Vier Jahre lang hat die zeitgenössische Kunst in den Fürstenbergischen Sammlungen eine Zwangspause eingelegt. Nun wird mit zwei neu eröffneten Ausstellungen das breite Spektrum der zeitgenössischen Kunst aufgezeigt.

Kunst kann wie bei der Installation „Liaison“ mit den knallig roten, herzförmigen Folienluftballons des Künstlers Fort in der Ausstellung „Neun Neue Räume“ den Besucher auffordern, unmittelbar an dieser Liaison teilzunehmen, sie kann aber auch wesentlich subtiler, stiller, hintergründiger und dafür umso nachhaltender daherkommen, wie in der Einzelausstellung mit den Fotografien Jochen Lemperts. Auch Christian Erbprinz zu Fürstenberg zeigt sich bei der Vernissage begeistert von den Arbeiten des Hamburger Fotografen: „Als naturverbundene Familie schätzen wir seine Arbeiten überaus.“ Besonders mit seinen Natur- und Tiermotiven nehme der Künstler Bezug zum Museum und zur Naturhistorischen Sammlung, sagt er.

Bei der Ausstellungskonzeption konnte der 1958 in Moers geborene, studierte Biologe, der seit den frühen 1990er Jahren als Fotograf arbeitet, aus dem Vollen schöpfen. Frösche, Tauben, Schwäne, Insekten, Pflanzen, Wolken, Wälder, Gewässer – die Vielfalt der Natur bevölkert Lemperts Bilder. Die Fotografien verwickeln die Betrachter beim näheren Hinsehen in ein Spiel der Assoziationen und Vergleiche. Die Tollkirsche bildet eine Sichtachse mit den Knopfaugen des Eichhörnchens, das Buschwerk formiert sich zum Hirschgeweih. Großes wie Kirchtürme wird klein, Kleines wie Käfer erscheint überdimensional. Indem Lempert der filigranen Formensprache der Natur nachspürt, spielt er auch immer mit den Mechanismen der Wahrnehmung. Das Schwarz-Weiß und die Körnigkeit der Silbergelatine-Abzüge auf Baryt-Papier erlauben zudem eine Abstraktion im Erleben der Umwelt. Ihr pointierter Einsatz lädt ein, genauer hinzuschauen, sich viel Zeit zu nehmen und den Zauber natürlicher Anordnungen zu bestaunen. Die Schattenwürfe der Blätter auf einer alten Tür geben den Blick frei auf den „Schwalbenschwanz“, das winzige Blatt ist der Hauptdarsteller im Bild „Falling Leaf“ und der Hase muss in der passbildgroßen Fotografie „Angelusläuten“ aufgespürt werden.

Zuweilen kommt es aber auch auf den richtigen Moment beim Fotografieren an. So lässt Jochen Lempert daran teilnehmen, wenn ein Schwan seine ausgefallene Feder im Wasser bestaunt oder eine Ameise auf ihrem Rücken das Blatt perfekt ausbalanciert. Ob Lempert nun zarte Efeuranken, knorrige Baumpilze und den Schmetterling auf der Türklinke ablichtet oder die blasse Topinambur-Wurzel zeigt, das Besondere tritt im scheinbar Gewöhnlichen hervor.

Doch Lemperts poetisches Werk stellt die Natur in einem Zustand vor, der immer mehr in Gefahr gerät: Die Eingriffe des Menschen in die Umwelt verkleinern die Überlebenschancen der Tier- und Pflanzenwelt. Die Neugier und Begeisterung für die Natur, die aus jedem seiner Bilder sprechen, können nur daran erinnern, wie wichtig der Erhalt dieser Vielfalt ist. Die Abbildungsmöglichkeiten des Mediums Fotografie verschmelzen mit den Eigenschaften der Tiere, den Erscheinungen der Pflanzen: Es entsteht ein Werk, das sich als künstlerische Variation der Biologie interpretieren lässt.

Derart eingestimmt in die Schule des Sehens, gilt es nun, ein Stockwerk höher, aktuelle Kunst in den „Neun Neuen Räumen“ zu entdecken, wie zum Beispiel Christiana Soulous feine Zeichnungen, in denen sie ganz romantisch Fragen zum Leben stellt.