Wie viele Einrichtungen ihrer Art war auch die damalige Kreispflegeanstalt Geisingen zur Zeit des so genannten Dritten Reiches in die Euthanasie-Verbrechen des NS-Regimes verstrickt. Eine Ausstellung, die derzeit im Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis gastiert, legt davon ein erschütterndes Zeugnis ab.

Den Forschungsergebnissen zufolge, die in der Ausstellung "NS-Euthanasie-Verbrechen – Die ‚Tötungsanstalt‘ Grafeneck und die Kreispflegeanstalt Geisingen“ aufbereitet werden, wurden aus dem Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises mindestens 170 Menschen Opfer der Euthanasie, sprich der systematisch geplanten und durchgeführten Tötung von Menschen mit Behinderungen. In der Kreispflegeanstalt Geisingen, die von den damaligen Landkreisen Donaueschingen und Villingen gemeinsam getragen wurde, wurden Pfleglinge seit 1933 zwangssterilisiert und 1940/41 in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen deportiert. Mehr als 300 starben zu Kriegsende an Hunger und Entkräftung. Die Ausstellung gebe, so Kreisarchiver Clemens Joos, einen ersten Eindruck in die Forschungen zur Geschichte der Kreispflegeanstalt in den Jahren 1933-1947 und werde deshalb im Landratsamt bewusst von Vorträgen und Führungen begleitet, die in die Thematik einführen.

Bei der jüngsten Sitzung des Technischen Ausschusses des Gemeinderats stellte FW/FDP-Fraktionschef Paul Haug den Antrag, die Ausstellung auch nach Geisingen zu holen. Es sei höchste Zeit, so Haug, dass dieses schreckliche Kapitel in der Geschichte der Stadt und des Pflegeheims nicht mehr totgeschwiegen werde. Deshalb solle Bürgermeister Walter Hengstler sich auch in seiner Funktion als zweiter Vorsitzender des Zweckverbands Haus Wartenberg dafür einsetzen, dass die Ausstellung nach Geisingen komme. Der denkbar beste Ausstellungsort sei das Pflegeheim Haus Wartenberg. Haug kritisierte dabei auch, dass sich auf dem Areal des heutigen Pflegeheims keine wie auch immer geartete Erinnerungsstätte finde.

Es spreche nichts dagegen, die Ausstellung nach Geisingen zu holen, meinte Bürgermeister Hengstler, bezweifelte aber, dass sich das Haus Wartenberg bereit finden werde, sie zu beherbergen. Hengstler betonte, dass die Stadtverwaltung die der Ausstellung zugrunde liegenden Forschungsarbeiten nach Kräften unterstützt habe. Das bestätigten im Gespräch mit dem SÜDKURIER auch Kreisarchivar Joos und Professor Friedrich Engelke. Das Kreisarchiv hat in Zusammenarbeit mit Engelke die auf die Kreispflegeanstalt Geisingen bezogenen Ausstellungsteile beigesteuert. "Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Geisingen war vorbildlich, mehr Unterstützung habe ich landesweit bei meinen Forschungen von keiner Kommune erhalten", lobte Engelke sein Verhältnis zur Stadt.

Auf Nachfrage des SÜDKURIER betonte Bernd Häßler, Direktor des Geisinger Pflegeheims: "Selbstverständlich wäre es möglich, die Ausstellung auch hier im Haus Wartenberg zu zeigen, nur müsste sie dann, ohne ein entsprechendes fachliches Begleitprogramm, vermutlich um weitere Tafeln ergänzt werden."

Häßler begründete auch das Fehlen einer Erinnerungsstätte: "Die Gründe dafür, dass es bisher noch keine Erinnerungsstätte an das damalige Unrecht gibt, liegen schlicht darin, dass bislang noch keine gesicherten Forschungsergebnisse darüber vorliegen. Es hieße, der ernsten Sache einen Bärendienst zu erweisen, wollte man an Geschehnisse erinnern, die in ihrer Tragweite noch gar nicht geklärt sind. Die Probleme würden schon bei der Abfassung einer Inschrift anfangen. Es war dem Haus Wartenberg und dem Zweckverband, der es trägt, immer wichtig, zunächst einmal wissenschaftlich die Fakten klären und publizieren zu lassen und dann nach angemessenen und würdigen Formen zu suchen, in denen einer Erinnerung hier vor Ort Ausdruck gegeben werden kann. Mit der Ausstellung des Kreisarchivs, mit der bewusst die Öffentlichkeit gesucht wurde, ist nun ein erster Schritt in diese Richtung getan, aber eben nur ein erster Schritt auf einem längeren Weg, dessen Ziel sicherlich eine Erinnerungsstätte oder ein Erinnerungsmal sein wird."

Die Ausstellung

Die Ausstellung „NS-Euthanasie-Verbrechen – Die ‚Tötungsanstalt‘ Grafeneck und die Kreispflegeanstalt Geisingen“ gastiert noch bis Freitag, 7. April, im Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis (Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen) und wird von Vortragsveranstaltungen flankiert. Die Ausstellung kann während der Öffnungszeiten des Landratsamts (montags bis mittwochs 7.30 bis 17 Uhr, donnerstags 7.30 bis 17.30 Uhr, freitags 7.30 bis 12.30 Uhr) besichtigt werden. Führungen finden nach telefonischer Voranmeldung (Telefon: 07721/9137106) am Sonntag, 19. März, und am Sonntag, 26. März, jeweils ab 14 Uhr statt. Termine für Sonderführungen sind auf Anfrage möglich. (tom)