Die Heimat ist ein Ort, mit welchem man sich besonders verbunden fühlt. Wie Vereine und weitere Institutionen zu einem solchen Heimatgefühl beitragen können, zeigt die Heimatzunft Hüfingen und dort speziell die Trachtengruppe.

Nicht aus Hüfingen gebürtig

Doch wie vermittelt der Verein ein Gefühl von Heimat? Am besten zeigt das beispielhaft die Familie Türschmann aus Donaueschingen. Die Familie Türschmann besteht aus Mutter Eske, Vater Alexander und den beiden Töchtern Femke, elf Jahre, und Nanke, sieben Jahre. Wie unschwer an den Namen von Mutter und Töchtern zu erkennen ist, stammt Eske aus Friesland. Auch Alexander stammt nicht gebürtig aus Hüfingen und beide hatten bis vor circa sieben Jahren auch nicht wirklich etwas mit dem Thema Tracht zu tun.

Mit ihrem Walker nahm Nanke Türschmann bereits an einigen Umzügen teil.
Mit ihrem Walker nahm Nanke Türschmann bereits an einigen Umzügen teil. | Bild: Trachtengruppe

Die Wende schaffte Tochter Femke an Fronleichnam 2013. Wie in jedem Jahr waren die Erwachsenen der Trachtengruppe und die Trachtenkindern Teil der großen Fronleichnamsprozession in Hüfingen. Bei der Einkehr in einer Gaststätte nahm die damals vierjährige Femke ihren Mut zusammen und sprach, unterstützt von der Großmutter, eine der Damen in Tracht an. Sie fragte, ob sie auch mitmachen dürfe.

Für ihr soziales Engagement wurde die Trachtengruppe Hüfingen mit dem Sozialpreis der Stadt ausgezeichnet.
Für ihr soziales Engagement wurde die Trachtengruppe Hüfingen mit dem Sozialpreis der Stadt ausgezeichnet. | Bild: Trachtengruppe

Sofort bekam Femke die Info, wann und wo die Tanzproben der Kindergruppe stattfinden. Die Woche darauf war Femke dann bereits bei ihrer ersten Tanzprobe. Mit dabei war ihre Schwester Nanke im Babysafe. Nanke lebt mit dem Prader-Willi-Syndrom und ist dadurch körperlich, stoffwechselbezogen und kognitiv in ihren Fähigkeiten eingeschränkt. Sie war früh von den Tänzen der Trachtenkinder begeistert.

Auch bei den Umzügen ist Nanke immer vorne mit dabei.
Auch bei den Umzügen ist Nanke immer vorne mit dabei. | Bild: Trachtengruppe

„Nankes Ziel war es von klein auf, eines Tages bei den Trachtenkindern mitzutanzen und an der Prozession in Tracht mitzulaufen. Sie ist ein sehr willensstarkes Kind und hat es durch ihr selbstgesetztes Ziel auch geschafft, gehen zu lernen“, erinnert sich eine der Leiterinnen der Kindertanzgruppe, Silke Gräther. Dabei dürften sich viele noch erinnern, wie Nanke mit etwa vier Jahren mit Hilfe eines sogenannten Walkers erstmals die Fronleichnamsprozession begleitete. Beim Prader-Willi-Syndrom sei es ein Merkmal, dass die Kinder ihre motorischen Fähigkeiten oftmals erst spät erlernen.

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Der schönste Zufall war zudem, dass es Nanke sogar auf die Titelseite einer friesischen Zeitung schaffte. „Als der Opa dies sah, war er so stolz, dass er mit der Zeitung durch den rund 750 Kilometer weit von hier aus entfernten Wohnort fuhr und das Bild allen zeigte“, schmunzelt Türschmann.

Sie fiebern auf die Proben hin

Mittlerweile sind Femke und Nanke fester Bestandteil der Trachtengruppe Hüfingen. „Beide freuen sich immer auf den Mittwoch, wenn sie wieder zur Probe dürfen. Für beide ist dies ganz wichtig. Gerade Nanke zieht aus der Trachtengruppe ganz viel Kraft und Motivation“, sagt die Mutter.

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„Wir als Heimatzunft freuen uns natürlich unglaublich, dass wir sogar Kindern, welche nicht mit unseren Traditionen aufgewachsen sind, ein solches Gefühl von Heimatverbundenheit, Mut und Freude geben können“, meint Vereinsvorsitzende Pia Ilg. Besonders stolz sind die Trachtendamen, dass man ihnen die Kinder auch anvertraut: speziell Nanke, welche durch das Prader-Willi-Syndrom nicht immer gleichzusetzen ist mit den anderen Kindern. Sie wird, soweit es geht, behandelt wie jedes andere Kind. „Oftmals merkt sie es aber selbst nicht, wenn es ihr zuviel wird und sie braucht dann kurz eine Pause, in der sie zuschauen soll“, sagt Silke Gräther. Gibt es Unklarheiten werden Schwester Femke zu Rate gezogen oder die Eltern.

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Solche Unklarheiten sind unter anderem Fragen zur Ernährung. Denn eine Ausprägung des Prader-Willi-Syndrom ist es, dass kein Sättingungsgefühl eintritt. Die Kooperation der Tanzleiterinnen Sarina Bäurer, Silke Gräther und Karina Banski mit der Familie Türschmann ist dabei wichtig und sehr gut. „Für uns ist dies ein gutes Beispiel, wie Inklusion funktioniert. Gerade die Ausprägung der Esssucht macht es aus Elternsicht sehr schwer, das Kind ‚Fremden‘ zu überlassen. Dies erfordert ein hohes Maß an Vertrauen und ein gutes Verhältnis zu Betreuern. Dies haben wir hier zu den Tanzleiterinnen und Mitgliedern der Trachtengruppe zu 100 Prozent“, sagt Enke Türschmann.

Auch die Eltern sind begeistert

„Nanke nimmt bei der Trachtengruppe am gesellschaftlichen und sozialen Leben teil. Das freut uns als Eltern sehr, dies zu sehen und so mitzuerleben“, so die Mutter weiter. Auch wie die anderen Kindern mit ihr umgehen, das mache sehr viel Freude. Pia Ilg gibt das Lob zurück: „Die ganze Heimatzunft Hüfingen ist sehr stolz darauf, wie Kinder und Betreuer dies wuppen. Wir haben 2019 den Sozialpreis der Stadt Hüfingen bekommen und sind natürlich sehr stolz auf unsere souveränen Trachtenkinder und Tanzleiterinnen.“

Femke Türschmann zog zu ihrer Einschulung in die neue Schule ihre Tracht an.
Femke Türschmann zog zu ihrer Einschulung in die neue Schule ihre Tracht an. | Bild: Trachtengruppe

Besonders geehrt fühlen sich die Hüfinger, als die 11-jährige Femke bei der Einschulung auf die Sankt-Ursula-Schule in Villingen die Hüfinger Tracht anzog. An diesem Tag trug sie die Tracht voller Stolz, erinnert sich die Mutter. Sehr positiv seinen die Reaktionen von Mitschülern, Eltern und Lehrern gewesen. Bemerkenswert fand dies auch Pia Ilg. „Es freut uns als Heimatzunft unendlich, dass Femke unsere Baaremer Tracht zu so einem wichtigen privaten Anlass voller Stolz trägt.“ Dabei habe sie gar nicht abschätzen können, wie ihr zukünftiges Umfeld darauf reagieren wird. „Dieses Selbstbewusstsein wünscht man sich öfter“, so Ilg gerührt.