Hüfingen – Manchmal ist es so: Man baut in die Zukunft, und man entdeckt mehr und mehr die Vergangenheit… Eine Erfahrung, die sich oftmals im Hoch- und besonders im Tiefbau machen lässt. Denn hier werden Baugruben ausgehoben und so manches Unerwartete tritt wieder zutage. Nicht immer handelt es sich dabei um Relikte aus prähistorischer Epoche – manchmal sind es auch Funde aus der jüngeren Geschichte, und gelegentlich sind die sogar explosiv.

Diese Geschichte hier hat mit einem größeren Projekt zu tun, nämlich der Verbreitung der B27 zwischen Donaueschingen und Hüfingen von zwei auf vier Spuren, einer kleinen Brücke, unter der ein landwirtschaftlicher Weg hindurchführt in Richtung einer großen Biogasanlage, und einem alten Luftbild, aufgenommen am 20.Juni 1945. Dieses zeigt eine Spur von Einschlagkratern, die sich im Südosten Hüfingens von West nach Ost zieht.

Genau hier decken sich plötzlich heutige Baupläne mit diesem historischen Luftbild, aufgenommen aus vielleicht 1000 Metern Höhe von Bord eines amerikanischen Flugzeuges. Könnte es sein, dass heute an der schnöde „BW 1a“ (BW steht für Bauwerk) genannten Brücke noch immer etwas von damals liegt? Ein Blindgänger? Man sagt, es habe genau in diesem Bereich gegen Kriegsende eine Flakstellung gegeben…

Fragen, die für Tiefbauer von heute sicherheitsrelevant sind. Die Unternehmen Storz aus Tuttlingen und Steidle aus Sigmaringen sind auch für diese kleine Brücke zuständig; Storz erledigt die Erdarbeiten. Bauleiter Tobias Barthelmeß: „Bevor wir hier in die Tiefe gehen und eine Spundwand setzen, müssen wir ganz sicher sein und jeden Verdacht ausräumen. Wer weiß, ob das was liegt?“

Einen kühlen Kopf auch bei warmem Wetter und heißem Job muss Bernd Teschner behalten. Er steuert die Bohrer, die bis in sechs Meter Tiefe vordringen.
Einen kühlen Kopf auch bei warmem Wetter und heißem Job muss Bernd Teschner behalten. Er steuert die Bohrer, die bis in sechs Meter Tiefe vordringen. | Bild: Joachim Mahrholdt

Genau das sollen Robert Lang und Bernd Teschner herausfinden. Sie sind Mitarbeiter eines spezialisierten Unternehmens aus Marktoberdorf im Allgäu und beauftragt von den beiden Baufirmen. Teschner bedient die Knöpfe und Hebel einer Fernsteuerung. Ihm gehorcht ein sogenanntes „Kleinbohrgerät“, ein mobiler Bohrturm, der in regelmäßigen Abständen Löcher niederbringt. „Wir erbohren hier quasi ein Raster, bis auf sechs Meter Tiefe, denn soweit drangen erfahrungsgemäß Blindgänger in den Boden ein.“ Durch Plastikrohre wird später ein Sensor jeweils in einem Meter Umkreis das Erdreich auf Metall absuchen. Wenn er nicht anschlägt, liegt da auch nichts…

Bohrungen nach explosiven Hinterlassenschaften – Tiefbau-Spezialisten sondieren Meter für Meter diesen Bereich, in dem Storz später die Erdarbeiten erledigen soll.
Bohrungen nach explosiven Hinterlassenschaften – Tiefbau-Spezialisten sondieren Meter für Meter diesen Bereich, in dem Storz später die Erdarbeiten erledigen soll. | Bild: Joachim Mahrholdt

Und was ist, wenn der Bohrer vorher auf Widerstand stößt? „Dann ist erst einmal Schluss. Das muss ja keine Bombe sein. Meistens ist es ein großer Stein. Aber dann muss erst einmal ein Fachmann vom Kampfmittelräumdienst ran mit einem Metalldetektor.“ Und ein Bagger, der vorsichtig den Fund freilegt.

Nein, die beiden Bohrexperten haben noch keine üblen Erfahrungen gemacht bei ihrem Job. Der sei im übrigen auch nicht gefährlicher als andere, behaupten sie. Gleichzeitig versichern sie: „Wenn da unten eine Bombe wäre, würden wir sie auch finden.“

Rüdiger Schell wundert das alles nicht. Der Historiker, der beruflich Geschichte lehrte im Donaueschinger Fürstenberg-Gymnasium und politisch lange Jahre die SPD im dortigen Stadtrat führte, hat unter anderem ein Buch verfasst über eben diesen Hüfinger Südosten. „Am Fusse des heutigen Hüfinger Wasserturms gab es seit den zwanziger Jahren ein Arbeitslager, unter den Nazis geführt vom Reichsarbeitsdienst. Dort sind viele üble Geschichten passiert, auch noch nach dem Krieg. Aber die Bombardements 1945 haben mit diesem Lager nichts zu tun.“

Rüdiger Schell, Historiker und ehemaliger Kommunalpolitiker, hat über die Geschichte im Umfeld des ehemaligen Lagers des Reichsarbeitsdienstes am heutigen Hüfinger Wasserturm geforscht.
Rüdiger Schell, Historiker und ehemaliger Kommunalpolitiker, hat über die Geschichte im Umfeld des ehemaligen Lagers des Reichsarbeitsdienstes am heutigen Hüfinger Wasserturm geforscht. | Bild: Joachim Mahrholdt

Die Antwort sei einfacher, und ihr Hintergrund sei militärisch. Denn nur wenige hundert Meter weiter, in Richtung Pfohren, habe es gegen Kriegsende einen Feldflugplatz gegeben – nicht lange, aber genau der sei von den Alliierten bombardiert worden. Und deswegen habe dort ein Flak-Geschütz gestanden.

Letzte Versuche der Luftwaffe, sich gegen die britischen und amerikanischen Bomber zu wehren. Ein Feldflugplatz also, von dem heute nur noch die wenigsten wissen. Weder die Hüfinger, die Auf Hohen wohnen und in Richtung Riedsee blicken, noch die Tiefbauspezialisten, deren Bohrer die künftigen Fundationen einer kleinen Brücke erkunden helfen. Fachleute von heute, die für ein Projekt der Zukunft nach Projektilen der Vergangenheit suchen.

Übrigens: Sie haben keine vergessenen Bomben gefunden, da, wo die kleine Brücke an der B27 erweitert werden soll.