Was für eine Überraschung: Eigentlich wollte Wolterdingen in zwei Jahren groß sein 1250. Jubiläum feiern und hat auch schon mit der Planung begonnen. Nun ist der Ort aber doch noch nicht so alt, wie er immer geglaubt hat.

Zum Jubiläum soll auch eine neue Art von Chronik entstehen. Ein Ausschuss mit Alt-Ortsvorsteher Reinhard Müller, Mechtild Neininger-Hofmann und Arthur Kaiser setzt hierbei auch auf die Meinung von Kreisarchivar Clemens Joos. Bis dato ging man davon aus, dass die Ersterwähnung aus dem Jahr 772 stammt.

Doch der Kreisarchivar entdeckte im Laufe seiner Recherchen Interessantes: Der größte Donaueschinger Stadtteil kann zwar in wenigen Jahren schon Jubiläum feiern, allerdings erst im Jahr 2025, und nicht schon 2022. Der Grund: Die Urkunde mit der erstmaligen Nennung Wolterdingens wird von der Forschung mittlerweile neu datiert.

Clemens Joos erklärt: „Als ‚Uuuldartingas‘ wird Wolterdingen in einer Urkunde des Klosters St. Gallen aus dem achten Jahrhundert erstmals genannt. Es ist keine ‚Geburtsurkunde‘, sondern der ‚Taufschein‘ Wolterdingens.“

„Uuudartingas“ wird darin als eine schon bestehende Siedlung beschrieben. Verfasst wurde diese Urkunde von einem Schreiber namens Waldo. Wie viele Urkunden dieser Zeit, ist sie allerdings nicht genau nach Jahreszahlen datiert, sondern weist mehrere Datierungselemente auf, die der Forschung bis heute Kopfzerbrechen bereiten.

Das wichtigste davon ist die Einordnung in das vierte Regierungsjahr König Karls (des Großen). Das hört sich eindeutiger an, als es tatsächlich ist: Zählte Waldo vom Jahr 668 an, als Karl König des nördlichen Reichteils wurde, oder von 771, als ihm nach dem Tod seines Bruders Karlmann auch das südliche Frankreich zufiel, in dem das Kloster St. Gallen lag?

Passend zur Wolterdinger Glasfabrikhistorie könnten die Festbändel zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 2025 gefertigt werden.
Passend zur Wolterdinger Glasfabrikhistorie könnten die Festbändel zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 2025 gefertigt werden. | Bild: Anita Reichart

Während die älteste Forschung im 17./18. Jahrhundert von 771 ausging und die Urkunde in das Jahr 775 setzte, bevorzugte Hermann Wartmann, der 1863 den ersten Band des „Urkundenbuches der Abtei Sanct Gallen“ bearbeitete, das Jahr 768 und datierte die Urkunde folglich auf 772. Aber auch Wartmann war sich seiner Sache nicht ganz sicher, denn er setzte vorsichtshalber 775, in Klammern, dahinter. Wartmanns Urkundenbuch sollte beinahe 100 Jahre maßgeblich bleiben, und so blieb es auch bei der Datierung „772 (775)“, beispielsweise in dem 1885 erschienenen fünften Band des „Fürstenbergischen Urkundenbuches“.

Als 1960 die Wolterdinger Chronik erschien, machten es sich die Autoren Emil Hauger und August Vetter aber einfach. Sie ließen die Klammer und jede Vorsicht fallen, und behaupteten kurz und bündig, dass die Urkunde vom 2. Mai stamme. So hat sich in Wolterdingen die vermeintlich eindeutige Datierung 772 eingeschlichen, während die Wissenschaft weiter über Waldos Urkunden brütete.

Des Rätsels Lösung liegt in St. Gallen

Seit 1983 entsteht nun in St. Gallen unter der Ägide von Otto P. Clavadetscher, Professor Stefan Sonderegger und Stiftsarchivar Peter Erhart eine groß angelegte Neuedition der mittelalterlichen Urkunden des Klosters, „Cartularium Sargallense“ , in der jede einzelne noch einmal auf dem neuesten Stand der Wissenschaft untersucht, beschrieben und ihr Text übertragen wird. Der 2013 erschienene erste Band des „Chartularium“ zu den Jahren 700-800 behandelt auch die Urkunde Waldos und kommt zum Ergebnis, dass Waldo von 771 an zählte und die Wolterdinger Urkunde somit in das Jahr 775 zu datieren ist.

„Diese Tatsache kommt gerade rechtzeitig, und gibt dem Wolterdinger Fest-und Chronikausschuss zusätzlich Zeit, um im Jahr 2025, dann hoffentlich ohne Corona, in Wolterdingen ein rauschendes Fest zu feiern“, fügt Kreisarchivar Clemens Joos an. Im Nachhinein ist man in der „Macherrunde“ gar nicht böse, dass man nun etwas mehr Zeit zum Planen hat, was wegen der aktuellen Lage zum Erliegen kam.

Doch untätig will man im Hintergrund nicht sein. Das nächste Treffen des Festausschusses soll Anfang 2021 stattfinden.