Alexander Siegmund schlendert in den noch leeren Hüfinger Pfarrsaal und stellt seine Laptop-Tasche auf den Tisch. Eine Stunde vor dem Vortrag vor der Kolpingfamilie schraubt er seinen Beamer auf Leinwand-Position. Zwei Tage vor diesem Heimspiel trug er diese Laptoptasche durch die Kontrolle am Flughafen. Neun Tage war er mit der Landesregierung in den USA und Kanada unterwegs. Siegmund gehört dem Nachhaltigkeitsbeirat der Landesregierung an. Einer, der von der Politik gehört wird.

Gehört wird er schon länger. Von Schülern wie auch angehenden Lehrern. "Es kann passieren, dass ich morgens mit Grundschülern zusammen bin und nachmittags mit Dokoranden", schmunzelt der Hochschullehrer. Geographie fand er in seiner Zeit als Lehrer als "Nebenfach der Nebenfächer" wertgeschätzt. Oder als "Briefträgergeografie", die Punkte und Linien auf der Karte aufsagen lässt. Dabei ist Geografie als Beobachtung des Raumes und seiner Veränderungen so viel spannender. Auch für Schüler. Zehn Schulen in Baden-Württemberg sind ins Umweltbildungsprojekts „Dem Klimawandel nachhaltig begegnen lernen" eingebunden; auch das Fürstenberg-Gymnasium in Donaueschingen.

Als Doppelprofessor sitzt er zwar gewissermaßen zwischen den Lehrstühlen, aber nicht inhaltlich zwischen den Stühlen. Seine Verpflichtungen verbinden die Geokommunikation, also die Vermittlung und Bildung geographischer Zusammenhänge, mit der fachwissenschaftlichen Forschung. Die Bildungskomponente ist an der PH angesiedelt und dort seit 2016 veredelt. Eine Unesco-Professur gibt es nur einmal in Baden-Württemberg. Sie gilt vier Jahre lang, eine Verlängerung kann beantragt werden. Ein neues Zentrum für nachhaltige Entwicklung würdige frühe Weichenstellungen, freut sich der Lehrstuhlinhaber.

Und was macht der Lehrerausbilder mit Jugendlichen, die dem Klimawandel wahlweise mit einer "Das betrifft Afrika"-Mentalität oder einer Übersensibilisierung begegnen? Er packt sie mit seinem methodisch-didaktischen Dreiklang. Im Gelände lässt er die Schüler Zeichen des Klimawandels suchen. Das können Erosionen auf den Äckern sein. Im Labor wird etwa die Baumrindenentwicklung kranker oder gesunder Fichten untersucht und im Experiment geht die Gruppe Systemzusammenhängen nach. Etwa wenn in einer Wanne ein nacktes Stück Boden weggeschwemmt wird. Eine Plastikauflage hilft ein wenig, Stroh ist besser, Mulchsaat noch besser. Siegmund, ein Kind der Baar, stellt die Qualität des pfluglosen Saatverfahrens in seiner Heimat vor.

Der Klimawandel ist nicht zu leugnen. Es werde nicht die höhere Durchschnittstemperatur sein, mit dem er sich ankündigt, sondern die Zunahme von Wetterextremen wie Trockenheit oder Starkregen mit Erosionsgefahr, sagte Siegmund 2007 im SÜDKURIER-Interview. Das hat sich so bewahrheitet. Heute, so ergänzt er, müsse man sogar mit Tornados umgehen.

Ob in der Atacama-Wüste in Chile oder (wie hier) beim Start einer Drohne bei einem Streuobstwiesenprojekt im Ländle: Alexander Siegmund ist als Professor bei seinen Forschungsprojekten stets mit vollem Einsatz dabei. <em>Bild: privat</em>
Ob in der Atacama-Wüste in Chile oder (wie hier) beim Start einer Drohne bei einem Streuobstwiesenprojekt im Ländle: Alexander Siegmund ist als Professor bei seinen Forschungsprojekten stets mit vollem Einsatz dabei. Bild: privat | Bild: Alexander Siegmund

Wer extreme Phänomen beobachten möchte, muss extreme Gegenden aufsuchen. "Ja, da werde ich immer noch angesprochen", lacht Siegmund über seine einmonatige Antarktis-Expedition im Jahr 2006. Gleich vier Monate war er im vergangenen Jahr in der Atacama-Wüste in Chile, einer wasserärmsten Gegenden auf dem Globus. Im November geht es für Siegmund erneut hin. Eines von 20 aktuellen Projekten, die auf der Homepage des Professors aufgelistet sind. In der küstennahen Wüste wachsen Pflanzen nur dank eines Küstennebels. Diese Nebelsysteme lösen sich auf, der Bestand er Tillandsien genannten Pflanzen geht zurück. Befliegungen mittels Gleitschichtdrohne liefern hochaufgelöste Bilder und dokumentieren eine weitere Facette geänderter klimatischer Bedingungen. Die tatsächlichen Dimensionen und Ursachen aufzuspüren, ist Aufgabe der Geografen.

Selbst wenn das Minimalziel, maximal zwei Grad Erderwärmung gegenüber dem Beginn des Industriellen Zeitalters, erreicht wird, müssen wir mit diesen Veränderungen umgehen." Dazu kommt auch beim Forscher ein schlechtes Gewissen, was den ökologischen Fußabdruck anlangt. "Ein Freund hat mir ausgerechnet, dass ich mit meinem Amerika-Trip 12,5 Tonnen CO2 verbraucht habe." Das Kontingent eines durchschnittlichen Erdenbürgers pro Jahr beträgt 2,3 Tonnen. Apropos Amerika. Siegmund kam mit viel Rückenwind nach Hause. Es sei unglaublich, wie viele regionale Klimabündnissen sich im den USA unterhalb der Trump-schen Dampfplauderei entwickelt haben. Waren es vor vier Jahren vier Partner, darunter Baden-Württemberg und der Bundestaat California, die die "Under-2-Coalition" schlossen, gehören ihr heute über 220 Regionen weltweit bei.