„Ich bin dann mal weg“. Wer kennt nicht dieses Buch von Hape Kerkeling, der sich vor Jahren aufmachte, um den Jakobs-Pilgerweg zu begehen und davon tief beeindruckt und unterhaltsam berichtete. Als Gabie Oehrle aus Hüfingen diesen Bericht las, war sie sofort Feuer und Flamme und hätte sich am liebsten gleich auf den Weg gemacht. Doch das war aus Zeitgründen nicht möglich. Vergessen hat sie ihren Wunschtraum aber nicht und als ihr das Buch wieder in die Hände fiel und sie darin las, war klar: „Auf geht‘s – der Camino ruft“.

70 Jahre und zwei künstliche Hüftgelenke

Ihr Alter von 70 Jahren und auch zwei künstliche Hüftgelenke waren für die sportliche Gabie Oehrle kein Hinderungsgrund. Sie hält sich im Fitness-Studio und mit zahlreichen Wanderungen am Wochenende in Form. Fast genau vor einem Jahr lässt sie sich von Ehemann Peter an den Züricher Flughafen fahren, fliegt allein nach Madrid. Von dort nimmt sie den Bus nach Pamplona, dem Ausgangsort ihrer Pilgerstrecke bis Santiago de Compostela.

Obwohl ihr Ehemann sie nicht begleiten konnte, hatte die agile Gabie Oehrle niemals ein Problem mit ihrem Alleingang. Gute 729 Kilometer Wanderstrecke lagen vor ihr, von denen sie tatsächlich über 600 Kilometer zu Fuß in vier Wochen zurücklegte.

Man begegnet sich nicht nur einmal

„Wenn man allein geht, kann man die Pausen selbst bestimmen, genauso wie das persönliche Lauftempo und den eigenen Rhythmus. Außerdem trifft man stets Menschen aller Altersklassen aus der ganzen Welt, jeder ist offen und freundlich. Das Kennenlernen ist also kinderleicht und man begegnet sich auf der langen Wanderstrecke ja nicht nur einmal“, erzählt Gabie Oehrle begeistert. Ihre Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, Spanisch und Französisch halfen ihr, sich mit allen Menschen gut verständigen zu können. Ebenso hilfreich war ihr Handy, denn Dank der modernen Medien benötigt man keine Landkarten mehr und ist auch sonst bestens informiert.

Nach vier Wochen am Ziel an der Kathedrale von Santiago de Compostela. Zuvor durchwandert sie wunderschöne und abwechslungsreiche ...
Nach vier Wochen am Ziel an der Kathedrale von Santiago de Compostela. Zuvor durchwandert sie wunderschöne und abwechslungsreiche Landstriche und begegnet vielen interessanten Menschen aus der ganzen Welt. | Bild: Privat

Gabi Oehrle hat sich ihre Streckenabschnitte über eine App herausgesucht und konnte damit auch ihre tägliche Unterkunft buchen. „Ich wollte mit 70 Jahren nicht mehr in den Herbergen mit Mehrbettzimmern schlafen, also habe ich mir kleine Pensionen herausgesucht, von denen alle ordentlich und sauber waren“, erzählt die Wanderin.

Täglich 25 Kilometer zurückgelegt

Ihre Streckenabschnitte betrugen durchschnittlich 25 Kilometer pro Tag und das vier Wochen lang, eine Etappe betrug sogar 32 Kilometer. Lediglich zwei Tage Pause hat sie eingelegt und ist manche Distanzen durch größere Städte mit dem Bus gefahren. Ihre vorher eingelaufenen Wanderschuhe haben ihr gute Dienste geleistet, sie benutzt sie heute noch.

„Ich habe mit meinen Füßen nie das kleinste Problem gehabt. Morgens und abends habe ich sie mit Hirschtalgcreme einmassiert, das hat geholfen“, verrät Gabie Oehrle, die wie die meisten Pilger mit Stöcken gewandert ist.

Ohne Frühstück auf die Strecke

Ohne Frühstück ging es morgens zwischen 6.30 und 7 Uhr los, die erste Stärkung nahm sie unterwegs in Form von Kaffee und Croissant, Orangensaft, Käse, Baguette und Obst ein. „Auf der Strecke sind alle auf die Pilger eingerichtet, ich habe immer eine Unterkunft gefunden.“ Genauso gebe es genügende Möglichkeiten, Essen und Getränke zu kaufen.

„Alle Lokale müssen ein Pilgermenü anbieten, das kostet im Schnitt zehn Euro und beinhaltet drei Gänge, Wasser, eine Flasche Wein und Brot.“ Für sie als allein wandernde Frau gab es zu keinem Zeitpunkt eine bedenkliche Situation, „auch habe ich von keinen anderen davon gehört“, erzählt sie und man sieht ihr dabei an, dass sie sich am liebsten gleich wieder auf den Jakobsweg aufmachen möchte.

Den Jakobspilgerweg kann Gabie Oehrle nur jedem als eines der erlebnisreichsten Abenteuer unserer Zeit empfehlen. Die Eindrücke ihrer ...
Den Jakobspilgerweg kann Gabie Oehrle nur jedem als eines der erlebnisreichsten Abenteuer unserer Zeit empfehlen. Die Eindrücke ihrer Wanderung wurden von ihr notiert. Nun hat sie diese als Buch veröffentlicht. Es ist absolut lesenswert und kann in Morys Hofbuchhandlung erworben werden. | Bild:  Gabi Lendle

Da gleich die erste Etappe ab Pamplona mit einer riesigen Bergstrecke begann, beschloss sie, einen Rucksacktransport als Service in Anspruch zu nehmen. Das war eine gute Entscheidung, denn ihr Rucksack, in dem sich ihre Kleidungsstücke in dreifacher Ausfertigung befanden, wog zehn Kilogramm. Und ohne Gepäck auf dem Buckel lief es sich wesentlich leichter.

Tageserlebnisse per Handy verschickt

Obwohl es sehr heiß war im August, genoss sie die wechselnden Landschaften, die sie erst durch Weinbaugebiete, dann durch Kornkammern und Stoppelfelder und schließlich durch die wunderschönen Berge Galiziens führten. Nur einen halben Regentag hatte Gabie Oehrle zu verbuchen. Ihre Tagesziele erreichte sie meist am frühen Abend oder am Nachmittag. Dort wurde dann geduscht, die Kleidung gewaschen und eingekehrt. Vor dem zu Bett gehen schrieb sie ihre vielseitigen Tageserlebnisse und -eindrücke ins Handy und verschickte sie an ihren Mann und Bekannte. „Man vergisst sonst zu schnell“.

Das könnte Sie auch interessieren

Einschlafschwierigkeiten hatte sie nie und allein hat sie sich auch nie gefühlt. „Ich habe immer interessante Leute um mich gehabt und es war zu keinem Zeitpunkt langweilig. Jeder Tag war etwas Besonderes, am Ende meines Fußmarsches war ich traurig, dass es vorbei war“. Angekommen in Santiago gönnte sich Gabie Oehrle noch einen Ausflug ans „Ende der Welt“ nach Finisterre, bevor sie wieder in die Heimat flog.

Der Weg ist für sie noch nicht zu Ende

Ihren Wunschtraum Jakobsweg möchte Gabie Oehrle gerne noch durch die Strecke von Frankreich nach Pamplona ergänzen. „Es ist eines der letzten Abenteuer, das der heutige Mensch erleben kann. Ungefährlich, aber nichtsdestotrotz aufregend, belehrend und genussvoll, aber auch mal anstrengend. Ich würde jedem Menschen dazu raten, der sich das körperlich zutraut. Denn es bedeutet jeden Tag ein neues Erlebnis.“