Falls unumgänglich, dürfen bei baulichen Maßnahmen Waldameisennester nur von anerkannten Fachleuten umgesetzt werden.

An Waldlichtungen und Wegrändern, wie hier bei Zimmern, bildet die Waldameise ganze Kolonien von Bauten.
An Waldlichtungen und Wegrändern, wie hier bei Zimmern, bildet die Waldameise ganze Kolonien von Bauten. | Bild: Franz Dreyer
  • Die Vorgeschichte: Einem aufmerksamen Naturbeobachter ist vor einigen Wochen bei einem Spaziergang ins Auge gefallen, dass an einem Waldrand auf der Anhöhe oberhalb der Zimmerer Donaubrücke eine größere Zahl linienförmig angeordneter Ameisenhügel zu sehen sind. Während der Spaziergänger bisher nur Ameisensiedlungen in Form von einem oder nur wenigen Nestern an einem Platz kannte, war er von der Entdeckung überrascht und kam bei seinen Überlegungen zu dem Ergebnis, dass es sich dabei um etwas Besonderes handeln müsse.
An diesem sonnigen Waldrand fühlen sich die Ameisen wohl. Über 30 Hügel hat der Experte gezählt.
An diesem sonnigen Waldrand fühlen sich die Ameisen wohl. Über 30 Hügel hat der Experte gezählt. | Bild: Franz Dreyer
  • Dies veranlasste den Mann, mit dem zuständigen Naturschutzbeauftragten, Werner Engbers aus Geisingen, in Kontakt zu treten. „Die Beobachtung finde ich interessant“, lautete die spontane Bewertung Engbers. Der Naturschutzbeauftragte erinnerte sich daran, dass der Diplom-Biologe Lothar Maresch im Januar beim Verein für Geschichte und Naturgeschichte der Baar in Donaueschingen einen Vortrag zum Thema „ Waldameisen, die Spürhunde der Geologen“ hielt. Werner Engbers stellte kurzerhand den Kontakt zu dem Referenten her und beide begaben sich auf Spurensuche und entdeckten in der angrenzenden Zimmerer Waldlichtung eine ganze Anzahl weiterer Ameisennester. Die hier lebenden Tiere hat Lothar Maresch genau unter die Lupe genommen. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER erklärt er, was charakteristisch für die Große Wiesenameise ist.
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  • Kennzeichen: Der Hinterleib und die Kopfoberseite der Großen Wiesenameise sind schwarz; die Brust rötlich. Die Körperlänge beträgt bei der Königin neun bis elf, bei den Männchen neun bis zehn und bei den Arbeiterinnen drei bis neun Millimeter. Die Koloniegründung erfolgt durch Eindringen der Königin in ein Nest einer anderen Ameisenart und Beseitigung der angestammten Königin. Die in ganz Europa, außer dem Mittelmeerraum und in Asien (Sibirien) verbreiteten Ameisen schwärmen im Jahr zweimal: Einmal von April bis Juni und dann nochmals von August bis September. „Die Lebensdauer beträgt bei der Königin 15 bis 20 Jahre, bei den Arbeiterinnen fünf bis sechs Jahre“, weiß der Experte.
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  • Ernährung: Auch die Große Wiesenameise ernährt sich zum großen Teil von schädlichen Insekten, Aas und Honigtau. Die kleinen Tiere haben einen ausgezeichneten Orientierungssinn. Zu einem Nest können mehrere Zehntausend Arbeiterinnen gehören. In einem Umfeld von zwanzig bis 50 Meter um einen Ameisenbau vernichtet jedes Volk mehrere Tausend Schädlinge, beziehungsweise deren Larven und Raupen am Tag. Die Ameisen gelten deshalb als Gesundheitspolizei des Waldes.

Temperaturregelung

  • Die Ameisen halten eine Art Winterruhe. Nach dem Winter wärmen sie sich an der Oberfläche des Nesthügels in der Frühlingssonne auf, kehren dann wieder tiefer in das Nest zurück, das sich auch in den Boden hinein erstreckt, wo sie die aufgenommene Wärme wieder abgeben und wiederholen diesen Vorgang mehrfach. Dabei wird das Nestinnere angewärmt und der Stoffwechsel der Tiere angeregt, wodurch sie deutlich früher als vergleichbare Insekten im Frühjahr ihre Aktivitäten wieder aufnehmen können.
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  • Spürhunde der Geologen: Für ihren Lebensraum bevorzugen die Ameisen einen Platz an der Sonne, also trockene warme Plätze, bevorzugt in süd-/südwestlicher Ausrichtung. Auch die Erdstrahlung spielt bei der Wahl des Nestplatzes eine Rolle. Forschungen haben ergeben, dass es für die Standortwahl der Nester wohl ein weiteres interessantes Kriterium gibt: Die Theorie von Professor Ulrich Schreiber, Geologe an der Universität Duisburg-Essen, besagt, dass Waldameisen, auch die Große Wiesenameise, ihre Nester bevorzugt auf gasführenden geologischen Störzonen bauen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei ihre extrem leistungsfähige Sinneswahrnehmung für Kohlendioxidgas, das aus tieferen Erdschichten an diesen Stellen aufsteigt. Die Ameisen sind eine solche Indikationsart. Daher kommt auch die Bezeichnung „Spürhunde der Geologie“. „Für die Forschung sind die wie auf dem Zimmerer Berg linienförmig angeordneten Nester besonders interessant“, so Maresch.

Zur Person

Lothar Maresch, Diplom-Biologe, lebt in Seitingen-Oberflacht. Im Studium bildeten die Ameisen keineswegs einen Schwerpunkt. Der Wissenschaftler ist vielmehr Mikrobiologe. „Meine Leidenschaft für die kleinen Tiere hat in mir vielmehr die TV-Sendung Planet Wissen geweckt“, berichtet Maresch. Da er sich gern im Wald aufhält, sind ihm Ameisennester aufgefallen, die in einer Linie angelegt sind. Es faszinierte ihn, herauszufinden, weshalb das so ist. In den letzten Jahren hat der Hobby–Myrmekologe, auch mit Unterstützung seiner Frau, in dem Gebiet zwischen Trossingen und Geisingen das außergewöhnliche Vorkommen der Waldameisen an über 1500 Nestern erkundet, erfasst und zusammen mit den Professoren Schreiber und Dietrich Klimetzek, Entomologe an der Universität Freiburg, ausgewertet. Die weiteren aufwändigen Forschungen für den wissenschaftlichen Nachweis der Kausalität zwischen den Siedlungsstellen und erdlichen Störzonen bleiben spannend. (wf)