Schlimme Nachrichten über die Corona-Pandemie in Italien sind täglich in den Medien zu lesen. Ganz besonders stark betroffen ist dabei die Region Bergamo in Norditalien, was indirekt auch wieder viel mit Furtwangen zu tun hat. Denn mit der Region Bergamo pflegt das Furtwanger Otto-Hahn-Gymnasium mit Realschule seit mehr als 20 Jahren einen musikalischen Austausch. Musiklehrer Francesco Chigioni, der zu den Begründern dieses Austauschs gehört, schildert nun in einem Brief aus Bergamo seine Eindrücke von dieser Katastrophe.

Besuch im Mai bereits abgesagt

Die Musiklehrer aus Furtwangen hatten ihm zuvor mitgeteilt, dass der für Mai geplanten Besuch der OHG-Schüler in Spirano bereits abgesagt wurde. Dadurch sind indirekt sicher viele Familien in Furtwangen und Umgebung von dieser tragischen Entwicklung in der Region Bergamo betroffen. Denn häufig bleiben nach dem musikalischen Austausch mit Spirano und OsioSopra die Kontakte der Schüler und teilweise auch der Familien über Jahre hinweg bestehen.

Noch im August des letzten Jahres war Francesco Chigioni selbst mit seinen Kindern, die ebenfalls als Schüler am Austausch mit Furtwangen teilgenommen hatten, zu einem Konzert in der Furtwanger Pfarrkirche St. Cyriak zu Gast gewesen.

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In einem Brief vom Donnerstag der vergangenen Woche, die Situation in Italien hat sich seither noch weiter verschärft, schildert Musiklehrer Francesco Chigioni die aktuelle Lage.

Zwei Todesfälle in der Familie

Ihm und seiner Familie gehe es gut. Allerdings sei sein Geburtstag am Tag zuvor überschattet worden unter anderem vom Tod des Schwiegervaters an diesem Tag und des Ehemanns seiner Cousine einen Tag vorher.

Allein schon die Situation im Krankenhaus, wo sein Schwiegervater starb, sei dramatisch. Ältere Patienten können nicht mehr intubiert und beatmet werden, weil nicht genügend Ausrüstung vorhanden sei. Ein Freund aus der Klinik habe ihm berichtet, dass man inzwischen wie im Krieg eine Triage durchführen muss, also eine Beurteilung, bei welchen der unzähligen Patienten man noch zu helfen versucht und bei welchen nicht mehr. Und hier haben eben die Jüngeren Vorrang.

Risiken gehen von Enkelkindern aus

Für viele ältere Menschen gehen die Risiken von den Enkelkindern aus, „die jung und widerstandsfähiger und scheinbar gesund sind, aber als Träger der Infektion ihre Großeltern zum Tod verurteilen“, so Francesco Chigioni. Allein im Dorf Nembro, wo einige seiner Schüler leben, sind in weniger als zwei Wochen 100 Menschen gestorben, im Jahr zuvor waren es 120 im ganzen Jahr. Die Familie von Francesco Chigioni lebt inzwischen seit mehr als drei Wochen im Haus und niemand kommt heraus, außer um einkaufen zu gehen mit persönlich ausgestellter Bescheinigung, die bei einer Kontrolle der Polizei gezeigt werden muss.

Der Konvoi der italienischen Armee aus Bergamo transportiert die Leichen der am Coronavirus Verstorbenen zum Friedhof von Ferrara, wo sie eingeäschert werden.
Der Konvoi der italienischen Armee aus Bergamo transportiert die Leichen der am Coronavirus Verstorbenen zum Friedhof von Ferrara, wo sie eingeäschert werden. | Bild: Paolone

Jeden Tag werden aber in Italien mehrere 1000 Menschen angehalten, weil sie unbefugt unterwegs sind und so andere gefährden. Das treffe nicht nur für Bergamo direkt zu, auch in Osio Sopra gibt es viele Infizierte und Patienten auf der Intensivstation und auch viele Opfer, die er selbst gut kannte. Mit seinen Schülern ist er jeden Tag im Kontakt mit Fern- und E-Mail-Unterricht, bis zu zehn Stunden am Tag: „Die Schule geht weiter und zum Glück hilft die Arbeit!“

Erschreckt über deutsche Behörden

Erschreckt zeigt sich Francesco Chigioni über die deutschen Behörden: „Als ich vor zehn Tagen sah, dass die deutschen Zahlen die gleichen waren wie die von Bergamo neun Tage zuvor, dass die Behörden keine Maßnahmen ergriffen und die Schulen normal geöffnet waren, schrieb ich an meine Kollegen, um zu empfehlen, umsichtig zu sein und zu Hause zu bleiben. Die Zeit wird zurückkehren, um Sport zu treiben, Freunde zu treffen und sorglos zu leben, aber jetzt haben wir die Verpflichtung, Verantwortung zu zeigen und unseren Teil dazu beizutragen. Wenn die Ansteckung nicht so schnell und weit verbreitet gewesen wäre, hätten viele unserer Freunde und Verwandten gerettet werden können!“

Und inzwischen zeigen ihm die neuen Zahlen aus Deutschland, dass er mit seiner Befürchtung Recht hatte, dass die Entwicklung in Deutschland genauso rasant voranschreitet wie in Italien.

Militär transportiert Särge ab

Inzwischen erlebt er in Bergamo schreckliche Bilder, wenn Kolonnen von Militär-Lastkraftwägen die Stadt verlassen. Beladen mit den Särgen der Verstorbenen fahren sie in Krematorien in anderen Teilen des Landes, weil die Krematorien in Bergamo überlastet sind und auch auf dem Friedhof ohne Pause beerdigt wird.

Francesco Chigioni hofft nun, dass die Vorhersagen der Fachleute zutreffen, dass in diesen Tagen die Zahl der Infektionen langsam sinken soll. Und am Ende seiner Mail spricht er die Hoffnung aus, dass die Musik eine Botschaft der Hoffnung und des Glaubens in solch schwierigen Situationen vermitteln und damit trösten könne.

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