Was man aus einem Sabbatjahr alles machen kann! Wenn Kornelia Kock von ihrer beruflichen Auszeit erzählt, erlebt man ein Abenteuer. Die Hüfinger Erzieherin hat nicht nur eine Weltreise unternommen, sondern mit 60 Jahren, wenn andere allmählich an den Ruhestand denken, sich als Granny Au-pair“ betätigt. Was sie im gemütlichen Wohnzimmer an der Hochstraße in Hüfingen davon erzählt, könnte für einen spannenden Roman reichen.

40 Jahre lang hat die Erzieherin im katholischen Kindergarten in Hüfingen gearbeitet. Als sich die Tochter nach dem Abitur für ein Au-pair-Jahr in den USA entschied, entstand auch in ihr der Wunsch, etwas Ähnliches zu tun. Veränderungen in der beruflichen Situation, Leitungswechsel und Überlegungen zur beruflichen Orientierung brachten die Möglichkeit eines Sabbatjahres ins Spiel. Über drei Jahre reifte die Idee, in so einer Auszeit das Abenteuer Granny Au-Pair zu wagen.

Nicht nur Informationen, sondern auch Kontaktmöglichkeiten bietet dazu das Internet. 2017 reifte die Entscheidung, in ein anderes Land zu gehen und im September meldete Kornelia Kock sich bei Granny Au-pair International an. Schnell fand sich in Australien eine Familie, die jemanden suchte: eine Oma mit Erfahrung im Haushalt und in der Kindererziehung. Erste Kontakte liefen – wie sollte es auch anders sein – per Skype.

Das Englisch reichte, die berufliche Qualifikation war gegeben, der Termin passte für beide Seiten und die kontaktierte Familie in der Nähe von Sidney sagte zu. Die Granny Au-pair in spe hatte noch Zeit, sich ausführlich über Australien zu informieren und beantragte das erforderliche Visum. Am 21. April 2017 stieg die 61-Jährige ins Flugzeug nach Australien. Allerdings doch „mit etwas Bauchweh“, wie sie im Nachhinein einräumt.

Nach dem 24-Stundenflug erwarteten sie der Familienvater mit dem vereinbarten „Conny“-Erkennungsschild auf dem Flughafen von Sidney im australischen Winter mit Temperaturen von 14 bis 16 Grad Celsius. Was als erstes zu einem Pulloverkauf führte.

Eine Granny Au-pair scheint in australischen Familien nichts Ungewöhnliches zu sein. Alle drei Monate kommt eine neue und die Abläufe sind strukturiert. Eine Woche lang arbeitete Kornelia Kock gemeinsam mit ihrer Vorgängerin aus Hamburg, um den Alltag und ihre Aufgaben in der Familie mit Mutter Sophia, Vater Duncan, dem elfjährigen James und der 13-jährigen Ionia kennenzulernen. Die Tätigkeiten liegen in der Familie für die alle Vierteljahr wechselnden Grannies exakt fest.

Beide Eltern gehen ihren Berufen nach. Die Mutter, eine Engländerin, ist als Sanitäterin auf einem Ambulanzwagen tätig, der Vater, ein Südafrikaner, als Geschäftsführer in einer Firma in Sidney. Die Granny hat nachmittags ab 16 Uhr für die Kinder da zu sein, die dann aus der Schule nach Hause kommen. Sie muss das Dinner vorbereiten, für das auch die Lebensmittel einzukaufen sind. Zum Haus gehören noch zwei Hunde, Oskar und Sky. Alle 14 Tage sorgt eine Putzfrau für Sauberkeit. Die Aufgaben der Granny werden mit freier Kost und Logis vergütet.

Einstellen musste sich die Granny aus Deutschland auf die Essgewohnheiten in Australien: Viel Vegetarisches, Sushi, Hühnchen, Hackfleisch, Lamm und Reis, wenig Salat und Kartoffeln. Die Rezepte für die australische Küche fanden sich problemlos im Internet.

Zu Anfang ging es für Kornelia Kock vor allem darum, sich mit den Verhältnissen in dem älteren Haus ohne Heizung und in dem man barfuß läuft, zu arrangieren und die viele freie Zeit vom Vormittag bis in den Nachmittag und an den Wochenenden zu gestalten. Aber das ist, trotz anfänglicher Bedenken, offensichtlich hervorragend gelungen. Schließlich hat die Granny in dem Vierteljahr in Australien drei paar Schuhe abgelaufen.

Nur fünf Minuten waren es bis zum Strand, einer bezaubernden Küstenlandschaft, die zum Wandern und Verweilen einlud. „Heute sehe ich noch die Wale springen. Das Herz ging mir auf. Das hat mich dort gehalten.“

Aber es brauchte auch soziale Kontakte, die die Familie – „offene Leute und gleichzeitig distanziert“ – bei den ständig wechselnden Großmüttern verständlicherweise nicht bieten konnte. Über die Granny-Organisation fand sich aber bald Ingeborg aus Hamburg, mit der Kornelia aus Hüfingen an den Wochenenden mit Vesper im Rucksack Sidney und Umgebung eroberte. Es wurden City-Besuche, Ausflüge in die Blue Mountains und auf die umliegenden Inseln unternommen und die traumhafte Akustik der Sidney-Opera und ein Aborigine-Workshop erlebt.

Und zum Schluss war mit der australischen Family wohl doch etwas gewachsen. Sie wurde zum Abflug zum Flughafen begleitet und Duncan hat noch zweimal geschrieben und vom Anfang einer Freundschaft gesprochen.

So eine Auszeit gab es „in meiner Jugend nicht“, sagt Kock nachdenklich. „Drei Monate sind überschaubar. Ich würde es immer wieder tun. Es bereichert unwahrscheinlich und gibt dem Leben eine andere Wertigkeit.“ Aber nun sei es auch gut, wieder zuhause zu sein, die sozialen Kontakte zu beleben und zu schätzen, was man hier hat.

Sicher präge das australische Granny-Erlebnis jenseits deutscher Kleinbürgerlichkeit ihr künftiges Leben. Noch am Strand von Sidney habe sie ihre Kündigung geschrieben, um noch einmal was ganz Neues anzufangen. Die moderne Kindertagesstätte mit Mittagessen und Kindern unter drei Jahren wird Kornelia Kock hinter sich lassen und ab dem neuen Jahr in der Wessenberg-Schule von Maria Hof in Hüfingen als Schulbegleiterin arbeiten.

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