Der Fanfarenzug im Turnverein Donaueschingen ist eine Besonderheit. Zwischen Turnern, Gymnastiksportlern, Volley- und Basketballern wirken die uniformierten Musiker wie ein Unikum im sportgeprägten Großverein. Aber sie bilden seit 1972 eine eigene Abteilung, ein Verein im Verein, wie es Ralf Gliese im Gespräch gerne formuliert. Eine Abteilung mit Stolz, die ihre Angelegenheiten eigenständig regelt, eine eigene Kasse führt und stets in der Lage war, mit den eigenen Einnahmen Instrumente und Musiker selbst zu beschaffen.

Corona war der Sargnagel

„Aber wir sind ein Auslaufmodell“, muss der kommissarische Vorsitzende einräumen und schließt dabei weitere kränkelnde und bereits abgewickelte Fanfarenzüge in der Region mit ein. Es geht der Abteilung schlecht, acht Mitglieder sind noch dabei.

Der Fanfarenzug stellt sich im Jahr 2002 zum 30-jährigen Bestehen zum Erinnerungsfoto auf.
Der Fanfarenzug stellt sich im Jahr 2002 zum 30-jährigen Bestehen zum Erinnerungsfoto auf. | Bild: Ralf Gliese

Zum Proben habe sich das letzte Häuflein zwar weiter getroffen, doch Corona war der Sargnagel. Jetzt verliere man sich einfach aus den Augen. Schade, auch dass die Stadtgeschichten verschoben wurden. Sie wären nochmals ein Anlass gewesen, sich gemeinsam mit anderen Vereinen zu präsentieren.

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So liege das Thema Auflösung brach, bleibe aber unausweichlich, sagt der 46-jährige Donaueschinger, der als Systemintegrator in der IT arbeitet. Man werde das Vorgehen mal in einer ruhigen Runde besprechen und dann „Nägel mit Köpfen“ machen.

Der Fanfarenzug gibt am Hanselbrunnen ein Konzert.
Der Fanfarenzug gibt am Hanselbrunnen ein Konzert. | Bild: Ralf Gliese

Mehrere Faktoren bedingen den Niedergang, der vor etwa zehn Jahren einsetzte. Zwar waren es die Jahre nach der Jahrtausendwende, die dem Verein einen Nachwuchs-Boom und eine Mitgliederzahl von über 30 bescherte, doch mit Einführung des Ganztagsunterrichts um 2010 „haben wir keinen einzigen neuen Jugendlichen bekommen“.

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Dazu kommt mangelndes Verständnis für die Aufgaben des Fanfarenzugs. „Für viele sind wir einfach nur ein Fasnachtsverein“, sagt Gliese. Also im Winter ein bisschen proben, dann die Fasnet und dann wieder ein Dreivierteljahr Pause. Dass an der Mitgliedschaft ganzjähriges Proben hängt, sei vielen aber nicht bewusst und irgendwann lästig. Und andere gingen eben direkt zu einem Musikverein.

Historische Funktion fällt weg

Zunehmend aus der Zeit gefallen scheint aber auch die historische Funktion der Fanfarenzüge. Sie sind die musikalischen Begleiter bei Turner-Großveranstaltungen gewesen. Im Festumzug vorneweg, das war für gute Musiken eine Auszeichnung. Jetzt kommt die Musik aus dem Lautsprecher und die Ausrichtung großer Turnfeste ist selten geworden.

Auftritt am Hockenheimring

Dabei erlebte der TV-Fanfarenzug, der 1972 als mittlerweile dritte neu gegründete musikalische Abteilung des seit 1864 bestehenden Turnvereins an den Start ging, denkwürdige Auftritte. Von einem Auftritt auf Schloss Neuschwanstein weiß Gliese von seinem Vater, später durften die Donaueschinger mal am Hockenheimring die Deutsche Tourenmeisterschaft eröffnen. Aber auch in seiner Heimatstadt glänzte der Fanfarenzug.

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Etwa im Jahr 1993, als Donaueschingen zur Großen Kreisstadt erhoben wurde, oder zwei Jahre zuvor, als Donaueschingen für eine Woche der Nabel der Sportwelt war.

Gewichtheber-WM in Donaueschingen: Bläser aus dem Fanfarenzug spielen bei den Siegerfeiern die Nationalhymnen.
Gewichtheber-WM in Donaueschingen: Bläser aus dem Fanfarenzug spielen bei den Siegerfeiern die Nationalhymnen. | Bild: Ralf Gliese

Bei der Gewichtheber-WM trat der Fanfarenzug nicht nur als kompletter Verein auf. Zudem spielten bei allen Siegerehrungen sechs Bläser des Fanfarenzugs die jeweilige Nationalhymne. „Weil wir da viel Zeit zum Warten hatten, lernten wir viele Athleten von einer ganz privaten Seite kennen“, schwärmt Gliese von diesem Jugend-Highlight.