Der Immendinger Bahnhof war von 1953 an für zwei Jahre Ausgangsort für ein längst in Vergessenheit geratenes Fahrzeug, den Schienen-Straßen-Bus. Man konnte mit ihm auf der Straße und der Schiene gleichermaßen fahren.

  • Wutachtalbahn: Vor 130 Jahren war der Bau der strategischen Bahn, auch Wutachtalbahn genannt, in ihrem letzten Streckenabschnitt von der Abzweigung der Schwarzwaldbahn bei Hintschingen bis nach Weizen in vollem Gange. 1875 war bereits bei Oberlauchringen von der Hochrheinstrecke abzweigend, eine Stichbahn bis Stühlingen gebaut und 1876 bis Weizen verlängert worden. Am 20. Mai 1890 konnte das aus einem militärischen Bedürfnis heraus geschaffene kühne Bauwerk, umgangssprachlich auch als Kanonenbahn bezeichnet, in seinem letzten Streckenabschnitt für den Verkehr freigegeben werden.
  • Minimale Steigung: Um den Transport auch schwerster Geschütze zu ermöglichen, durfte die Trasse auf einer Länge von 980 Meter nicht mehr als zehn Meter steigen. Um diese Bedingung zu erfüllen, musste wegen des Höhenunterschiedes von 231 Meter zwischen Weizen und Blumberg die Strecke in dem Bereich erheblich durch Bögen, Kehrschleifen und eine volle Kreiskehre künstlich verlängert werden. Dem kurvenreichen Verlauf dieses Abschnittes, insbesondere dem Kehrtunnel in der Stockhalde, verdankt die am 21. Mai 1977 eröffnete Sauschwänzlebahn ihren Namen.
So sah der Immendinger Bahnhof Ende der 1950-er Jahre aus. Damals war Immendingen noch ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt.
So sah der Immendinger Bahnhof Ende der 1950-er Jahre aus. Damals war Immendingen noch ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt. | Bild: Franz Dreyer
  • Streckenstilllegung: Wegen des immensen Instandhaltungsaufwandes stellte die Bundesbahn ab dem 22. Mai 1955 den Bahnverkehr in dem kostenintensivsten Abschnitt zwischen den Bahnhöfen Lausheim – Blumegg und Zollhaus ein, zumal die täglichen fünf Zugpaare, so ist in einer Broschüre der Interessengemeinschaft zur Erhaltung der Museumsbahn Wutachtal zu lesen, nur noch von 40 Fahrgästen benutzt wurden.
  • Schienen-Straßen-Bus: Nahezu in Vergessenheit geraten ist, dass die Deutsche Bahn bereits vor der Einstellung des Zugbetriebes durch eine bemerkenswerte Innovation versuchte´, Wirtschaftlichkeit und Verkehrsanbindung in Einklang zu bringen. Seit dem Sommerfahrplan 1953 setzte sie auf der Gesamtstrecke einen Schi-Stra-Bus ein. Dieses etwas eigentümliche Kürzel steht für die Anfangsbuchstaben der offiziellen Bezeichnung „Schienen–Straßen–Omnibus. Der Schienen-Straßen-Omnibus ist ein so genanntes Zweiwegefahrzeug, das im Personenverkehr sowohl auf Eisenbahnstrecken und auf der Straße gleichermaßen fahren kann. Der spezielle Omnibus mit Dieselantrieb war mit allen auch für den Schienenverkehr notwendigen technischen Einrichtungen ausgestattet. So hatte er entsprechend den Vorschriften für den Schienenverkehr auch beidseitig Türen. Er konnte 80 Stundenkilometer schnell auf der Straße und 120 Stundenkilometer auf der Schiene fahren und bot 43 Sitzplätze und etwa 20 Stehplätze.
  • Spezielle Hebevorrichtungen: Für den Betrieb auf Eisenbahngleisen wurde der Bus mit den sich vor der Vorderachse und nach der Hinterachse befindlichen Drehgestellen auf zwei zweiachsige Untergestellte, die Spurwagen, gesetzt, auf denen das Fahrzeug dann auf den Schienen fuhr. Dafür gab es entsprechende Hebevorrichtungen, um wechselseitig die vordere und hintere Fahrzeughälfte auf- und abzusetzen. Während des Wechsels auf und von den Spurwagen blieben die Fahrgäste im Bus. Im Schienenbetrieb war die Vorderachse vollständig abgehoben. Die mit einem speziellen Profil ausgestatteten Reifen der Hinterräder liefen auf den Schienen und sorgten für den Antrieb. Die Neuentwicklung war auf der Internationalen Automobilausstellung 1953 erstmals vorgestellt worden.
  • Abfahrt in Immendingen: Ab Immendingen fuhr der Schienen–Straßen–Omnibus auf den Gleisen bis zum Bahnhof Zollhaus–Blumberg. Dort befand sich die so genannte Ausgleisstelle, der Bus wurde auf die Straße gesetzt und legte die Strecke bis nach Weizen auf der Straße zurück. Dort wurde er zur Weiterfahrt nach Waldshut wieder eingegleist, also auf die Schiene gebracht, so die Fachbegriffe. In umgekehrter Fahrtrichtung verlief der Betrieb wieder in der entsprechenden Reihenfolge ab.
  • Zeitzeuge erinnert sich: Ewald Weiler aus Zimmern erinnert sich noch an eine Fahrt mit dem Gefährt. Diese war für ihn ein besonderes Erlebnis: „Von Immendingen bis Zollhaus fuhr das Fahrzeug, es war ein großer roter Bus, auf den Schienen. Dort wurde er etwas angehoben und die Spurwagen entfernt. Wir konnten dabei im Bus sitzen bleiben und fuhren dann auf der Straße bis Weizen, um dort wieder auf die Schienen gesetzt zu werden. Die Fahrt war sehr angenehm“, so seine Erinnerung.
  • Kein Einsatz auf Dauer: Bereits zum 5. Dezember 1955 wurde der Schienen–Straßen-Bus wieder außer Betrieb gesetzt. Die Betriebsaufgabe dieses Verkehrsmittels war nicht nur von der Akzeptanz der Fahrgäste bestimmt. Die Technik war sehr zeit- und verschleißaufwändig. Durch den Antrieb auf den schmalen Schienenköpfen kam es zu einem extremen Reifenverschleiß an den hinteren Rädern. Das nicht ausgereifte Konzept der Fahrzeuge verursachte Verspätungen. Die aufgetretenen Schwierigkeiten behinderten die dauerhafte Einführung des Fahrzeugs. Der Versuch war gescheitert. Auch auf weiteren Strecken der Bahn kam das Konzept nicht zum Durchbruch.