Früher konnten Schüler mit fließender Schönschrift in der Schule punkten. Heute ist das ordentliche Schreiben mit gleichmäßigen und deutlichen Buchstaben eher ein Relikt aus der Vergangenheit, der Computer hat das Schreiben mit der Hand verdrängt.

Mit ruhiger Hand und hoher Konzentration malt Herbert Labor mit der Feder die kunstvollen Buchstaben und verschnörkelten Ornamente aufs Papier.
Mit ruhiger Hand und hoher Konzentration malt Herbert Labor mit der Feder die kunstvollen Buchstaben und verschnörkelten Ornamente aufs Papier. | Bild: Gabi Lendle

Doch Herbert Labor beherrscht die Kunst des Schönschreibens wie kein anderer und ist aus diesem Grund ein gefragter Mann. Kalligraphie ist die Leidenschaft des 70-jährigen Malermeisters mit goldenem Meisterbrief. Seit über 30 Jahren beschriftet er Urkunden mit Buchstaben in Renaissanceschrift, ausschließlich mit seiner ruhigen Hand. Das heißt, er schreibt eigentlich nicht, sondern malt fein säuberlich mit Feder und Tusche. Dabei ist jeder Buchstabe ein Kunstwerk, besonders die Anfangsbuchstaben werden durch Bögen, Schwünge und Schnörkel hervorgehoben und verziert.

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Im Dienste der Narrenzünfte

Das blieb der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) nicht lange verborgen. Schnell kam man auf ihn zu, denn an der Fasnet werden ja immerhin viele Urkunden wider den tierischen Ernst vergeben. 68 Narrenzünfte sind in der VSAN zusammengeschlossen.

Fußballtrainer Christian Streich (von links) vom SC Freiburg, Roland Wehrle, Präsident der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte, und Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) stehen nach der Verleihung der „Goldenen Narrenschelle“ zusammen. Die Urkunde stammt aus der Hand von Herbert Labor.
Fußballtrainer Christian Streich (von links) vom SC Freiburg, Roland Wehrle, Präsident der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte, und Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) stehen nach der Verleihung der „Goldenen Narrenschelle“ zusammen. Die Urkunde stammt aus der Hand von Herbert Labor. | Bild: Patrick Seeger

So blieb es nicht aus, dass der langjährige Vize-Zunftmeister der Hüfinger Narrenzunft jedes Jahr beauftragt wurde, einige Urkunden für die VSAN zu schreiben. Zum Beispiel für das Narrengericht Stockach, bei dem bekannte Politiker von Gerichtsnarren angeklagt werden und sich selbst verteidigen müssen. Oder für die goldene Narrenschelle, die traditionsgemäß im Europa-Park an bekannte Persönlichkeiten überreicht wird.

Am Ende erhalten diese „gewitzten Narren“ natürlich eine Urkunde, die allesamt aus der Feder von Herbert Labor stammt.

Eine ganz besondere schöne Urkunde hat Herbert Labor anlässlich des Weißnarrentreffens in Schwenningen im Jahr 2011 angefertigt. Für solch ein Werk benötigt er Ruhe und viel Zeit. Man bedenke, dass Korrekturen auf solch einem festen Pergamentpapier nicht möglich sind: Alles muss korrekt passen.
Eine ganz besondere schöne Urkunde hat Herbert Labor anlässlich des Weißnarrentreffens in Schwenningen im Jahr 2011 angefertigt. Für solch ein Werk benötigt er Ruhe und viel Zeit. Man bedenke, dass Korrekturen auf solch einem festen Pergamentpapier nicht möglich sind: Alles muss korrekt passen. | Bild: Gabi Lendle

Jede Menge prominenter Namen, ob aus der Politik oder dem gesellschaftlichen Leben, hat Herbert Labor schon in all den Jahren auf die Urkunden gemalt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Cem Özdemir, Guido Wolf, Wolfgang Thierse, Wolfgang Bosbach, Erwin Teufel und viele andere Politiker aber auch Tony Marshall, Frank Elstner und Sonja Faber-Schrecklein gehören dazu.

Erst vor kurzem fertigte er die Urkunde für das Stockacher Narrengericht an, vor dem sich CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer verantworten musste, und auch für den Trainer des SC Freiburg, Christian Streich, der die diesjährige Goldene Narrenschelle im Europa-Park überreicht bekam.

Auch für Privatpersonen und Jubilare tätig

„Alles, was an der Fasnet wichtig ist, Persönlichkeiten, die einen Orden oder die Narrenkappe verliehen bekommen, wird von mir festgehalten“, berichtet Herbert Labor. Doch auch für Vereine, Privatpersonen oder Jubilare fertigt der engagierte Malermeister Urkunden an.

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Mehr als 200 Urkunden

„Meine Urkunden findet man von Bad Waldsee bis Offenburg und von Bad Cannstatt bis Laufenburg, ich weiß selbst nicht genau wie viele es sind aber es dürften so um die 200 und mehr sein“ erzählt der leidenschaftliche Schönschreiber, der nur von einigen Urkunden eine Kopie gemacht hat. Fest steht, dass jede ein Unikat ist. Darüber hinaus führt er das Goldene Buch der Stadt Hüfingen und der Stadt Bonndorf sowie das Ordensbuch vom Narrengericht in Stockach.

Korrekturen sind nicht möglich

Für die Urkunden verwendet Herbert Labor festes Pergamentpapier, das er selbst „Elefantenhaut“ nennt. Eine große Auswahl von breiten Bandzugfedern in allen Strichstärken gehört zu seinem Sortiment, dazu kommen „Pinsel so spitz wie Nadeln“.

Eine Vielzahl von Schreibfedern und Pinseln ist nötig, um die Urkunden hochwertig zu gestalten.
Eine Vielzahl von Schreibfedern und Pinseln ist nötig, um die Urkunden hochwertig zu gestalten. | Bild: Gabi Lendle

Geschrieben wird freihändig mit Tusche, nur die Schreiblinien werden leicht vorgezeichnet. Die Federn werden einer Pipette aufgefüllt und klecksen bei ihm nie, jeder Federstrich ist gleichmäßig. Korrekturen sind nicht möglich. Meist malt er die kunstvollen und großen Anfangsbuchstaben in Rot, die weiteren Buchstaben in Schwarz. Das entspricht der klassischen Vorgabe der „gebrochenen Frakturschrift“.

Die Urkunden zieren oft kleine Aquarelle mit Wappen, Figuren oder gar Porträts, je nach Zweck und Anlass. Dabei wird der Text mit einem Formenreichtum an Ornamenten und Verzierungen ausgeschmückt.

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Ruhige Hand unverzichtbar

Ohne eine absolut ruhige Hand ist so etwas nicht zu machen. Das Unglaubliche an Herbert Labor ist, dass er tagsüber immer noch im Malereibetrieb auch schwere Handarbeit verrichtet – und dennoch am Abend solche filigrane Buchstaben freihändig und gleichmäßig malen kann. „Für mich ist das Malen von Urkunden hochkonzentrierte Entspannung, dabei pendel ich mich aus.“

Gabe von Großvätern geerbt

Die Gabe für das kunstvolle Malen hat Herbert Labor von seinen Großvätern väterlicher und mütterlicherseits geerbt. Beide waren Malermeister. Sein Vater gründete 1920 das Malergeschäft Labor, das er weiterführte und zwischenzeitlich an seinen Sohn Volker übergeben hat. Auch seine Tochter Ann-Kathrin arbeitet mit, beide wurden als Innungsmeister ausgezeichnet.

Die Kunst des Schönschreibens nennt sich Kalligraphie. Sie ist die Leidenschaft von Malermeister Herbert Labor. Diese kunstvollen Buchstaben sind in dem Buch zu finden, das er von seinem Großvater aus Meran geerbt hat und das ihn schon als kleiner Junge faszinierte.
Die Kunst des Schönschreibens nennt sich Kalligraphie. Sie ist die Leidenschaft von Malermeister Herbert Labor. Diese kunstvollen Buchstaben sind in dem Buch zu finden, das er von seinem Großvater aus Meran geerbt hat und das ihn schon als kleiner Junge faszinierte. | Bild: Gabi Lendle

„Als kleiner Junge habe ich das Schriftenbuch von meinem Großvater aus Meran immer begeistert studiert, das hat wohl den Ausschlag gegeben. Ich habe viel geübt und mir vieles angeeignet. Noch heute bin ich von der Vielfalt der interessanten Buchstaben fasziniert“, sagt Labor.

Nebenbei hat er auch einige Hansel bemalt und in seinem Haus findet man von ihm bemalte Bauernschränke und Truhen.

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