Die Deportation von Heimbewohnern im Zuge der sogenannten Euthanasie des Nationalsozialismus gehört zur Geschichte des damaligen Kreispflegeheims Geisingen. Heute ist das Heim das Pflegeheim Haus Wartenberg. Und dieses erweist den Opfern von damals seine Reverenz und veranstaltet ein Gedenken. Am 8. Oktober jährt sich zum 80. mal die erste Deportation von 18 Heimbewohnern nach Grafeneck.

An jenem 8. Oktober 1940 wurden 18 Heimbewohner nach Grafeneck deportiert. Ein Jahr später deüortierten die Nazis weitere 36 Bewohner nach Wiesloch. Während die Deportierten in Grafeneck umgebracht wurden, überlebten in Wiesloch die meisten.

Villinger Kreisarchivar konzipierte die Ausstellung

Aus Heimen des Schwarzwald-Baar-Kreises wurden in der NS-Zeit ebenfalls behinderte Menschen deportiert, wohl circa 170. Vor drei Jahren gab es in Villingen im Landratsamt eine Ausstellung zum Thema Euthanasie, eines der Hauptthemen waren die Deportationen aus Geisingen.

Zum 80. Jahrestag der ersten Deportation in Geisingen veranstaltet das Haus Wartenberg nun einen Gedenktag und präsentiert dabei die Ausstellung. Zudem findet eine Gedenkfeier statt. Die Ausstellung in der evangelischen Markuskirche wird bis zum 25. Oktober zu sehen sein. Ihr Titel: „Verlegt nach unbekannt“.

Ausstellung ist bis 25. Oktober zu sehen

Was in Geisingen noch fehlt, ist andernorts schon längst installiert worden: eine Gedenktafel oder Stolpersteine als dauerhaft sichtbare Erinnerung an die Schreckenszeit der Nazi-Herrschaft und den damaligen Umgang mit kranken und behinderten Menschen.

In Geisingen wurde in den Jahren nach 1941 durch systematisches Aushungern und Mangelernährung der Tod von rund 200 weiteren Heimbewohnern verursacht.

Organisierte Mordmaschinerie

Der Villinger Kreisarchivar Clemens Joos hat die Ausstellung 2017 akribisch vorbereitet und aufgearbeitet, auch in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Grafenau. Er wird bei der Gedenkfeier einen Vortrag halten, Titel: „Verschleppt nach unbekannt – die Kreispflegeanstalt Geisingen in den Jahren 1933 bis 1947“.

Den Tod fanden viele der 1940 deportierten Heimbewohner in der Heil- und Pflegeanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, 1939 als erste von sechs in Deutschland zur „Tötungsanstalt“ eingerichtet.

Allein im Jahr 1940 starben in Grafeneck 10.000 Menschen

Allein im Jahr 1940 starben dort fast 10.000 Menschen. Die Anstalt wurde eigens mit einer Gaskammer ausgestattet. Weil unheilbar oder „erbkrank“, also mit körperlicher oder seelischer Behinderung, oder auch nur nach damaligen Vorstellungen moralisch verwerflich lebend, galten die Deportierten als ökonomische Belastung der Gesellschaft.

Der Massenmord wurde von Berlin aus bürokratisch organisiert, von Tätern vor Ort durchgeführt und von der Gesellschaft mitgetragen. „Wir haben immer wieder graue Busse gesehen, die vor dem Pflegeheim standen und in die Leute eingeladen wurden“, sagt ein Geisinger Zeitzeuge. „Was aber mit denen geschah, darüber wurde nicht geredet.“

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