Mit zunehmenden Schwierigkeiten in Familien, Problemen mit dem Onlineunterricht und Verhaltensveränderungen bei Kindern sehen sich in Zeiten von Corona all jene konfrontiert, die dem Nachwuchs und deren Eltern beratend zur Seite stehen. Dies war das Ergebnis des Treffens der Sozialen ­Runde Furtwangen.

Erster Austausch in digitaler Form

Normalerweise trifft sich die Soziale Runde Furtwangen zwei Mal jährlich zum Austausch. Beteiligt sind alle sozialen Dienste im Bereich Kinder, Jugendliche und Familien in Furtwangen. Der Pandemie geschuldet, haben sich nun zum ersten Mal die rund 20 Vertreter der Kindertagesstätten, Schulen, Schulsozialarbeit, Beratungsstellen, des Jugendamts und der Stadt Furtwangen in digitaler Form ausgetauscht. Zielsetzung ist eine gute Vernetzung und ein gemeinsamer Blick auf aktuelle Themen und Problemfelder, um passgenaue Hilfen anbieten zu können.

Alle sozialen Dienste stehen zur Verfügung

Der Austausch sei stark von der Pandemiesituation geprägt gewesen, stellt Jugendpfleger Dirk Maute fest. Zusammenfassend sei zu sagen, dass alle sozialen Dienste geöffnet sind und zur Beratung zur Verfügung stehen. Alle Einrichtungen würden unter veränderten Voraussetzungen arbeiten, hätten die Angebote an Corona angepasst und seien in der Regel nur nach Terminvereinbarung erreichbar. Informationen über Öffnungszeiten und Anmeldemöglichkeiten sind den Homepages der Einrichtungen oder der Stadt Furtwangen zu entnehmen.

Familiäre Probleme durch Corona deutlich verschärft

Die Teilnehmer berichteten von einer deutlichen Verschärfung der Probleme der Familien, von Kindern und Jugendlichen, erklärt Maute. Gleichzeitig nehme die Komplexität der Anliegen zu. Familien seien auf mehreren Ebenen belastet: Konzentrationsstörungen würden zunehmen und gewohnte Strukturen fehlen, Tagesabläufe seien durcheinander und Medienzeiten erhöht. Die Entwicklung stagniere, weil Strukturen und Anregungen fehlen würden. Auch die Aneignung deutscher Sprachkenntnisse bleibe zurück, weil die Kinder keinen Kontakt zur deutschen Sprache hätten. Es mangle so an Möglichkeiten zur Integration.

Die Beratung zu ergänzenden Sozialleistungen und Existenzsicherung nehme zu, da viele Familien plötzlich in finanziellen Notlagen seien. Auch Ängste, Depressionen und Gewalt seien in der Pandemie verstärkt festzustellen.

Nachwuchs völlig aus dem Rhythmus

Die Schulsozialarbeiterinnen berichten vermehrt über Probleme bezüglich der Lernorganisation sowie -motivation. Einzelcoachings werden angeboten. Vermehrt würden Anzeichen von Frustration und depressiven Verhaltensweisen bei Jugendlichen beobachtet, das Gefühl von Sinnlosigkeit mache sich bemerkbar. Digitale Medien würden häufiger verwendet und könnten den Tag- und Nachtrhythmus völlig durcheinanderbringen. Die Sozialarbeiterinnen würden auch bei Überforderung der Familien, bei Verhaltensveränderungen oder plötzlichen Ängsten der Kinder beraten. Es gebe keine Kontrolle bezüglich einer möglichen Kindeswohlgefährdung, da kein persönlicher Kontakt zum Nachwuchs bestehe.

Nachts wird gezockt, tagsüber geschlafen

Wenn Eltern keine klaren Grenzen setzen und kontrollieren würden, werde nachts gezockt, tagsüber geschlafen, nur zum Online-Unterricht sei die Jugend gefordert. Wechselunterricht sei für Schüler, als ob sie Früh- und Nachtschicht im Wechsel hätten. Sie seien teils sehr verschlafen, unkonzentriert und völlig aus dem Rhythmus.

Die ohnehin schon zunehmende Schulabwesenheit werde verstärkt, die Lehrer könnten nicht nachvollziehen, ob das Kind die Schule verweigert oder es tatsächlich Gründe gebe, weshalb es zu Hause bleibe, beispielsweise weil ein Elternteil Risikopatient sei. Die Gründe wären schwer zu erkennen und dementsprechend könne nicht interveniert werden. Das Vermeidungsverhalten werde verstärkt, Ängste vor der Schule würden steigen.

Fernunterricht wirkt sich negativ aus

Auch der Fernunterricht wirke sich negativ aus. Kinder bedürften einer direkten Ansprache, um motiviert die Aufgaben zu machen und einen Lernerfolg zu haben. Über Fernunterricht lasse sich schwer eine positive Beziehung aufbauen. „Kinder erleben das Erledigen von Arbeitsblättern als sinnlos, wenn nicht unmittelbar eine Rückmeldung des Lehrers erfolgt. Je kleiner oder je leistungsschwächer die Kinder sind, desto wichtiger ist die Rückmeldung des Lehrers“, erläutert Maute.

Den Schülern würden auch die direkten Kontakte fehlen: „Als die Schulen nach dem Frühjahrs-Lockdown wieder geöffnet hatten, war es völlig ruhig auf den Gängen und in den Klassenzimmern. So, als ob die Kinder sich nicht kennen würden“, schildert Maute die Beobachtungen Sie seien es nicht mehr gewohnt gewesen, sich mit anderen Jugendlichen zu unterhalten, obwohl es so viel Gesprächsstoff gegeben hätte. Das soziale Miteinander, Freundschaften und Gruppen müssen wieder aufgebaut werden.

Beratungsstellen verzeichnen mehr Gespräche

In der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche sowie der Interdisziplinären Frühförderstelle würden sich Gespräche wegen Verhaltensveränderungen und Entwicklungsauffälligkeiten mehren. „Die Familien berichten über allgemeine Erschöpfung, Überforderung und Unsicherheit“, betont Maute. Kinder aus bildungsfernen Familien seien besonders benachteiligt und würden ganz abhängen. So gehe die Schere der sozialen Ungleichheit weiter auf.

Sozialleistungen werden verstärkt nachgefragt

Vielen Familien fehle zudem die technische Ausrüstung. Caritas und Diakonie verzeichnen eine zunehmende Nachfrage nach Sozialleistungen. Wegen Einkommensminderung durch Kurzarbeit, Entlassungen oder dem Wegfall von Minijobs seien mehr Personen und vor allem Familien darauf angewiesen, bei Behörden Anträge zu stellen. Viele seien mit den Formalitäten überfordert, so dass die Beratungsstellen beim Ausfüllen der Formulare behilflich seien. Erschwerend komme hinzu, dass die Behörden keine persönlichen Kontakte zuließen.