Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Furtwangen jährt sich in diesen Tagen zum 75. Mal. In einer kleinen Serie erinnern sich Zeitzeugen.

Mitte April 1945 zeichnete sich auch im Raum Furtwangen das bevorstehende Ende des Zweiten Weltkriegs ab. Vor dem Ende standen noch einmal bange Stunden und Tage, niemand wusste, wie die heranrückenden französischen Truppen mit der Stadt und ihrer Bevölkerung umgehen würden.

Tiefflieger eröffnen Feuer

Dies hing vor allem auch davon ab, ob die zurückweichenden deutschen Soldaten in auswegloser Lage noch Widerstand leisten würden. Schon am 20. April hatten französische Tiefflieger auf der Straße in Neukirch deutsche Soldaten gesichtet und das Feuer eröffnet. Dabei gerieten die Pfarrkirche und das Gasthaus „Rößle“ zum Entsetzen der Neukircher in Brand und brannten völlig nieder. Der Mittelpunkt des Dorfes war damit zerstört.

Barockfiguren gerettet

Unter Einsatz ihres Lebens retteten der damalige Mesner Josef Reichenbach und weitere Helfer die wertvollen Barockfiguren der Neukircher Bildhauer Matthias Faller und Adam Winterhalter aus der brennenden Kirche. Die geschnitzten Altäre und die Kanzel aus der Hand Matthias Fallers allerdings wurden ein Opfer der Flammen.

Die Neukircher Kirche (linkes Bild), wie sie sich zwischen den Weltkriegen präsentierte.
Die Neukircher Kirche (linkes Bild), wie sie sich zwischen den Weltkriegen präsentierte. | Bild: Dilger

Jenny Guttenberg, Ehefrau des in Furtwangen schon legendären Landarztes Fritz Guttenberg, war in der Kriegszeit mit ihren Kindern im Leibgeding des Oberroturachhofs in Urach untergebracht und hielt viele Ereignisse in ihrem Tagebuch fest. Sie schrieb über diese Tage:

„Erschütternd war dann das Erlebnis, dass unser liebes Neukircher Kirchle und das Rössle einem Tagesangriff einzelner Jabos zum Opfer fielen und total ausbrannten. Man sah es von der Kalten Herberge aus. Das geschah am 20. April, am Tag bevor das ganze deutsche Militär aus unserer Schwarzwaldecke abziehen sollte.

Gegend vollgepfropft von deutschen Soldaten

Die Gegend war unheimlich vollgepfropft von deutschen Soldaten. In Furtwangen kam man kaum mehr durch vor Militärwagen. Die Gerüchte, ob die Stadt verteidigt werden solle oder nicht, jagten sich. Geschütze wurden auf der Neueck und hinterm Krankenhaus eingebaut, alle Ortseingänge verrammelt mit Barrikaden, und die Straße zwischen Gütenbach und dem ‚Sternen‘ gesprengt, im letzten Moment auch das Viadukt im Höllental zerstört.

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Tag und Nacht hörte man das Dröhnen von Sprengungen und die Einschläge der Bomben, hörte man kleinere und größere Fliegerverbände, verfolgte sie wie silberne Vögel blitzend am blauen Himmel, wie sie ungehindert auf ihr Ziel zuflogen in Richtung des Ortes der Verwüstung und Zerstörung.

Zwei Dachstuhlbrände

Ein Tag nach dem Angriff auf Neukirch wurde auch Furtwangen zum ersten und letzten Mal belästigt. Es ging aber mit zwei Dachstuhlbränden und unzähligen Geschossspuren an fast allen Häusern der Umgebung, auch am eigenen, ab. Dann wurde dem Militär freigestellt, ob es einen Durchbruch durch den 20 Kilometer breiten Ring nach Osten hin versuchen oder auf eigene Faust sich irgendwohin durchschlagen wolle.

Gewühl von Autos und Panzern

In dieser Nacht um 2 Uhr, in der ein wildes Gewühl von Autos, Panzern, Sanitätswagen, Rössern und Soldaten auf allen Straßen bis hinauf zur Neueck war, wo die eigenen Geschütze wieder gesprengt wurden, fuhren wir mit dem Opel, zwei darauf gebundenen Rädern und allen Habseligkeiten, die wir noch retten wollten, durch die wegen der Flieger alle ohne Licht manövrierenden Wagen, aufs Hüttle .“ Damit ist das Leibgeding des Oberroturachhofes gemeint. Soweit Jenny Guttenberg in ihrem Tagebuch.

Kirche schnell wieder aufgebaut

Die Neukircher machten sich bald nach Kriegsende wieder an den Aufbau ihrer Kirche, bereits am 17. Oktober 1946 wurde Richtfest gefeiert, und am 19. September 1948 fand die feierliche Wiedereinweihung statt. Allerdings dauerte es bis zum Jahre 2013, bis die Kirche auch wieder ihre Turmuhr erhielt wie vor dem Krieg.

Seit 2013 tickt ein altes mechanisches Uhrwerk aus den 1920er-Jahren im Turm der Neukircher Kirche. Klaus Schonhardt restaurierte das gute Stück in rund 80 Stunden ehrenamtlicher Arbeit. In den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren brannte das Gotteshaus ab, wurde aber nach Kriegsende schnell wieder aufgebaut. Bild: Schultheiß
Seit 2013 tickt ein altes mechanisches Uhrwerk aus den 1920er-Jahren im Turm der Neukircher Kirche. Klaus Schonhardt restaurierte das gute Stück in rund 80 Stunden ehrenamtlicher Arbeit. In den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren brannte das Gotteshaus ab, wurde aber nach Kriegsende schnell wieder aufgebaut. Bild: Schultheiß | Bild: Schulheiß/ Repro Dilger

Auch das Gasthaus „Rößle“ wurde von 1949 bis 1953 wieder aufgebaut, allerdings brannte es 1981 zum vierten Mal nach zwei Bränden im 19. Jahrhundert und nun wohl auch zum letzten Mal bis auf die Grundmauern ab.