Jeremy mag es, wenn die Dinge in geregelter Spur laufen. Im Zimmer, das der Achtjährige in der Autismus-Intensiv-Wohngruppe im Hüfinger Mariahof bewohnt, hängt ein großer Kalender an der Wand, wie man ihn ansonsten in Büros findet. Auf ihm hat er die Tage des ganzen Jahres bereits rigide durchgeplant. Und einen ganz besonders. "Ich komme nicht am 24. Juli, weil am 23. Juli 130-Jahr-Jubiläum der Höllentalbahn ist", hat Jeremy dort in seiner krakeligen Kinderschrift mit grünem Edding vermerkt. Übergroß.

Jeremy mag Dinge, die vorhersehbar sind. Planbar. Getaktet. Zielgerichtet. In seinem Leben – und bei der Eisenbahn. Für sie interessiert er sich mit bisweilen fast manischer Energie, weiß manches Detail, das außer ihm wohl meist nur Lokführer kennen. Der Raum gleicht einem Spielzeug-Bahnhof aus Lego und Playmobil. Typisch für Kinder mit Störungen aus dem Bereich des Autismus, wie Rainer Schöndienst erklärt, der die erste der nunmehr drei Intensivgruppen mit je sechs Kindern seit deren Gründung im Jahr 2007 leitet.

Es ist kurz vor 15 Uhr. Schöndienst rät: "Beeilen Sie sich, wenn sie noch mit den Kindern sprechen wollen, denn pünktlich zur vollen Stunde ist Nachtisch-Zeit." Das Leben in der Wohngruppe bestimmt der Uhrzeiger. Aber Ahmet, 16, macht freundlicherweise eine Ausnahme – und lädt auf sein Zimmer ein. Wie lange lebst Du denn schon hier, Ahmet? "Seit dem 13. September 2013", katapultieren sich die Worte heraus. Er weiß es auf den Tag genau.

Ahmet spricht undeutlich und setzt manchmal die Sätze zweimal an. Aber die braunen Augen bekommen Glanz, als er berichtet, dass auch er ein Zeitungsmacher ist. Und tatsächlich: Den Beleg zieht er sogleich aus einer blauen Mappe hervor: "Fliederbusch" heißt die Heimzeitung, die im Mariahof regelmäßig verteilt wird. Ahmet berichtet dort unter anderem von einem Besuch auf dem Hüfinger "Kloosemärt" – oder schreibt über "Sonderlieder": "Lieder, die nicht im Radio laufen. Aber nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil die Leute, die die Lieder machen, nicht ins Radio wollen."

Anders sein – ob man will oder nicht: Es ist das Lebensthema von Menschen mit Autismus – jener tiefgreifenden angeborenen neurologischen Entwicklungsstörung, deren Facetten und Symptome so vielseitig sind, dass die Erscheinungsformen von kompletter Pflegebedürftigkeit bis hin zum im Verhalten vordergründig unauffälligen Hochbegabten reichen.

Bewohner der eigenen Welt

Viele von der Kommunikations- und Kontaktstörung Betroffene sind Erschaffer und Bewohner ihrer eigenen Welt. So auch Ahmet. "Mode interessiert mich nicht, ich kleide mich wie ein alter Mann." Seine Mimik bleibt starr dabei. Freunde brauche er keine. Er sagt es ohne Bedauern.

Bedauernswert indes war sein Leben lange Zeit. Bis zu jenem 13. September 2013. Vorher lebte der Junge in einer Einrichtung in Lahr. "Stress, Unterdrückung und Erschöpfung" habe er dort erleben müssen. Damals wusste noch niemand, was mit Ahmet los war. Er selbst auch nicht – die Diagnose Autismus wurde erst gestellt, als er nach Hüfingen kam. Bald jedoch schon wird er die Einrichtung verlassen – und auch die zugehörige benachbarte Wessenbergschule, wo er momentan auf seinen Realschulabschluss hinarbeitet. "Ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt."

Vor zehn Jahren hatte die renommierte Hüfinger Facheinrichtung für Bildung, Erziehung, Förderung, Betreuung und Unterstützung begonnen, sich auch speziell um autistische Kinder zu kümmern. Mit zweien ging es einst los, erzählt Lena Welsch, therapeutische Leiterin der Einrichtung und Spezialistin für die psychotherapeutische Behandlung von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen.

Die Resonanz war groß – und der Bedarf erkannt. Anfragen von Jugendämtern und Eltern aus dem gesamten Bundesgebiet trudelten alsbald in Hüfingen ein. Schon rasch wurden aus den zwei Schützlingen zwölf. Heute leben 18 autistische Kinder in den drei Intensiv-Wohngruppen, weitere Kids – und nunmehr auch drei Mädels – wohnen mit "neurotypischen" jungen Menschen zusammen.

Die Mauern des mentalen wie realen Schutzraumes waren zunächst hoch: Ursprünglich wurden die Kinder in speziellen, kleinen Förderklassen an der Wessenbergschule unterrichtet. Doch schnell setzte sich auch dort ein inklusiver Ansatz durch. Mit Recht: Denn nicht nur autistische Kinder brauchen Ordnung, Regeln und feste Strukturen – sondern eben alle Schüler. Ein Unikum ist der Mariahof dennoch: Er ist die einzige Einrichtung in Baden-Württemberg, die ein so spezielles Betreuungsangebot offeriert.

Zurück in der Wohngruppe. Was sind Glücksmomente der täglichen Arbeit? Manchmal sind es die kleinen: Etwa, wenn der acht Jahre alte Leon, dessen Speiseplan normalerweise keine Abweichung duldet, einen ihrer selbstgebackenen Muffins probiert, berichtet Erzieherin Judith Klausmann.

Und bisweilen verdichten sich Momente zu Erfolgsgeschichten: Moritz wurde einst nach Hüfingen "durchgereicht". Er galt als unbeschulbar, bei Frust trat er wild um sich. Im Mariahof ist aus dem impulsiven Jungen ein ruhiger 14-Jähriger geworden. Bald wird er seinen Hauptschulabschluss haben.

Die Störung

Rund ein Prozent der Bevölkerung ist autistisch veranlagt. Die Ursache ist trotz intensiver Forschung unbekannt. Charakteristisch für die neurologische Entwicklungstörung sind Schwierigkeiten im sozialen Umgang mit Mitmenschen, der Kommunikation sowie bei der Verarbeitung von Reizen. Betroffene zeigen oft stereotype Verhaltensweisen. Lange wurde zwischen frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom), dem Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus unterschieden. Das aktuelle psychiatrische Klassifikationssystem der USA hingegen unterscheidet erstmals keine Subtypen mehr und spricht nur noch von einer allgemeinen Autismus-Spektrum-Störung. (chn)