Ob Weihnachten um einige Tage vorverlegt wurde? Vor Kurzem wird mein Schreibfluss in der Redaktion durch die tönende Hupe eines Autos unterbrochen. Mein Blick wandert über die gläserne Fensterfront nach draußen, wo ein rotes Auto unerwartet vor dem Haus hält. Ich traue meinen Augen kaum: Im Kofferraum erkenne ich die silberne Silhouette eines Peugeot-Fahrrads. Ein Mann steigt aus. Und der Kofferraum öffnet sich. Von der Ladefläche zieht der Mann das Fahrrad ins Freie.

Hannah Schedler
Hannah Schedler | Bild: Singler, Julian

Nach kurzem Überlegen dämmert es mir, dass dieses Fahrrad möglicherweise an mich adressiert ist. Denn jüngst wurde mir mein heiß geliebtes Fahrrad direkt an der Redaktion entwendet.

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Euphorisch bewege ich mich aus der Redaktion. Auf meinen fragenden Blick hin stellt sich der Mann als Manfred Holzmann vor. Durch die Zeitung hatte er von meiner ganz persönlichen Rad-Tragödie erfahren. Dann entschied er kurzerhand, mir sein altes Fahrrad zu schenken. Und wird damit zum Retter in Not. Also fuhr der Grüninger samt Fahrrad vor die Redaktion. Fast sentimental werde ich, als ich bemerke, dass das Modell meinem verschollenem Vorgänger zum Verwechseln ähnlich sieht. Es gibt es doch, das Gute im Menschen.

So sieht es aus, das alte beziehungsweise neue Peugeot-Fahrrad.
So sieht es aus, das alte beziehungsweise neue Peugeot-Fahrrad. | Bild: Hannah Schedler

Aber es kommt noch besser. Denn der Spender gibt mir nicht nur sein Fahrrad, sondern schenkt mir auch eine Aluminium-Standluftpumpe, die er vor 13 Jahren in Niedereschach gekauft hatte; das kann man dem beiliegenden Kassenzettel entnehmen. Außerdem hat das Fahrrad sogar noch einen Korb am Lenker. Optimale Voraussetzungen, um ein treuer Begleiter zu werden, erfüllt das Fahrrad allemal. Nur eine Kleinigkeit fehlt nun noch, damit ich der journalistischen Arbeit wieder vollends nachgehen kann: ein neues Schloss. Denn dieses Fahrrad möchte ich nicht mehr so schnell hergeben.

Dank der Großherzigkeit von Manfred Holzmann bin ich als Mitarbeiterin des SÜDKURIER nun also wieder mobil. Und kann dem Ruf einer rasenden Reporterin mehr denn je gerecht werden – trotz der zuletzt aufgezwungenen Fußgänger-Phase. Ob ich überhaupt noch Fahrradfahren kann? Das wird sich zeigen, aber gewisse Dinge verlernt man doch schließlich nie.