Zeitgenössische Kunst ist oftmals ungeliebt – vor allem wenn sie im öffentlichen Raum steht. Auch der „Kunsttempel“ vor dem Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen sorgt bis heute für Diskussionen. Wie bei staatlichen Bauvorhaben üblich wurde auch 1989 beim Ausbau des Deutschen Uhrenmuseums ein künstlerischer Beitrag eingeplant. Gewünscht wurde, dass „zwischen Inhalt des Museums und dem Kunstbeitrag ein Zusammenhang hergestellt“ werde.

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Aus fünf eingereichten Projekten wurde 1990 der Entwurf von Bernhard Härtter ausgewählt. Dieser sah ein sechseckiges, verglastes Häuschen vor, darin ein minimal schwingendes Pendel sowie zwei über dem Boden schwebende Stühle. Dazu schrieb Härtter: Das Pendel stehe „kurz vor seinem Stillstand“, und die Stühle repräsentierten die „soziale Dimension“.

Überraschung: alles anders

Zwei Jahre später lieferte Bernhard Härtter seine Arbeit ab. Diese hatte sich inzwischen verändert. Aus dem vorgesehenen Pendel war ein drehendes Ei geworden. Und zwei kaputte Holzstühle hingen nun frei im Raum, gehalten von gebogenen Rohren. Ein verändertes Kunstwerk in neuen Zeiten. Bei der folgenden Präsentation der Arbeit war auch der Künstler anwesend. Härtter begründete die Abwandlung des Entwurfs von 1989 mit dem Zusammenbruch des Ostblocks. Er verwies auf „die Völkerwanderung, die europäische Sozialverschiebung durch die Ereignisse im Osten“.

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Sein erster Entwurf sei eher eine „technische Installation“ gewesen, das neue Werk zeige dagegen, „dass das technische und euphorische Bild der Raumfahrt“, wie man es aus den sechziger Jahren kenne, inzwischen desillusioniert sei. Und während beim ersten Entwurf noch ein Pendel leicht geschwungen habe, sei nun das scheinbar stillstehende Ei eine „eher absurde Angelegenheit“. Der Gag sei, dass der Antriebsmotor für das Ei sichtbar sei.

Radikal verschärft

Das Werk sei „ein politisches Bild über unsere Welt“. Härtters Aussagen zeigen, dass er die ursprünglichen Bezüge seiner Installation radikal verschärft hatte. Die Stühle, welche die soziale Dimension repräsentieren, waren im Projekt von 1990 nur leicht abgehoben gewesen. Jetzt waren sie frei fliegend und sollten aufzeigen, dass das soziale Bezugssystem abhanden gekommen war.

Ein sich drehendes Ei und kaputte Holzstühle. Bernhard Härtters Arbeit von 1992.
Ein sich drehendes Ei und kaputte Holzstühle. Bernhard Härtters Arbeit von 1992. | Bild: Jürgen Liebau

Pendel wird zum Ei

Das zunächst vorgesehene Pendel: war ein Verweis auf das Foucaultsche Pendel gewesen, mit dem die Erddrehung vorgeführt werden kann. Bei Härtter war es jedoch „kurz vor seinem Stillstand“. Das Ei in der neuen Fassung sah nun tatsächlich stillstehend aus, drehte sich dabei jedoch schnell, befand sich quasi in „rasendem Stillstand“. Unter diesem Titel hatte der französische Philosoph Paul Virilio 1992 diagnostiziert, dass die technologische Beschleunigung zum Niedergang, wenn nicht zur Auslöschung unserer Zivilisation führen werde.

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Für die Kunstkommission war der neue Entwurf Härtters eine „eindeutige Weiterentwicklung“. Taktisch etwas ungeschickt hieß es, dass man sich besonders freue, dass das Kunstwerk in Furtwangen stehe, wo man „so etwas nicht vermuten würde“. Auf Nachfrage fügte die Kommission noch hinzu, dass man „bewusst nicht nach Meinungen gefragt“ habe, Kunst ließe sich nicht demokratisieren. Nur wer etwas von Kunst verstehe und über entsprechende Grundlagen verfüge, könne urteilen.

Furtwanger sind empört

Das hörten die Furtwanger natürlich nicht gern und liefen Sturm: Ein selbst ernannter Provinzler beklagte sein „Armes, armes Furtwangen!“, ein Zeitungstitel fragte: „Kunst oder Sperrmüll?“, und das Furtwanger Narrenblatt 1993 machte aus dem „Tempel der Künste“ kurzerhand ein öffentliches Pissoir. Die Furtwanger empörten sich über die verweigerte Mitsprache, über den Preis von 80.000 Mark und über die fehlende Aussage des Kunstwerks. Im April 1993 wurden in einer Nacht- und Nebelaktion Dutzende alter Stühle vor dem „Zeittempel“ aufgeschichtet.

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Einzig Helmut Kahlert, Professor an der Fachhochschule und Stadtrat, mahnte mit Verweis auf das Dritte Reich: „Intoleranz gegen Kunst und Intoleranz gegen Menschen kommen aus der gleichen Wurzel.“ Kahlert sah auch den technikkritischen Ansatz der Arbeit: „Während also das perfekte Stahlei sich dreht und dreht und dreht, wird die Umgebung für den Menschen immer unwohnlicher, wird zum Abfallprodukt.“

Und heute?

Die Polemik gegen das Werk ließ nie nach. Vielleicht ist nach 30 Jahren und angesichts des Klimawandels, der Nitratüberschüsse und des Plastikmülls die Zeit gekommen, die Arbeit von Bernhard Härtter zu würdigen?

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