Kaum ein Jahr noch und der nächste Hüfinger Gemeinderat und die nächsten Ortschaftsräte werden gewählt. Da sind die ersten Gedankenspiele um die künftige Zusammensetzung durchaus statthaft. Allerdings wäre es jetzt schon zu früh, um sich bei den Wählern in Position zu bringen. Dem neu gegründeten Bürgerforum geht es vermutlich aber um etwas anderes: Es möchte auf ein Ungleichgewicht aufmerksam machen, das sich in den vergangenen Jahren nach der Einschätzung der Initiatoren aufgebaut haben soll. Fallen die Ortsteile in letzter Zeit bei Entscheidungen hinten runter? Und falls das so wäre, hängen diese Entscheidungen an einer zu geringen Repräsentanz der Ortsteile am Städtischen Ratstisch zusammen?

Wer die Notwendigkeit der neuen Liste in Frage stellen möchte, muss genau diese Diskussion führen. Er muss beweisen, dass Austausch und Ausgleich zwischen Stadt und Dorf viel besser funktioniert, als vom Bürgerforum moniert. Im besten Fall führt eine solche Aussprache zu Transparenz und Lust auf politische Beteiligung. Das Bürgerforum, kaum gegründet und erst auf dem Weg auf eine Kandidatenliste, wird in den nächsten Monaten gedanklich schon mit am Rat sitzen: immer dann, wenn es darum geht, ob eine Entscheidung die Kernstadt über die Maßen bevorzugt, oder ein Dorf hintan stellt. Das ist eine Situation, mit der verantwortungsvolle Gemeinderäte mit umgehen können.

Dass die Unechte Teilortswahl in den Ortsteilen durchaus ihre Anhänger findet, darf nicht verwundern. Trotz traditionell relativ hoher Wahlbereitschaft sinkt die Zahl der Wähler, die Zahl der Einwohner tut das ohnehin. Langjährige Mandatsträger werden sich irgendwann zurückziehen. Und dann? Es ist also nachvollziehbar, dass man einem Nobody im Dorf wenig Chancen einräumt, in den Stadtrat einzuziehen. Nicht zu verdenken ist auch, dass ein solcher Kandidat den hohen persönlichen Aufwand mit ungewissem Ausgang scheut. Das ist der Kern einer Wahlrechtsreform-Reform.

Die Neugründung greift bestehende Entwicklungen auf. Sie besteht aus engagierten Bürgern, die etwas mit demokratischen Mitteln ändern möchten. Das ist in Zeiten, in denen sich viele Menschen ins Private zurückziehen, lobenswert. Sie macht es aber den Listenverbindungen insgesamt noch schwerer, ihrer Listenplätze zu füllen. Wenn die Neugründung aber ein Ventil schafft für einen Missstand, der möglicherweise bisher nicht oder zu wenig thematisiert worden ist, dann ist das in Kauf zu nehmen.

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