Mit vielen anderen Studenten in einem Raum sitzen und Klausur schreiben: Diese Vorstellung macht einem Studenten der Fachhochschule Furtwangen (HFU) wegen des Infektionsrisikos Angst. Die Hochschule kann dieses Unbehagen zwar verstehen, glaubt aber, dass sich die Gefährdung der Prüflinge in sehr engen Grenzen hält.

Angst um Angehörige

Leon R. ist Mitte 20 und studiert Wirtschaftsingenieurwesen. Er möchte nicht, dass in diesem Artikel sein echter Name genannt wird. Mit dem Blick auf anstehende Klausuren sagt er dieser Zeitung am Telefon: „Ich hab Angst, dass ich da mit so vielen Menschen in einem Raum sein muss.“ Gerade für Studenten, die mit Menschen der Risikogruppen Kontakt hätten, sei das eine Zumutung. R. selbst lebt derzeit bei seiner Mutter in Stuttgart. Auch sie gehört zu den gefährdeteren Menschen. Deshalb hätten Leon R. und andere Studenten, mit denen er gesprochen habe, Angst um ihre Familien. Angst davor, sich selbst und andere mit dem Coronavirus anzustecken.

Was bringt das Rücktrittsrecht tatsächlich?

Zwar haben HFU-Studenten wegen der Corona-Krise derzeit ein außerordentliches Rücktrittsrecht von Prüfungen – ohne Angabe von Gründen. „Dadurch wird kein Student in eine Präsenzprüfung gezwungen“, heißt es von Seiten des Asta (Allgemeiner Studierendenausschuss). Nehmen Studenten dieses Rücktrittsrecht aber auch wahr? R. bezweifelt, dass sich Studenten, die ein halbes Jahr lang auf einen Termin hingearbeitet haben, von einer Prüfung abhalten lassen. Da seien selbst leichte Krankheitssymptome kein Hinderungsgrund, glaubt er. „Ich lasse mir doch wegen Husten nicht ein halbes Jahr Lernen wegnehmen“, sagt er selbst. Ein Infektionsrisiko hält er an solchen Terminen deshalb für reell.

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Präsenzangebote nur ausnahmsweise erlaubt

Hochschulen und Unis dürfen in Baden-Württemberg derzeit nur in Ausnahmen Präsenzangebote machen. Laut Website der Landesregierung dort, „wo das unabdingbar nötig und hygienisch verantwortbar ist – insbesondere bei zwingenden Prüfungen, bei Zugangs- und Zulassungsverfahren, bei Laborpraktika und Praxisübungen, für Präparierkurse sowie Veranstaltungen mit überwiegend praktischen Unterrichtsanteilen“.

Restaurantbesuch verboten, aber Klausurteilnahme Pflicht?

Dass derzeit trotz Lockdown Präsenzklausuren stattfinden, kommentiert Leon R. als „kompletten Schwachsinn“. Woanders sei es nicht erlaubt, in ein Restaurant zu gehen, er solle aber zu den Klausuren gehen? „Das sind Sachen, die kann ich nicht verstehen“, sagt er. Der junge Mann fordert deshalb, dass die Prüfungen anders organisiert werden. Er denke da an Hausarbeiten, Online-Klausuren oder eine Verschiebung der Termine, so der Mittzwanziger. Im Sommer sei das an der HFU auch noch viel mehr so gehandhabt worden, berichtet er. Und jetzt im Winter, wo die Corona-Lage wesentlich schlimmer sei, würden wieder mehr Präsenztermine stattfinden. Für Leon R. ergibt das keinen Sinn.

Mehr Prüfungen im Wintersemester

Robert Schäflein-Armbruster bestätigt dieser Zeitung, dass im Wintersemester an der HFU zehn Prozent mehr Präsenzprüfungen als noch im Sommersemester 2020 vorgesehen seien. Das sei jedoch erwartbar gewesen, denn im Wintersemester würden stets mehr Prüfungen geschrieben, erklärt der Professor. Andere Formate für Prüfungen zu finden beschreibt er als sehr kompliziert.

Widerspruch kommt vom Professor

Hier gelte es einerseits, die Vorgaben der Prüfungsordnungen einzuhalten, andererseits aber auch die Aspekte zu beachten, die den Studiengängen im Rahmen ihrer Akkreditierung auferlegt worden seien. „Der vollständige Wechsel von Präsenz zu digital wäre weder leistungsgerecht noch sinnvoll und letztlich für die Studierenden auch nicht fair“, meint Schäflein-Armbruster. Er betont: „Ungeprüft oder gar leichtfertig wurde und wird keine einzige Präsenzprüfung durchgeführt.“

Das Machbare auch getan

Schäflein-Armbruster kann das Missbehagen von Leon R. zwar verstehen. Ihm persönlich würden Gespräche mit den Fachleuten jedoch weitgehende Sicherheit vermitteln, dass die HFU das Machbare getan habe. Deshalb müsse bei Einhaltung der Corona-Regeln, die für Präsenzveranstaltungen und Präsenzprüfungen gelten, kein Unbehagen aufkommen. Er selbst habe außerdem bislang die Erfahrung gemacht, dass sich die Studenten diszipliniert an die Vorgaben hielten. Deshalb fühle er sich selbst bei den Präsenzveranstaltungen gut und sicher, so Schäflein-Armbruster. „Wenn eingehalten wird, was Regel ist, dann hält sich die Gefahr einer Ansteckung in sehr engen Grenzen“, ist der Professor überzeugt.

Die HFU sei überzeugt, „ein verantwortungsbewusstes, faires und ausgewogenes Vorgehen für alle Beteiligten gefunden zu haben“, so der Prorektor für Lehre. Er bemerkt zudem: „Corona verlangt von uns allen und jeden Tag, Dinge gegeneinander abzuwägen.“