„Leuchtend blühet Salbei ganz vorn am Eingang des Gartens, süß von Geruch, voll wirkender Kräfte und heilsam zu trinken. Manche Gebresten der Menschen zu heilen, erwies sie sich nützlich, ewig in grünender Jugend zu stehen hat sie sich verdient.“ (Quelle: „De culturahortorum“ , kurz „Hortulus“/Gärtlein, von dem Reichenauer Benediktinermönch Walahfrid Strabo, um 840.)

Jeder Garten ist anders. Und jeder Gärtner hat seine individuelle Vorstellung darüber, wie sein Fleckchen Grün auszusehen hat – denn die Geschmäcker sind verschieden. In Deutschland sind Staudengärten sehr beliebt, weil sie für viele attraktive Blütenbilder sorgen und der Pflegeaufwand überschaubar ist. Andere haben sich Japanischen Gärten mit aufwendig gestalteten immergrünen Gehölzen, Gewässern und fein geharkten Wegen verschrieben. Alles ist hier geplant, nichts wird dem Zufall überlassen. Dritte favorisieren den klassischen Bauerngarten mit Kräutern, Gemüse und Blumen. In jüngerer Zeit erleben Naturgärten einen Boom, immer mehr Menschen wollen sich die Natur nach Hause holen.

Ein bisschen Deko muss sein: Sempervivum (Hauswurz) in einer Schüssel auf Totholz.
Ein bisschen Deko muss sein: Sempervivum (Hauswurz) in einer Schüssel auf Totholz. | Bild: Niederberger, Holger

Eine Spielart von Naturgärten sind die sogenannten Hortus-Anlagen, auch als Drei-Zonen-Gärten bekannt. Susanne Kamphenkel aus Allmendshofen hat sich dem Hortus-Netzwerk angeschlossen, einem losen Verbund von Gartenfreunden, die auf ihrer Scholle die Hortus-Maxime aus Vielfalt, Schönheit und Natur verwirklichen wollen. Laut einer Image-Broschüre wollen die Hortusianer „Oasen des Lebens“ schaffen. Im vergangenen Jahr adelten die Vereinten Nationen die neue Gartenbewegung als offizielles UN-Dekade-Projekt.

Ein Herz für Tiere: ein Igelschlafhaus.
Ein Herz für Tiere: ein Igelschlafhaus. | Bild: Niederberger, Holger

Als Susanne Kamphenkel mit ihrem Mann vor zwei Jahren in das Haus mit großem Garten an der Riedstraße einzog, machte die gelernte Krankenschwester und Heilpraktikerin zunächst allen invasive Neophyten, also eingeschleppten und gebietsfremden Pflanzen den Garaus, Kirschlorbeer und Thuja-Hecken fielen der Spitzhacke zum Opfer. Letztere erfreuten sich jahrzehntelang großer Beliebtheit, weil sie meistens immergrün und dicht sind. Aber: Sie sind der Natur weitgehend abträglich, weil sie heimischen Insekten und Vögeln keine

Jeder Platz wird genutzt: Wildbienennisthilfen, Hängeerdbeeren, Nistkästen und Futterstellen für Vögel.
Jeder Platz wird genutzt: Wildbienennisthilfen, Hängeerdbeeren, Nistkästen und Futterstellen für Vögel. | Bild: Niederberger, Holger

Nahrung bieten.

Eines der wichtigen Module des Hortus (siehe Erklärstück), die Pufferzone, hat Susanne Kamphenkel entlang eines Zauns umgesetzt. Sie dient dem Sichtschutz und besteht aus einheimischen Sträuchern. In diesen Tagen arbeitet die 57-Jährige an einem Schwesternbeet, wie es schon die Indianer kannten. Mais, Kürbisse und Bohnen ergänzen sich hier in ihrem Wachstum und bringen große Erträge. Die Ertragszone ist ein weiteres Modul im Drei-Zonen-Garten.

Von der UN geadelt: Das Projekt Hortus.
Von der UN geadelt: Das Projekt Hortus. | Bild: Niederberger, Holger

Das Beet vor der Terrasse ist als Magerbeet (Hortusianer sprechen von einem Hotspot) geplant. Hier sollen vorwiegend einheimische Blühpflanzen wachsen, die Futterstelle und Lebensraum für Insekten sind. Eine Totholzhecke sorgt für Nist- und Versteckmöglichkeiten, beispielsweise für den Zaunkönig. In die zwei Kompostbehälter kommen laufend Gartenabfälle, die zu guter Erde verrotten und so wieder in den Kreislauf der Natur eingebracht werden.

Schon von einem Zaunkönig in Beschlag genommen: die Totholzhecke.
Schon von einem Zaunkönig in Beschlag genommen: die Totholzhecke. | Bild: Niederberger, Holger

Drei-Zonen-Gärtner lieben es zu „horteln“, sprich Material zu sammeln, das im Garten eine Zweitverwertung findet. Zum Beispiel große Steine, Wurzeln und Stämme oder Ziegelbruch. Steine hat Susanne Kamphempel schon gesammelt, aus ihnen soll eine Pyramide oder Natursteinmauer als Biotop für Eidechsen und Käfer entstehen. Vom großen Herz für Tiere zeugen auch die vielen Nistkästen und Futterstellen für Vögel, Nisthilfen für Wildbienen sowie ein Igelhaus: der Garten als Arche Noah für einheimische Tiere und Pflanzen.

„Horteln“ macht Spaß: Aus diesen Steinen entsteht ein Biotop für Eidechsen und Käfer.
„Horteln“ macht Spaß: Aus diesen Steinen entsteht ein Biotop für Eidechsen und Käfer. | Bild: Niederberger, Holger

Auffallend und dem Interesse von Susanne Kamphenkel als ausgebildete Phytotherapeutin (Pflanzenheilkundlerin) geschuldet sind die vielen Heilpflanzen in ihrem Hortus. Da wachsen Schwarze Johannisbeeren, aus deren Knospen sie Tinkturen zum Beispiel gegen Heuschnupfen gewinnt. Auch andere immunstärkende Kräuter wie Andorn, Echinacea, Eibisch, Minze oder Salbei finden sich in den Beeten.

Hier ensteht ein Magerbeet, die sogenannte Hotspot-Zone.
Hier ensteht ein Magerbeet, die sogenannte Hotspot-Zone. | Bild: Niederberger, Holger

Für die Küche hält der Garten einige Gewürzkräuter wie Eberraute oder Wilden Schnittlauch bereit, aus Brennesseln entsteht leckerer Spinat. Das Interesse an Kräutern weckte ihre Großmutter, ein Biologielehrer motivierte sie, ihr Wissen zu vertiefen und später belegte sie entsprechende Fortbildungskurse. Heute profitieren die Patienten des Donaueschinger Klinikums von Susanne Kamphenkels Leidenschaft, sie bietet immer wieder Seminare über Heilkräuter an.

Schöner als ein Plastik-Sticker: Pflanzenname auf einer Tonscherbe.
Schöner als ein Plastik-Sticker: Pflanzenname auf einer Tonscherbe. | Bild: Niederberger, Holger

Hortus in Kürze

  • Idee und Gründer: Mit dem Naturschutz im eigenen Garten, sei er auch noch so klein, zu beginnen: Aus dieser Idee entwickelte der studierte Geograf Markus Gastl sein Hortus-Netzwerk. Für sein Engagement wurde er 2018 mit der Bayerischen Staatsmedaille ausgezeichnet. Sie ist die höchste Auszeichnung, die der Bayerische Staat für „herausragende Verdienste um die Umwelt“ zu vergeben hat. Gastls Garten der Insekten im bayerischen Ehingen ist ein Naturparadies auf 7000 Quadratmetern und zählt zu den schönsten Gärten Bayerns. Gastls Motto: „Sei nicht Sklave einer Utopie, sondern Diener deiner Vision!“
  • Konzept: Ein Hortus (lateinisch für Garten) dient der Förderung der biologischen Vielfalt und den Menschen gleichermaßen. Er teilt sich in die drei Zonen Pufferzone, Hotspot und Ertragszone auf. Die drei Zonen sind ein Modell, das jeden Gartenbesitzer dabei hilft, den Garten ökologisch zu optimieren, ihm aber die Freiheit lässt, seine grünes Glück auf die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort anzupassen.
  • Pufferzone: Sie fasst den Garten ein und grenzt ihn nach außen hin durch eine Hecke aus heimischen Sträuchern ab. Hier werden auch Lebensräume für die Tierwelt angelegt, etwa Totholz- und Reisighaufen, Käferkeller oder Eidechsenburgen.
  • Ertragszone: Sie befindet sich in der Regel direkt am Haus und umfasst Gemüse- und Kräuterbeete, Beerensträucher, Apfelbäume und so weiter. Dieser Bereich ist für das Ernten und damit die Versorgung des Menschen gedacht.
  • Hotspot: In diesem meist sonnigen Bereich des Gartens wird der Boden abgemagert, da auf dem mageren Substrat ein Vielfaches von einheimischen Arten gegenüber einer fetten, gedüngten Fläche wächst. Hier gilt der Grundsatz: „Magerkeit schafft biologische Vielfalt!“ Diese an einheimischen Blüten reiche Zone kann mit Steingartenanlagen, Sandarien, Sumpfbereichen oder Teichen (je nach Möglichkeit im eigenen Garten) ergänzt werden, um hier für Insekten, Vögel, Reptilien und Amphibien neue Lebens- und Bruträume zu schaffen. (hon)

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